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Wertedebatte: Feindbild '68

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Die 68er sind an allem schuld: am Verlust der Werte, an Geburtenrückgang und Arbeitslosigkeit. So sehen es die neuen Konservativen - und machen es sich zu leicht. Vom vielbeschworenen Werteverfall kann vor allem bei der jüngeren Generation keine Rede sein.

Muss eine schlimme Zeit gewesen sein damals. Deutschland war einer totalitären Ideologie verfallen, gewalttätige Horden regierten auf den Straßen, ihren Führern bedingungslos ergeben. Andersdenkende wurden fertiggemacht, Gewalt war an der Tagesordnung. Traditionelle Werte und bürgerliche Kultur gab man der Lächerlichkeit Preis, alles Alte sollte hinweggefegt werden, um Platz zu machen für den stampfenden Rhythmus einer neuen Zeit.

68er-Ikone Rudi Dutschke: Feindbild der neuen Bürgerlichen
DPA

68er-Ikone Rudi Dutschke: Feindbild der neuen Bürgerlichen

Einige Jahre später war dieses Schreckensregime zusammengebrochen. Doch seine Protagonisten lebten fort. Ihre Taten blieben ungesühnt. Manche nisteten sich in den Schaltstellen der Macht ein und prägten noch für Jahrzehnte das geistige Klima in unserem Land.

Es musste erst eine neue, kritische Generation heranwachsen, die aufbegehrte gegen die Täter von einst. Eine junge Generation, die endlich wagte, die überfällige Frage zu stellen: Papa, was hast eigentlich du 1968 gemacht?

Den neuen Bürgerlichen sind die Achtundsechziger das liebste Feinbild. Gegenüber jener Generation, die vor knapp vierzig Jahren gegen die herrschenden Verhältnisse protestierte, gerieren sich die Neokonservativen von heute als selbsternannte Chefankläger. Damit nehmen sie ironischerweise eine ganz ähnliche Position ein wie die Achtundsechziger selbst, die erstmals die Verstrickung ihrer Elterngeneration in den Nationalsozialismus hinterfragten.

Wenn etwa der christlich-konservative ZDF-Journalist Peter Hahne von seiner Studienzeit berichtet, dann klingt das, als wäre er Augenzeuge von Hitlers Machtergreifung geworden: "Der Muff von tausend Jahren, raus aus den Talaren, skandierte der Mob auf der Straße. Ich konnte das in der Hochburg der Kulturrevolution, an der Universität Heidelberg, Anfang der Siebzigerjahre hautnah miterleben. Und bin bis heute erstaunt, in welchen Schlüsselpositionen die damaligen (auch geistigen) Rädelsführer jetzt sitzen."

Nur mal zum Verständnis: Bei Hahnes "Mob auf der Straße" – Mob ist übrigens laut Duden das englische Wort für "Pöbel" – handelte es sich offensichtlich um Studenten, die von ihrem verfassungsmäßig garantierten Demonstrationsrecht Gebrauch machten und auf die unrühmliche Rolle hinwiesen, die viele der damaligen Professoren im "tausendjährigen Reich" gespielt hatten. Das klingt für mich nach einem einigermaßen legitimen Anliegen. Warum diejenigen, die solche Demonstrationen als "Rädelsführer" organisiert hatten, später keine wichtigen gesellschaftlichen Funktionen ausüben sollten, bleibt Hahnes Geheimnis.

Nun wäre Hahnes Beitrag zum Thema neue Bürgerlichkeit, ein in weiten Passagen unfreiwillig komisches Pamphlet namens "Schluss mit lustig", inhaltlich eigentlich nicht weiter erwähnenswert. Doch das dünne Bändchen hat sich zu einem echten Verkaufschlager entwickelt, der monatelang die Bestsellerlisten anführte.

