"Wetten, dass ...?" Gegen das Hirn getreten

Alle Rollenklischees bestätigt, deutsche Provinzialität gewahrt: Thomas Gottschalks Wettshow bot bestenfalls harmloses Konsens-Fernsehen. Man hätte sich am liebsten vor die Stirn getreten - aber auf die Idee kam schon ein anderer.


Ach, was hatten die Zuschauer darauf gewartet, sie nebeneinander auf dem "Wetten, dass ...?"-Sofa sitzen zu sehen: Bobbele Becker und seine Sandy. Doch leider kam vor der Show das Liebes-Aus und damit auch die Absage bei "Wetten,dass ...?"

War sie zu blass? Erschien er ihr plötzlich wieder wie Onkel Boris? Viel Zeit zum Spekulieren und zur Enttäuschung blieb bei dieser 177. Sendung aus Berlin nicht. Denn kaum dass Thomas Gottschalk die Zuschauer begrüßt hatte, packte er den Stier bei den Hörnern und moderierte die Phantomgäste ab: "Sie hätten sich bei uns auf der Couch trennen können. Aber es gibt viele einsame Frauen momentan: Sarah Connor, Andrea Ypsilanti."

Und schon war er bei der Saalwette. Gottschalks Geistesgegenwart und Taktgefühl beim Reich-Ranicki-Eklat rund um den Deutschen Fernsehpreis hatte ihm großes Lob der Feuilletonisten beschert. Entsprechend hoch war die Spannung: Würde Gottschalk diesen Esprit in seinen von Ermüdungserscheinungen geprägten Moderationsstil bei "Wetten, dass ...?" transportieren? Diese Erwartung wurde enttäuscht. Gottschalks erste und einzige Mission war es erneut, schmerzfreies Konsensfernsehen zu produzieren.

Folgerichtig kam als erster Gast Günther Jauch in die Sendung, der laut Moderatorenrankings sogar noch konsensualer ist als Gottschalk. Vielleicht steckte auch ein bisschen strategisches Pocher-Prinzip dahinter: Mit seinen violetten Lackschuhen und Lederhosen wirkte Gottschalk neben dem furztrockenen Jauch geradezu locker und jugendlich. Und profilierte sich mit kleinen Sticheleien: Als Jauch nach verlorener Wette mit aufgekrempelten Hosen von Sportgymnastin Magdalena Brzeska in die Kunst des Gymnastikband-Schwingens eingeführt wurde, gockelte Gottschalk: "Hat dir niemand gesagt, dass diese Kniestrümpfe längst out sind?"

Sozialkitt oder alles ertränkende Soße?

In Interviews hatte Gottschalk sein Selbstverständnis preisgegeben, gesellschaftliche und menschliche Gräben einebnen zu wollen und seine Sendung als sozialen Kitt einer immer weiter zersplitternden Gesellschaft verteidigt. Am Samstag wurde daraus eine alles ertränkende Soße, die jegliche Individualität und Spritzigkeit von Gästen unterdrückte.

Symptomatisch dafür war der Auftritt von Kid Rock. Dieser wurde zwar als "Bad Boy des Rock'n'Roll" angekündigt, tauschte aber für "Wetten, dass ...?" nicht nur seinen Pelzkragen-Zuhälterlook gegen die familientaugliche Lederjacken-Sonnenbrillen-Kombi ein, sondern musste am Ende auch noch die beiden sechsjährigen Wettkandidaten an der Hand aus dem Saal führen. Goodbye, Kids!

Und wo sonst würde Alt-Popper Mick Hucknall von Simply Red, der seinen größten Erfolg im Jahr 1995 hatte, ein Medley seiner Hits aufführen, wenn nicht beim ZDF? Nach seinem Auftritt bemerkte er richtig: "Ich wohne schon hier." Potential zum ZDF-Dauergast hatte auch das nette Soul-Balladen-Mädchen Alicia Keys. Allein US-Sängerin Pink ließ sich vom Gastsender nicht verdrießen und brachte mit ihrer kraftvollen Performance Star-Feeling in die Arena. Die Wetten waren wie immer: Es gab eine Büroarbeiterwette (einer schießt dem anderen mit einem Bürolocher Radiergummis in den Mund); eine Musik-Rate-Wette (Teenagerin pustet in eine Handvoll Badeschaum, die andere erkennt am pulsierenden Pusteloch die Songs) und gleich zwei Kinderwetten (der kleine Jeremy kann alle 43 US-Präsidenten mit Vor- und Nachnamen herunterrattern, und die kleine Pauline spielte im ADHS-Tempo von 10.12 Sekunden den Flohwalzer schneller als die zur Saalwette angetretenen Kinder).

