Wettbewerb "Das bedrohte Wort" Kleinod besiegt Schlüpfer

2. Teil: Welches Wort steht für String, Tanga und Boxershorts zusammen?


Eine weitere Begründung überzeugte aufgrund ihrer Originalität: Das Wort "Dreikäsehoch", einst für ein kleines Kind geläufig, sandte ein Student aus Marburg mit der flotten Erklärung ein: "Die Wortschöpfung aus einer Nummer, einer Naturalie und dem Hoch ist einfach ein Knaller." Das ist linguistisch zwar nicht ganz korrekt, aber der nahezu kabbalistischen Zahlenmagie eines solchen Dreiklangs kann sich die Jury nicht entziehen – und gibt der Versuchung nach, ein bildhaftes Wort mit einer dreifachen Drei auf den dritten Platz zu wählen. Die weiteren Platzierungen honorieren mal den Wohlklang eines Wortes, mal die inhaltliche Schönheit. Es sind der Reihenfolge nach die Wörter Labsal, bauchpinseln, Augenstern, fernmündlich, Lichtspielhaus, hold.

Schlüpfer und Büstenhalter

Eine Teilnehmerin zitiert in ihrer Begründung die Zeilen von Matthias Claudius "so traulich und so hold" – eine Poesie, der die Jury beugt. Den zehnten und letzten Platz erhält das Wort Schlüpfer. Einerseits weil es ein durch und durch ehrliches Wort ist. Andererseits weil sich ein Verb in diesem Substantiv versteckt. Das als String, Tanga oder Boxershorts entfremdete und sprachlich wie symbolisch oftmals überhöhte Kleidungsstück, wird mit dem alten Wort Schlüpfer gewissermaßen geerdet, auch schwingen Kindheitserinnerungen mit. Eine Jurorin lobt sogar die erotische Qualität des Wortes. Überzeugend in jedem Fall die Begründung der Einsenderin aus Sarstedt: "Das Wort passt so schön zu Büstenhalter."

Neben solchen Stil- und Geschmacksfragen ergibt der Wettbewerb auch statistische Antworten. Etwa auf die Frage, welche Wörter von der deutschsprachigen Bevölkerung am meisten vermisst werden. Auch wenn die Zahlen nicht repräsentativ sind, lassen sie sich als Indizien werten: Mit 35 Nennungen scheint das Wort Backfisch am meisten vermisst zu werden. Gefolgt wird es vom Adjektiv hanebüchen (28 Einsendungen), der Sommerfrische (20) und blümerant (16). Mit dem geizigen Pfennigfuchser (15) und dem Heiermann (14), einem norddeutschen Wort für ein Fünf-Mark-Stück, erinnern die Teilnehmer an alte Währungen.

Schmerzlich vermisst: der Backfisch

Interessant immerhin, dass unter den meist genannten Einsendungen gleich mehrere aus Fremdsprachen entlehnte Wörter sind: Neben dem französischen blümerant auch der Backfisch. Nach zwei verschiedenen Herleitungen stammt er entweder aus dem Anglerlatein der britischen Inseln, wo ein Fisch, der zu klein zum Essen war, wieder back – zurück – ins Meer geworfen wurde. Eine andere Erklärung deutet zurück in die Studentensprache des 16. Jahrhunderts. Demnach stammt das Wort vom lateinischen Begriff baccalaureus (englisch Bachelor) ab und bezeichnete einen jungen Studenten.

Das Ergebnis des Wettbewerbs birgt also nicht etwa ein heimliches Plädoyer für eine Wende zum Sprachnationalismus, sondern vielmehr ein Bekenntnis zur Internationalität der deutschen Sprachgeschichte, die ohne ihre vielfältigen Einflüsse aus anderen Kulturkreisen, ohne ihre Schichten und Jahresringe, um so vieles ärmer wäre. Das ist – nach Meinung der Jury - ein schönes Ergebnis für einen Wettbewerb. Der wird das Wörtersterben zwar nicht aufhalten, aber vielleicht einige Sprachschichten und -Geschichten frei legen und das Interesse auf den Bedeutungswandel der deutschen Sprache und die Schönheit mancher Wörter lenken. Wenn das mit der Hilfe Tausender Menschen gelang, so wäre das mindestens knorke - wenn nicht sogar famos.


Alle Ergebnisse und Gewinner werden im Internet bekannt gegeben.

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