Hahne und alle übrigen Protagonisten der Neuen Bürgerlichkeit sind sich einig: Mit ihrer überzogenen Kritik an den damals herrschenden Wertvorstellungen hätten die Achtundsechziger eine Art Wertevakuum erzeugt, einen ethischen Nihilismus, dessen Folgen wir bis heute spüren. Hahne barmt: "Dass die klassischen und unsere Gesellschaft tragenden Werte als Sekundärtugenden (...) verspottet und systematisch der Demontage preisgegeben wurden, hat vielfältige Ursachen. Der Hauptgrund liegt im Kampf der Achtundsechzigerrevolte gegen jede Form von Tradition, Autorität und Wertbindung."

Was sollen die Achtundsechziger und der durch sie initiierte Werteverfall nicht alles ausgelöst haben:

  • den Geburtenrückgang, weil die selbstverwirklichungssüchtigen Nachachtundsechziger lieber Abenteuerreisen machen, statt am Kindbett zu wachen
  • die Erziehungskrise, weil sich Eltern und Lehrer nicht mehr trauen, auf Pünktlichkeit und saubere Fingernägel zu achten
  • den Kollaps des Sozialstaats, weil dank der leistungsfeindlichen Achtundsechzigerideologie die Arbeitslosen von heute nicht mal mehr ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie sich in die soziale Hängematte legen
  • die schlecht integrierten Ausländer, weil die Altachtundsechziger lieber auf Multikulti machen, statt dem Türken beizubringen, dass in Deutschland auch deutsch gegrüßt wird

Der Kurzschluss von Rudi Dutschkes fettigen Haaren zum Werteverfall und von dort zum Niedergang unseres Landes gehört zum unverrückbaren geistigen Inventar der Neubürgerlichen. Angesichts dieses breiten Konsenses erscheint es umso erstaunlicher, dass sich die Sache mit den Werten bereits durch einen relativ flüchtigen Blick in die Fachliteratur klären lässt: Entweder entzieht sich der angeblich so schwerwiegende Werteverfall seit Jahrzehnten jedem empirischen Nachweis – oder aber es gibt ihn gar nicht.

Wer könnte das besser beurteilen als Helmut Klages? Von 1975 an lehrte Klages als Professor an der renommierten (und linksradikaler Umtriebe gänzlich unverdächtigen) Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Nahezu sein gesamtes wissenschaftliches Leben hat Klages der Erforschung des Wertewandels in der deutschen Gesellschaft gewidmet. Nach unzähligen empirischen Studien und jahrzehntelanger soziologischer Forschung kann Klages seine grundlegenden Erkenntnisse in Sachen Werte und Wertewandel in einem Satz zusammenfassen: "Diese Erkenntnisse fallen insgesamt überraschend positiv aus und widerlegen das Lamento vom 'Werteverfall' aufs nachdrücklichste."

Es gibt keinen Werteverfall

Es gibt nach Ansicht der seriösen Soziologie keinen allgemeinen Werteverfall – wohl aber einen Wertewandel. Dieser Wandel verläuft nach Klages Ansicht genau in die richtige Richtung: Er macht den Menschen fit für das Leben in der Moderne. Die Werte, nach denen wir leben, haben sich zusammen mit den Begleitumständen unseres Lebens verändert und verändern sich weiter:

- Wir mussten zum Beispiel flexibler werden, um uns auf unsere schneller wechselnden sozialen Rollen einzustellen. Welcher Mann hätte es sich vor vierzig, fünfzig Jahren träumen lassen, dass er kurz vor einem Geschäftstermin zu Hause noch schnell sein Kind wickelt – das war Frauensache.

- Wir mussten toleranter werden: Wer hätte es sich in den fünfziger Jahren schon vorstellen können, an seinem Arbeitsplatz einen Asiaten oder einen Schwarzafrikaner als Chef zu akzeptieren?

- Wir mussten kreativer werden: Mit der bloßen Anwendung einmal erlernter Fähigkeiten lässt sich in immer weniger Berufen Geld verdienen.

- Wir mussten lernen, mit ganz neuen Wertekategorien zu leben: Vor vierzig Jahren wussten die Menschen noch nicht einmal, was Nachhaltigkeit heißt. Heute gilt es als asozial, sein Altpapier in die Hausmülltonne zu stopfen.

