Westernhagen Ein Orden für den Angepassten

Einst zog er über Dicke her, jetzt wird ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen - von seinem Busenfreund, dem Bundeskanzler, höchstpersönlich. Marius Müller-Westernhagen ist endgültig im Establishment angekommen.

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Ausgezeichneter Marius

Westernhagen dekoriert - geht der Orden in Ordnung?



Der Rockstar, den im Ausland keiner kennt: Westernhagen
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Der Rockstar, den im Ausland keiner kennt: Westernhagen

Hamburg - "Sag' mal Bescheid, wenn der Marius das bekommt - dann komm' ich", soll Gerhard Schröder laut Aussage des Hamburger Regierungssprechers Ludwig Rademacher gesagt haben. Und so kommt es, dass der Bundeskanzler persönlich dem Rockstar Marius Müller-Westernhagen am Mittwoch in Hamburg das Verdienstkreuz am Bande verleiht. Kanzler und Rocker sind ja bekanntermaßen seit einigen Jahren gut befreundet und können sich nun bei der Zeremonie im Hamburger Rathaus im jeweiligen PR-Dunst des anderen sonnen. Bürgermeister Ortwin Runde (SPD), eigentlich offizieller Verleiher der honorigen Dutzendware am Bande, spielt dabei nur noch die zweite Geige. Er muss sich das Blitzlichtgewitter mit Schröder teilen, dem der feierliche Termin in der Hansestadt nach allen Querelen um MKS und Klima, Bush und Trittin sehr gelegen kommen dürfte.

Aber warum überhaupt ein Bundesverdienstkreuz für Müller-Westernhagen? Der Musiker werde neben seinen künstlerischen Verdiensten auch für sein kompromissloses Bekenntnis zur gesellschaftspolitischen Verantwortung ausgezeichnet, heißt es in der offiziellen Erklärung. In seinen Liedtexten habe sich der 52-Jährige immer wieder stark gemacht für Integration und Toleranz. Westernhagen, der sich 1999 mit einer großen Deutschland-Tour aus dem Tournee-Geschäft verabschiedet hat, nenne Rassismus und Intoleranz beim Namen. Seine oftmals ironischen und satirischen Liedtexte in deutscher Sprache polarisierten und regten zu Diskussionen über die gesellschaftspolitische Entwicklung in Deutschland an. Position beziehe der Künstler zudem auch für die doppelte Staatsbürgerschaft.

Vom Skandal-Rocker zum Volksheld

Musikalisch registrierte die Öffentlichkeit Westernhagen erstmals 1972. Der Anti-Bayern-Song "Gebt Bayern zurück an die Bayern" sorgte für Skandal und Bombendrohungen. Marius wurde berühmt und die Single vom Markt genommen. Ein Rundfunkhit wurde dann 1973 die Single "Celebration" mit Udo Lindenberg am Schlagzeug. Marius zog von Düsseldorf zu den Musikverlagen nach Hamburg. Das erstes Album "Das erste Mal" erschien 1975.

Der Karriereschub war 1976 die Rolle des Anti-Helden Theo im Fernsehfilm "Aufforderung zum Tanz". Wenig später legte Westernhagen mit seiner vierten LP "Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz" (1978) den Grundstein für den musikalischen Erfolg. Der Hit "Dicke" empörte die Presse, Radiosender spielten den Song nicht. Die LP "Sekt oder Selters" (1980) wurde wegen provokanter Texte ebenfalls von Sendern ignoriert. Der Film "Theo gegen den Rest der Welt" machte Marius 1980 über Nacht berühmt. Die LP "Stinker" (1981) machte ihn mit 32 zum Superstar.

Der Starkult drohte aber Mitte der Achtziger, ihn zu erdrücken. Er suchte nach neuen Wegen und landete Flops wie "Die Sonne so rot" (1984). Erst die Verbindung mit dem schwarzen US-Model Romney Williams, das er 1988 heiratete, half. Dadurch habe er "einen richtigen Kick bekommen", sagte Westernhagen einmal. Ergebnis: Der Rockstar bricht daraufhin sämtliche Rekorde deutscher Musiker. Immer wieder bezog Westernhagen auch Stellung gegen Rechtsradikalismus, forderte die Legalisierung von Drogen, kritisierte den deutschen Einheitstaumel und verärgerte mit seinem letzten Album "Radio Maria" (1998) die Kirche.

Provokation war gestern, heute ist "PC" angesagt

Trotzdem distanziert sich der Musiker von seinem Querschläger-Image von einst. Den Theo und das blaue Samtjäckchen würde er sich heute nicht mehr anziehen, sagte er in einem Interview. Man müsse sich ja schließlich mit sich selbst identifizieren. Der deutsche Superstar, den im Ausland niemand kennt, bevorzugt mittlerweile schwarze Designer-Anzüge und gibt sich als smarter Volksheld, der den Leuten vor allem eine gute Show liefern will, was wiederum die Nähe zum Kanzler erklärt. Sein Engagement für Doppelpässe und Ausländer-Integration ist sicher lobenswert, wenn auch mit dem Ruch der obligatorischen Political Correctness behaftet. Als etablierter Rocker ist man halt nicht mehr automatisch gegen alles, was Harmonie erzeugt, sondern gegen alles, was die Harmonie stört. Schade, der Anarcho-Marius von einst, war verdienstvoller als der Westernhagen von heute.



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