Nachruf auf Wes Craven Vielen Dank für die Albträume!

Vom "Last House On The Left" über die Albtraumgestalt Freddy Krueger bis zur Slasher-Parodie "Scream": US-Regisseur Wes Craven definierte das Grusel-Genre gleich mehrmals neu. Nun ist der Professor des Horrorfilms im Alter von 76 Jahren gestorben.

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Als Doyen des postmodernen amerikanischen Horrorkinos hat Wes Craven die reißerische Zuspitzung nie gescheut. Deshalb tut man ihm sicher nicht Unrecht mit der forschen Behauptung, dass seine mehr als 40-jährige Leinwandkarriere mit einem kühnen Sprung vom Elfenbeinturm mitten in den Exploitationssumpf begann.

1939 als Wesley Earl Craven in eine strenge Baptistenfamilie in Cleveland hineingeboren, studierte er englische Literatur, Psychologie und Philosophie und machte seinen Master an der renommierten Johns Hopkins Universität. Doch die Professorenlaufbahn, die Craven zunächst einschlug, brachte ihm weder berufliche Erfüllung noch das nötige Geld, um eine Familie mit zwei Kindern zu ernähren. Nicht zuletzt die Erwerbssuche trieb ihn Anfang der Siebziger als nicht mehr ganz jungen, aber fraglos zornigen Mann in die unabhängige Filmszene der Ostküste, wo von Hardcore-Pornografie bis zu spekulativen Genrefilmen viel, schnell und vor allem günstig gedreht wurde.

Hier tat sich Wes Craven als Autor und Regisseur mit dem Produzenten Sean S. Cunningham zusammen. Gemeinsam wollte man einen möglichst aufmerksamkeitsheischenden Film für die Second Bill realisieren, das billige Beiprogramm der Autokinos und kleinen Lichtspieltheater. Und Aufmerksamkeit bekam "The Last House on the Left" (1972), der mit einem Budget von nur 90.000 Dollar und Ingmar Bergmans Schuld- und Sühne-Drama "Die Jungfrauenquelle" (1960) als losem Vorbild entstand: Cravens offizielles Debüt schildert aus schier unerträglicher Nähe zum Geschehen die Entführung, Vergewaltigung und Ermordung zweier junger Frauen aus Connecticut. Ein perfider Zufall führt die Täter um den sadistischen Krug (David Hess) später ins Heim eines der Opfer, dessen großbürgerliche Eltern im Finale brutale Selbstjustiz an den Mördern üben.

Fanal der Hoffnungslosigkeit

So sprachlos wie Vater und Mutter am Ende in den blutgetränkten Ruinen ihrer Existenz stehen, ließ dieses Fanal der Grausam- und Hoffnungslosigkeit auch das schockierte Publikum zurück. Mit naturalistischen Gewaltdarstellungen und einer semi-dokumentarischen Kamera vollzog "The Last House on the Left" die einseitige Aufkündigung des Unterhaltungsvertrags und zwang Zuschauer, ihre eigene, per se voyeuristische Position infrage zu stellen. Craven nannte sein höchst umstrittenes, weltweit von aufgebrachten Zensoren verstümmeltes und hierzulande beschlagnahmtes Werk rückblickend einen "black sheep film": ein schwarzes Schaf im System des amerikanischen Genrekinos, dessen Berechtigung allein sein kann, Regeln zu brechen und wahrhaft wehzutun.

So ließ sich "The Last House on the Left", der mit George A. Romeros "Night of the Living Dead" (1968) und Tobe Hoopers "The Texas Chainsaw Massacre" (1974) die finstere Dreifaltigkeit eines neuen, nihilistischen Horrors bildete, auch als wütender Ausdruck der Verzweiflung ob des Vietnamkriegs lesen, als quälender Tod der Unschuld und Ende des Hippie-Idealismus. Craven sprach später von einem dunklen Ort, den er damals besuchen musste, an den er aber nie mehr zurückkehren wollte.

Menschenmonster mit Ringelpullover

Tatsächlich war seine nächste Regiearbeit nicht mehr von derart verheerender Schonungslosigkeit, doch zwingend und stilbildend für ihr Genre war sie allemal: "The Hills Have Eyes" (1977) ließ eine amerikanische Idealfamilie in der atomar verseuchten Wüste auf einen atavistischen Mutanten-Clan treffen und illustrierte im folgenden Überlebenskampf die fatalen Bruchstellen der Zivilisation. Mit dieser rabiaten, existenzphilosophischen Lektion etablierte sich der Geisteswissenschaftler Craven endgültig als Experte für ein Grauen, das aus der Aufkündigung vermeintlicher Gegebenheiten und der normierten Wahrnehmung von Natur und sozialer Ordnung schöpfte.

Bald zeigte sich jedoch auch Cravens einzigartiges Talent, auf paradigmatische Genre-Hits ebenso kapitale Flops folgen zu lassen. Obschon durchaus mit reizvollen Ansätzen versehen, scheiterten sowohl das okkulte Schauermärchen "Deadly Blessing" (1981) mit der jungen Sharon Stone als auch die liebenswert verunfallte Comicverfilmung "Swamp Thing" (1982) bei Kritik und Publikum.

