"Wetten, dass..." Flirten wie beim Abtanzball

Buchverkäufer, Filmwerber, Weintester, Videosammler, dazu bequeme und weiche Musik. Bei "Wetten, dass…" wurde einmal mehr bewiesen, dass Banalität und Biederkeit keine Grenzen kennen.

Von Sabine Reichel


Gottschalk und Klum: Keimfreie Küsse
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Gottschalk und Klum: Keimfreie Küsse

Der Abend fing mit einer bitteren Enttäuschung an. Nena, Nina und Heidi, drei deutsche Grazien der unheimlichen Sorte, waren in den billigeren TV-Zeitschriften angekündigt. Man freute sich auf das teutonische Trio, aber die einzige, die kam, war Heidi Klum. Und sie ist das Highlight des Abends, im weißen Anzug, passend zu Tommys Jacke (die durch eine relativ moderate moosgrüne Brokatweste abgesetzt ist). Tommy und Heidi sind uralte Bekannte. Da wird so unbeholfen geflirtet wie beim Abtanzball ca. 1963, und die beiden Blondinen küssen sich sogar etwas keimfrei auf den Mund.

Tommy vergleicht seine hochhackigen schwarzen Stiefeletten mit Schnalle noch eben mit ihren goldenen Sandaletten, und dann geht das verbale Feuerwerk los. Heidi, frisch, hübsch, problemlos und patenter als ein Reißverschluss, ist schon wieder schwanger und schwärmt vom Nicht-Ehemann Seal ("Geordnete Verhältnisse sind ja so langweilig"). Nachdem sie verrät, dass sie zu Hause auch singt, verrät sie außerdem, warum sie eigentlich da ist. Sie hat ein Buch über sich zusammengestellt, ja ein Buch, es ist kaum zu glauben. "Heidi Klum: Natürlich erfolgreich". "Ist kein so'n coffee table book", sagt sie stolz, iwo, es sind nur 1000 Fotos von ihr in allen Haarfarben und Lebenslagen drin.

"Bei den Herren fehlt der Hintern"
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"Bei den Herren fehlt der Hintern"

But enough about me! Da ist ja noch der Zahnarzt, der über italienischen Wein mehr weiß als über Parodontose. Heidi steht voll hinter dem Weintester, denn sonst muss sie Ostereier anmalen. Er verliert, und Heidi holt ihre zwei kleinen Neffen aus dem Publikum, die beim "Blasen" helfen sollen, schnell sagt sie dazu "Eierblasen", damit keine dummen Gedanken aufkommen.

Der nächste Gast ist Ex-Schwimmwunder Franziska van Almsick, auch im weißen Jackett. Franzi ist blond gefärbt und mürrisch. Nichts gefällt ihr. "Bei den Herren fehlt der Hintern", meint sie herablassend über ihre Schwimmerkollegen. Aber nun soll Marianne aus Mainz erstmal Seifen am Schaum erkennen. Franzi ist skeptisch, ob so was wohl möglich sei, aber der Teenie gewinnt.

Dann wird's ernst, denn echte Männer erscheinen und bringen ein Flair von Wichtigkeit in die blondierte Runde. Robert Atzorn und Klaus J. Behrendt, zwei graumelierte Herren im besten Alter, sind die Stars der neuen Serie "Kanzleramt", ein Produkt von so überragender Qualität, dass Tommy nicht anders kann, als herauszuplatzen, wie stolz er sei, beim ZDF zu sein. "Es kommt wenig dabei raus", meint dagegen Franzi unerwartet trocken, nachdem die Schauspieler das hektische Leben politischer Macher beschreiben. Bingo, Franzi!

