Von Ariadne von Schirach
Fenrir - der erste Menschenwolf, wie ihn die Ältere Edda beschreibt. Kind von Loki dem Riesen und einer Trollfrau. Er ist kein Gestaltwechsler, sondern bereits als Wolf geboren, und doch verbindet ihn einiges mit den modernen Werwölfen, die immer zahlreicher Romane und Kinofilme bevölkern - von Tristan Egolfs "Kornwolf" (2009) hin zur Neuverfilmung von Siodmaks "The Wolf Man", die gerade im Kino läuft.
Jedes Monster hat seine eigene Mythologie. Während der Vampir für Sehnsucht nach Unsterblichkeit steht, für Sexualität und kühle Noblesse, symbolisiert der Werwolf Körperlichkeit, Instinktnatur und dunkle, aufbrechende Triebe. Er ist das Tier in uns, das Verdrängte, das Schmutzige. Kein Wunder, dass Werwölfe in vielen Erzählungen den Vampiren unterlegen sind.
Wer will schon Hund sein, wenn er Fürst sein kann?
Symbol der Entgrenzung
Doch es ist mehr dran am Wolf als stinkendes Fell und scharfe Zähne. Er ist ein Kind der Erde und stiller Hüter des Gleichgewichts. Der Fenriswolf stellt die Ordnung wieder her, als die Götter satt und selbstherrlich geworden sind und begonnen haben, alte Verträge zu brechen. In Egolfs sprachgewaltigem Roman taucht der Wolf unter den Amish auf, als ihre Gemeinschaft zu degenerieren beginnt. Ein junger Mann, vom Vater misshandelt und gedemütigt, wird zum Werwolf - ein Symbol für alles, was aus den Fugen geraten ist.
Auch in Stephenie Meyers "Twilight"-Büchern ist die Wiederkehr der großen Wölfe der Balance geschuldet: Als die "kalten" Wesen, die Vampire, auftauchen, werden bei den Alteingesessenen die frühen "Gene" aktiviert. Die Wölfe sind "warme" Wesen und die einzigen natürlichen Feinde der Blutsauger.
Denn während der Vampir ein nietzscheanisches Über-Monster ist - glamourös, unsterblich und nur sich selbst verpflichtet - ist der Werwolf der Underdog unter den Nachtgestalten. Zugleich ist er Rächer und Revolutionär. Ob er seine Wolfsgang zusammenrottet, um es denen da oben mal zu zeigen wie in "Underworld - Aufstand der Lykaner" (2009) oder als kaputter Privatdetektiv wie in Nicholas Pekaros Roman "Wolfsrache" (2009) das Gesetz in die eigene Hand nimmt: Der Wolf sorgt dafür, dass die Dinge wieder ins Lot kommen. Oder zumindest in Bewegung.
Eine gefährliche Dynamik kann dann in Gang kommen. Denn der Wolf steht für alles, was ursprünglich ist in uns und unbezähmbar. Das weiß schon die Kinderliteratur: Als der kleine Max in "Wo die wilden Kerle wohnen" sein Wolfskostüm anlegt, ist er bereit, den hemmungslosen Kerl in sich zu entdecken. In Spike Jonzes wunderbarer Verfilmung (2009) von Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker zeigt es sich dann noch einmal: Das Wilde ist immer auch das Andere. Oder schlicht der Blick eines Kindes auf die unerklärliche Welt der Erwachsenen, eine erste Ahnung von Gewalt, Sehnsucht und Vergeblichkeit.
Haariges Erwachsenwerden
Viele Monstergeschichten sind Coming-of-Age-Geschichten. Sie erzählen von Einsamkeit und der Suche nach Liebe, von bösen Eltern, vom Verlassensein und dem Kampf um einen Platz in der Welt. Spätestens mit Michael J. Fox als "Teen Wolf" (1985) wurde der Wolf ganz konkret zum Jugendlichen - und zum Symbol von Schicksalsüberwindung und Selbstbestimmung (MTV ist gerade dabei, den Film als Serie wiederauferstehen zu lassen).
Gerade die monströse Pubertätsgeschichte zeigt: Werwolf - und auch Vampir, siehe "Twilight" - sind Transformationsfiguren; sie stehen für Übergangsriten und Verwandlungen. In unserer adoleszenten Gesellschaft verwundert es nicht, dass Monster aller Art immer beliebter werden - befinden wir uns doch alle auf einer endlos scheinenden Suche nach uns selbst.
Die Geschichte vom Mann, der zum Wolf wird, ist dabei so alt wie die Menschheit selbst. Ihre Spuren reichen von Zwitterwesen in bemalten Höhlen über das sumerische Gilgamesch-Epos bis hin zu Ovids "Metamorphosen", die erzählen, wie König Lykaon von Zeus in einen Wolf verwandelt wurde, weil er den Göttern Menschenfleisch vorsetzte.
Zum Wolf wurde man früher als Strafe, durch einen Pakt mit dem Teufel, der einem ein Wolfsfell gab, oder durch Erbfolge. Die Idee, durch einen Biss oder Prankenhieb verwandelt zu werden, verdankt sich erst Curt Siodmaks "The Wolf Man" (1941). Von Siodmak stammt auch die Idee, dass Wölfe nur durch Silber zu überwinden seien - eine popkulturell äußert wirkmächtige Gründungsfiktion, die das Bild des modernen Werwolfs fortan prägte.
Wölfische Kraft? Geht glatt
Totzukriegen ist sie nicht, die entsublimierte Bestie: Vom Horrorreißer wie "Das Tier" (1973) über das Gesellschaftsdrama "Wolfen" (1981) bis zur Sozialsatire "Wolf" spannt sich die popkulturelle Verwertung aus.
Auch die Literatur erkennt immer wieder das dramaturgische Potential der Figur. Unlängst hat Autor Martin Miller mit seinem Erfolgsroman "Kalix - Werwölfin von London" (2009) das Genre ins 21. Jahrhundert befördert. Kalix MacRinnalch, drogensüchtig, soziophob und wunderschön, ist von ihrem Werwolfclan wegen einer verbotenen Liebschaft und dem tätlichen Angriff auf ihren Vater ausgestoßen worden und findet ein temporäres Zuhause bei zwei jungen Londonern - Auftakt für eine wilde Revision des Genres.
Die aktuellste Version der Figur ist schließlich in den "Twilight"-Filmen bestaunen. Taylor Lautner als Jacob: eine bronzefarbene, haarlose Muskelmasse, vom wilden Wolfsmann ebenso weit entfernt wie von Michael J. Fox borstigen Teenager-Pranken. Auch der Werwolf ist endlich metrosexuell geworden. Er verkörpert die gezähmte Wildheit einer spätkapitalistischen Welt, deren Sehnsucht nach Wiederverzauberung immer neue Monster gebiert.
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