Mit der Schöpfung eines durch Brandwunden entstellten Menschenmonsters mit Ringelpullover und Klingenhandschuh glückte Craven 1984 ein fulminantes Comeback: "A Nightmare on Elm Street" ließ den untoten Mörder Freddy Krueger (Robert Englund) durch die Träume amerikanischer Vorstadtteenager marodieren - und führte damit eine der potentesten Figuren der westlichen Popkultur ein.

Virtuos verschob der Überraschungserfolg die Grenzen zwischen Realität und Illusion und verlieh unterbewussten Ängsten eine unvergessliche Gestalt. Neben Nachwuchsstar Johnny Depp - eine Entdeckung, die Craven seiner jungen Tochter zuschrieb - präsentierte der Film mit seiner schlaflosen Überlebenskünstlerin Nancy Thompson (Heather Langenkamp) eine smarte weibliche Heldenfigur, die prägend für Cravens spätere, progressive Rollenbilder sein sollte.

Comeback-Kid des Horrorgenres

Aber zunächst folgte der erneute, für Craven typische Absturz mit dem fehlgeleiteten Sequel "The Hills Have Eyes II" (1985). Ungleich aufregender ist die Reihe von eigenständigen Horrorfilmen, die Craven zwischen 1988 und 1994 realisierte. Den Anfang machte der verstörend naturalistische, gut gealterte Voodoo-Grusel "The Serpent and the Rainbow" (1988) und "Shocker" (1989), ein wilder, ideenreicher Slasher-Film, in dem sich ein körperloser Killer durchs Strom- und TV-Netz metzelt. Mit "Wes Craven's New Nightmare" (1994) eignete sich Craven schließlich seine in viel zu vielen Sequels zur Lachfigur verkommene Schöpfung Freddy Krueger wieder an - und machte sie zum Protagonisten eines klugen Films über das Wesen der Horrorfiktion.

Letzterer bestellte pionierhaft jenes Feld, welches Wes Craven und Autor Kevin Williamson zwei Jahre später mit dem Meta-Slasher "Scream" (1996) und seinen Fortsetzungen immens erfolgreich bestellen sollten. Selbst wenn konservative Horrorpuristen allzu gerne die polierte Inszenierung, das postmoderne Augenzwinkern und den konsensfähigen Selbstreferenzpop der "Scream"-Filme bemäkeln, muss man zugestehen, dass der am Ende sehr ernste, emanzipatorische Kampf der Heroine Sidney Prescott (Neve Campbell) gegen den/die ikonischen Ghostface-Killer das Genre nicht nur revitalisiert, sondern um neue Spielarten erweitert hat.

Dank der "Scream"-Saga erlebte Craven sein nachhaltigstes Comeback - und blieb in der Folge ein eloquenter Grandseigneur des Genres, ein Gentleman des Grauens, der durch charmantes Auftreten und mit klugen Einlassungen einer der besten Anwälte des chronisch verfemten Horrorfilms war. Für "Scream 4" (2011) kehrte er noch einmal in den Regiestuhl zurück und schuf zuletzt mit dem Zeichner Steve Niles ("30 Days of Night") eine Horror-Comicserie mit dem Titel "Coming of Rage".

Am 30. August starb Wes Craven im Alter von 76 Jahren in Los Angeles.



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
uzsjgb 31.08.2015
1. Beschlagnahmungen und Indizierungen
In Deutschland war und ist es nur unter Mühen möglich das Werk von Craven zu genießen. "Last House On The Left" ist nach wie vor beschlagnahmt, "The Hills have Eyes" ist erst 2007 vom Index gestrichen worden, "Scream" sogar erst 2011. So dürften die meisten Leute diese Werke, wenn überhaupt, nur in zensierten Versionen kennen.
femtom1nd 31.08.2015
2. ...
Der Treibsandbeat lauert überall, und irgendwann muss man auch mal einschlafen, um diesen dann in den Träumen zu verarbeiten. Wohl dem, der über so viel Aufmerksamkeit und Bewusstheit in seinen Träumen verfügt, um bei Bedarf, wenn es zu absurd wird, den Widersachern Paroli zu bieten - oder einfach aufzuwachen.
freddykrüger 31.08.2015
3. Elmstreet
ein Schwarzer Tag für mich. R.I.P. Wes.
StefanXX 31.08.2015
4. The last house on the left ...
Das mag schon sein, aber ich hab mir "The last house on the left" vor einigen Jahren bei Amazon in der geschnittenen Fassung bestellt und auch da ist er super. Ich bin im Prinzip bei Ihnen, mich stört diese ganze Zensiererei auch, vor allem wenn Sie dann auch noch sinnentfremdend wird. Aber in diesem Fall muss ich sagen, auch geschnitten kommt die Brutalität mit der die Kidnapper vorgehen noch gut rüber und manche Szenen sind nach wie vor heftig. Außerdem mag ich den Film nicht wegen irgendwelcher Splatterszenen, sondern weil die Handlung einfach originell ist finde ich. Für mich einer der besten Horror-Thriller, auch den Soundtrack find ich klasse (vor allem den Song beim Abspann).
kpdsu 31.08.2015
5.
Wer die Filme eingeschnitten sehen will, wird im Internet fündig ;) nette Auswahl am filmen, die der gute Wes produziert hat. Einige kenne ich noch nicht, vielleicht wird es nun mal Zeit
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