"Schenk ihm ein Auto, come on"

Zuletzt eine offenbar vom Sender selbst initiierte Kletterwette zwischen einem Fassadenkletterer und dem dreifachen Gewinner des Empire-State-Building-Treppensteig-Wettbewerbs. Immerhin: Von starken Frauen wie Anke Engelke (schwanger mit ihrem dritten Kind), "Kommissarin Lucas" Ulrike Kriener und Sängerin Pink umgeben, bemühte sich Gottschalk, Altherrenwitze zu unterlassen - tätschelte dann aber doch der Hollywood-Actrice Uma Thurman reflexhaft das Knie. Diese hatte als charismatischer Show-Profi beschlossen, das Spiel mitzuspielen. Mit funkelnden Augen fieberte sie mit, wie ihr Wettkandidat die Fassade eines 18-stöckigen Gebäudes in Frankfurt hinaufkletterte - und die Wette gewann.

Derart angeheizt, wollte Thurman partout nicht verstehen, warum es für den keuchenden Wettgewinner kein Auto als Preis geben sollte. Eine berechtigte Frage, hatte doch Boxer Felix Sturm zuvor schon ein Telefon-Gewinnspiel-Auto durchs öffentlich-rechtliche Studio gefahren. Thurman insistierte: "Ihr Deutschen baut doch so tolle Autos, schenk ihm ein Auto. Come on."

Es dauerte peinlich lange Minuten, bis Gottschalk sich durch gezielte Verwirrungstaktik aus der Kiste herausgequatscht hatte. Ein letztes Mal wurde aufkeimendes Amüsement erstickt, als Starkoch Jamie Oliver über das japanische Gericht "Kabeljau-Samen" sprach und Anke Engelke laut "Ejakulat" präzisierte. Da unterband Gottschalk flugs das schlüpfrige Thema und zog mit Günther Jauch über die grundsätzliche Langeweile von Kochshows her. Als dabei Jamie Olivers Gesicht immer länger wurde, vereinbarten Jauch und Gottschalk, einen Kochkurs zu machen - um am Muttertag ausnahmsweise in der Küche zu glänzen.

Alle Rollenklischees bestätigt und deutsche Provinzialität gewahrt. Nach so viel Konsens-Fernsehen wollte man sich am liebsten mit dem Fuß vor die Stirn treten. Das hatte jedoch bereits Wettkandidat "Headkicker" Michael Lloyd erledigt. Der aus Texas eingeflogene Lehrer trat sich ganze 49-mal in der Minute vor einen an seiner Stirn befestigten Panic-Button.

Eine Minute Headkicken wie zweieinhalb lahme Stunden "Wetten, dass ...?" Abmoderation Gottschalk: "Mit Ans-Hirn-Treten wird man nicht reich, man wird nicht gebildet - aber es ist sehr viel Fun."




insgesamt 94 Beiträge
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sam clemens, 09.11.2008
1. Tja
Diesmal war die Sendung wirklich blass, nur Uma Thurman glänzte. Pinks übliche Rocknummer und Kid Rocks Lynyrd Skynyrd-Abklatsch sind peinlich, von Simply Red ganz zu schweigen, die meisten Wetten ebenso. Aber Thurman lohnte das Einschalten, dass der Wettkletterer das Essen mit ihr wählte anstatt des Autos, war nur zu verständlich! Hoffentlich klappts! Haben wir eigentlich solche Schauspieler-Stars?
Preußenblut 09.11.2008
2. Thomas ist Weltklasse
Zitat von sysopAlle Rollenklischees bestätigt, deutsche Provinzialität gewahrt: Thomas Gottschalks Wettshow bot bestenfalls harmloses Konsens-Fernsehen. Man hätte sich am liebsten vor die Stirn getreten - aber auf die Idee kam schon ein anderer. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,589306,00.html
"Mit Ans-Hirn-Treten wird man nicht reich, man wird nicht gebildet - aber es ist sehr viel Fun." Das war Selbstironie. Thomas ist einfach nur Weltklasse. Wie hoch waren gestern die Einschaltquoten? In anderen Programmen sah man Sex oder Katastrophen. Wer soll sich sowas in unserer Zeit von Pech und Pannen ansehen? Thomas wollte das Volk unterhalten und hat es wieder geschafft.
Blautopas, 09.11.2008
3. Bestätigung
Ich treffe seit Jahren wohl die richtige Entscheidung am "Wetten-dass-Abend": Nicht angucken.
uhufeder 09.11.2008
4. Und weiter und weiter
wird das ZDF auf unsere Kosten diesen Mist senden
uhufeder 09.11.2008
5. Volksunterhaltung
Zitat von Preußenblut"Mit Ans-Hirn-Treten wird man nicht reich, man wird nicht gebildet - aber es ist sehr viel Fun." Das war Selbstironie. Thomas ist einfach nur Weltklasse. Wie hoch waren gestern die Einschaltquoten? In anderen Programmen sah man Sex oder Katastrophen. Wer soll sich sowas in unserer Zeit von Pech und Pannen ansehen? Thomas wollte das Volk unterhalten und hat es wieder geschafft.
Wird Ihr Kopf einmal zu denken anfangen ? Unterhaltung für das Volk ? Nein,für Leute Ihrer Denkweise! Sorry
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