Sehr deutlich lässt sich die Richtung des Wertewandels an den Zielen ablesen, die sich Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder setzen: Seit Anfang der fünfziger Jahre – und nicht erst seit 1968 – wurde das Erziehungsziel "Selbständigkeit und freier Wille" immer wichtiger. Die Bedeutung von "Gehorsam und Unterordnung" nahm demgegenüber ab. Was aber keineswegs heißt, dass Eltern ihre Kinder heute zu pflichtvergessenen Egomanen heranziehen wollen: Die klassischen Sekundärtugenden "Ordnungsliebe und Fleiß" sind heute bei der Erziehung noch genauso wichtig wie vor 50 Jahren.

Es spricht laut Klages vieles dafür, dass der Wandel genau in die richtige Richtung verläuft, um uns das Überleben in einer globalisierten Welt leichter zu machen. Wir werden in Zukunft immer selbständiger arbeiten müssen, wir werden immer häufiger nur unseren eigenen Willen als Antrieb besitzen – ob es darum geht, sich ein Leben lang fortzubilden oder nach einem beruflichen oder privaten Rückschlag neu anzufangen. Zuverlässigkeit und Engagement bleiben wichtige Anforderungen, die uns am Arbeitsplatz und in der Familie abverlangt werden. Doch blinder Gehorsam bringt uns immer weniger weiter. Heinrich Manns "Untertan" würde es in modernen Unternehmen nicht weit bringen.

Sex mit Uschi Obermaier

Neben den veränderten Anforderungen, die die Gesellschaft an uns stellt, gibt es noch einen zweiten mächtigen Motor des Wertewandels: unsere eigenen Bedürfnisse. Meistens jagen wir unser Leben lang den Dingen nach, die wir in der Jugendzeit am meisten vermisst haben. Wer in Deutschland während Weltwirtschaftskrise und Kriegsjahren aufgewachsen ist, der wird wahrscheinlich zeit seines Lebens zu schätzen wissen, was Jüngeren selbstverständlich vorkommt: ein Haus, gutes Essen, ein Leben in Ordnung und Sicherheit.

Damit wären wir wieder bei den Achtundsechzigern. Sie waren die erste Generation, die ohne Erinnerung an Wehrmacht und Hitlerjugend aufwuchs. In ihrer Kindheit in den fünfziger Jahren erlebten sie Wirtschaftswunder und Wohlstandsexplosion. Sie erlebten aber auch, dass ihre Eltern über dem Anhäufen materieller Güter vieles aus den Augen verloren, was das Leben in den Augen der Jungen erst lebenswert machte. Meist werden diese neuen Bedürfnisse mit dem Schlagwort Selbstverwirklichung beschrieben: Vielfalt der Lebensformen, Experimentierfreude in Mode und Musik, ein sozial gerechtes Gesellschaftssystem, Sex mit Uschi Obermaier und vor allem: politische Teilhabe, die sich nicht darin erschöpft, alle vier Jahre sein Kreuzchen bei Konrad Adenauer ("Keine Experimente!") zu machen.

Diese Beobachtung lässt sich noch eine Generation weiter fortschreiben: Die Achtundsechziger erschütterten erfolgreich die alten Autoritäten. Gleichzeitig forderte der gesellschaftliche Wandel uns allen mehr und mehr Flexibilität ab. So kam es, dass die Kinder der Achtundsechziger zwar in materiellem Wohlstand und großer Freiheit aufwuchsen, dabei aber bisweilen Verbindlichkeit und klare Regeln vermissten. Dieses unerfüllte Bedürfnis nach Autorität liefert eine mögliche Erklärung dafür, warum Jugendliche in den vergangenen Jahren wieder stärker zu traditionellen Wertorientierungen neigen – und damit die These vom anhaltenden, durch die Achtundsechziger ausgelösten Werteverfall ein weiteres Mal Lügen strafen. Familie, Treue, aber auch Fleiß, Einfluss und materielle Sicherheit stehen bei deutschen Jugendlichen heute wieder hoch im Kurs. Umweltbewusstsein und politisches Engagement sind demgegenüber weniger wichtiger geworden. Der Einfluss der Achtundsechziger auf die Wertvorstellungen der deutschen Jugendlichen dürfte demnach in den vergangenen Jahren eher abgenommen haben.