Behrendt (r.) und Atzorn: Graumelierte Herren im besten Alter
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Behrendt (r.) und Atzorn: Graumelierte Herren im besten Alter

Angekündigt als Sendung für Menschen, die deutsch sprechen und Spaß verstehen - ein ambitioniertes Unternehmen in der Tat - ist diese Show hauptsächlich mit, über und für Gottschalk und dient ansonsten nichts weiter als der Promotion eines Produktes. Kaum zu glauben, aber eine Cate Blanchett kommt nun nicht angereist, um endlich einmal hautnah neben dem weltweit anerkannten Charakterdarsteller und scheinbar amüsanten Luftikus Robert Atzorn auf der Couch zu sitzen, sondern weil sie eine Rolle in dem gerade angelaufenen Film "Die Tiefseetaucher" hat.

Ob sie ahnte, was ihr mit Dr. Thilo Tübler blühen sollte? Der schmale, launige Endvierziger spuckt nämlich Tischtennisbälle gegen die Wand und fängt sie wieder mit dem Mund auf, wirklich ein sagenhaftes, ein wichtiges Talent, aber warum kann er das nicht auch im Handstand während er die Nationalhymne pfeift? Man wird schon ziemlich anspruchsvoll, wenn man "Wetten dass...?" über eine Stunde sieht. Die schicke Cate im schwarzen Hosenanzug staunt nur, so was kennt man nicht in Australien, oder? Aber sie glaubt an ihn, schon allein deshalb, "weil er ein guter Vater zu sein scheint". Sie ist selber zweifache Mutter und weiß, wie unersetzlich und sexy ein Mann im Haus ist, der Pingpong-Bälle spuckt.

Die Musikeinlagen des Abends sind wie gute Schuheinlagen: Bequem und weich, man merkt sie gar nicht. Der pockennarbige Bryan Adams, der besonders in Deutschland einen mysteriösen Riesenerfolg hat, singt nicht nur, er kann auf deutsch doch tatsächlich Kartoffeln und Salat sagen. Erstaunlich. Tosender Beifall. Michael Bublé, der knödelnde Kanadier mit dem Frank Sinatra Komplex und dem Bobby-Darin-Können singt furchtlos ein Nina-Simone-Lied. "Jüngere Männer singen ältere Lieder", kommentiert Tommy fachmännisch. Schöner wäre es, wenn manche jungen Männer gar keine Lieder singen würden. Dann kommt Mariah Carey, die immer entblößte Singdrossel aus Long Island. "Baby come and get it", gurrt sie, aber eine technische Panne blendet ihre Stimme aus und holt die drei Backup Sängerinnen in den Vordergrund.

Carey: Immer entblößte Singdrossel
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Carey: Immer entblößte Singdrossel

Man sah es einmal wieder: Bei Gottschalk wird das besondere Talent eines Menschen gesucht. Nicht wirkliche Begabungen natürlich, es soll ja keine Aids-Kur gefunden werden, sondern bizarre Ideen von Menschen, die ein klein wenig zuviel freie Zeit übrig haben. Der Inhalt von "Wetten dass...?" ist dann auch eine Mischung aus Amateurzirkus und Kaserne, arglose aber publikumsgeile Versuchskaninchen werden in die Manege geleitet, um zu exerzieren und sich vor Zuschauern erniedrigen zu lassen. Holla, das bringt wirklich Spaß! Und schön, wenn der Schmerz nachlässt. Die Sieger zittern dann immer vor Glück, denn sie haben vor den Augen der Prominenz bestanden und können ein Stück spätere Nostalgie mit nach Hause nehmen. Das Fräulein Saubermann mit der Zahnspange ist für immer die aufschäumende Seifenkönigin, die vor Franzis zweifelnden Blicken bestanden hat.

Zum Schluss gab es genug Berliner, die alle "Wetten dass...?"-Sendungen aus Berlin seit 1983 auf Video aufgenommen haben - Tommys Drohung, bei Verlust der Hauptwette in der "Zauberflöte" mitzusingen, wird klangvolle Wirklichkeit. "Die Leute heben jeden Mist auf", kommentierte er scherzhaft. Und sehen ihn anscheinend auch an.



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