Treue, Fleiß und materielle Sicherheit stehen hoch im Kurs

Könnte es vielleicht sein, dass all die Studien zur Werteorientierung einen entscheidenden Fehler machen? Sie fragen die Menschen ja in erster Linie danach, welche Werte ihnen wie viel bedeuten. Womöglich prahlen wir in Umfragen damit, wie wichtig uns Anstand und Sitte sind – um dann in unserem konkreten Handeln unablässig dagegen zu verstoßen?

Auch hierfür gibt es keine Anzeichen. Nehmen wir zum Beispiel die Zahl der Verbrechen in Deutschland; Kriminalität ist ja nichts anderes als ein besonders eklatanter Verstoß gegen gesellschaftliche Normen. Ein Blick in die gemeinsame Kriminalstatistik von Bund und Ländern – und wir sehen, dass wir nichts sehen: In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der erfassten Straftaten zurückgegangen. Ein signifikanter Anstieg der Kriminalität ist lediglich bei drei Delikten zu verzeichnen: Warenkreditbetrug (plus 11,5 Prozent gegenüber Vorjahr), Körperverletzung (plus 4 Prozent) und "Erschleichung von Leistungen", vulgo: Schwarzfahren (plus 2 Prozent).

Der Anstieg beim Warenkreditbetrug geht fast ausschließlich auf den Vormarsch von Internetgeschäften wie etwa bei Ebay zurück. Bis vor wenigen Jahren gab es schlicht noch nicht die technische Möglichkeit für diese Form des Betrugs. Die gestiegene Zahl der ertappten Schwarzfahrer führt die Kriminalstatistik auf die verstärkten Kontrollen der Verkehrsbetriebe zurück. Ähnliches gilt für die Körperverletzung: Die Toleranz gegenüber Gewalt ist in der Gesellschaft gesunken. Mehr Menschen als früher erstatten nach Schlägereien Anzeige oder gehen zur Polizei, wenn sie Zeuge von Gewalt werden. Also wieder kein Indiz für einen Werteverfall, eher für das Gegenteil.

Fazit: Es gibt in Deutschland keinen flächendeckenden Werteverfall infolge von 1968, sondern höchstens einen punktuellen Werteverfall am unteren Ende der Gesellschaft infolge von schlechter Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Im Gegenteil: Der im Gefolge von 1968 in Deutschland eingetretene Wertewandel hin zu mehr Toleranz, Kreativität und Flexibilität war dringend notwendig.

Damit könnte man die Debatte über die ach so bösen Achtundsechziger eigentlich zu den Akten legen, hätte sich Peter Hahne nicht noch eine besonders absonderliche Volte einfallen lassen: Ausgerechnet die wichtiger gewordenen Werte Toleranz und Flexibilität erklärt er zu Indizien des Werteverfalls.

Bei Hahne hört sich das dann so an: "Dass die bewusste Zerstörung unseres Wertefundaments und das gezielte Kappen kultureller Wurzeln unter dem Deckmantel der Toleranz verkauft werden, spricht in Sachen Bildungsnotstand Bände. So ist die Toleranz für viele ja ein Problem von Pisa geworden. Die meisten schreiben Toleranz mit Doppel-l: Sie finden alles toll. Je nach Stimmungslage ist es mal der Dalai Lama, mal Jesus, mal der Papst, mal Marxismus oder Buddhismus, mal New Age oder die alte Bibel. (...) Wenn alles gleich gültig ist, ist auch schnell alles gleichgültig."

Mein Vorschlag zum überfälligen Tol(l)eranzabbau: Hundert Stockschläge für schlechte Wortspiele, vollstreckbar sofort.

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