"Wetten, dass ...?" Herr Gottschalk erkrankt am Dschungelfieber

Den aalglatten Auftritt von Tom Cruise talkte er ja noch locker weg, auch die erste schwule Karnevalsgarde ließ ihn unberührt. Aber dass eine 77-jährige RTL-Dschungelkönigin Thomas Gottschalk die Zuschauer streitig machte, versaute seiner TV-Majestät dann doch irgendwie den Abend.

Von Peer Schader


Genau betrachtet, muss es ein furchtbares Land sein, in dem wir leben. Unsere Politiker sind steif und können die Menschen nicht mit ihrer Art begeistern, ganz anders als in den USA (wenn man mal über acht Jahre George W. Bush hinwegsieht). Amerikaner müssen Filme über unsere Geschichte drehen, damit sich die Jugend überhaupt noch dafür interessiert. Und sowieso sind wir ja meistens so unlocker und müssen alles analysieren anstatt einfach mal gute Laune zu haben.

Es hat eine lange Tradition bei "Wetten, dass ...?", dass Thomas Gottschalk Stars aus Übersee erklärt, warum "wir Deutschen" es uns selbst so schwer machen, während bei ihnen immer Halligalli herrscht, und an diesem Samstag, in der ersten Show des neuen Jahres, ist es mal wieder besonders schlimm gewesen.

Schauspieler Christian Berkel durfte erzählen, warum er sich während der Dreharbeiten zu "Operation Walküre" so für sein Land geschämt hat (wegen der lästigen Moral-Diskussionen). Gottschalk schwärmte ein bisschen von Obama und bedauerte, dass unsere Politiker nicht so gut swingen können. Und nachher kam noch Comedian Michael Mittermeier, um passend zum Amtsantritt des neuen US-Präsidenten ein paar seiner alten Merkel-Gags aufzuwärmen.

Am Ende ahnte man daheim auf dem Sofa, wie schlimm es wirklich um uns steht. Vor allem, wenn sich einmal im Monat das, was wir als unsere Unterhaltungselite bezeichnen, in einer großen Samstagabendshow mit Gästen aus dem Ausland trifft, um sich bei denen zu beklagen, dass die Deutschen so viel steifer sind als der Rest der Welt.

Kein Wunder also, dass viele Stars mitten in der Sendung schon wieder zum Flieger müssen: Was ist das auch für ein komisches Land, wo man in Fernsehshows eingeladen wird, in denen sich die Gastgeber ständig über sich selbst beschweren?

Stargast Tom Cruise hatte dann aber eine tolle Idee, wie er bei "Wetten, dass ...?" Werbung für seinen derzeit im Kino laufenden Stauffenberg-Film machen konnte, ohne sich zu sehr in diesen fremden Traditionen zu verstricken. Auf Gottschalks sowieso eher allgemeine Fragen zur "Operation Walküre" gab Cruise so universalgültige Antworten, dass er auch etwas Passendes parat gehabt hätte, wenn er nach dem Weltfrieden gefragt worden wäre.

Es sei "eine besondere Zeit, in der wir leben", "ich bin sehr hoffnungsfroh für die Zukunft", diese Stauffenberg-Sache sei ja "eine machtvolle Geschichte", und sie "inspiriert uns alle, Widerstand zu leisten".

Schade, dass Cruise schon wieder weg war, als Mittermeier später auf die Bühne kam und Widerstand gegen Cruise leistete, indem er sich über dessen vormalige Bemerkung lustig machte, er hätte Hitler wahrscheinlich auch getötet, wenn er zur Zeit Stauffenbergs auf dieser Erde gewesen wäre. "Mir hätte der Führer von Scientology schon gereicht", ätzte der Bayer.

Trotz aller Miesepetereien war es eine solide Sendung mit unterhaltsamen Wetten, die Gottschalk aus Offenburg ablieferte. Ein Skilangläufer trat in der Außenwette gegen einen riesigen Pistenbulli beim Bergauf-Bergab-Slalom an, in der Halle versuchte ein Kandidat, mit der Zunge Süßstofftabletten aus Mausefallen zu schnalzen, ein Mädchen aus Stuttgart erkannte Spieler aus der ersten Liga an ihren Augen ( Foto-Quiz zum Selberspielen), ein Ohrenwackler morste einem Kollegen ganze Sätze und zum Schluss errieten zwei Tierpfleger den Kot unterschiedlicher Tierarten mit der Nase, während es im Publikum regelmäßig erschrockenes Raunen gab, sobald die beiden Kandidaten den sauber auf Silbertabletts aufgetürmten Ausscheidungen zu nahe kamen.

Gottschalk selbst kam ausnahmsweise mal ohne Wetteinlösung davon, weil er seine Stadtwette gewann: Kein Offenburger konnte schneller auf allen Vieren laufen als der vom ZDF aufgetriebene Theologiestudent Magnus. Also marschierte die erste schwule Karnevalsgarde "Rosa Funken" nachher ohne Gottschalk als Funkenmariechen durchs Studio.

Und eigentlich könnte man damit einen Haken hinter die 179. "Wetten dass ...?"-Ausgabe setzen - wäre da nicht RTL mit seiner Dschungelshow gewesen, deren Finale ab halb zehn zeitgleich zum ZDF-Klassiker lief, was Gottschalk und seine Gäste zu permanenten Anspielungen verleitete.

"Das ist besser als jedes Dschungelcamp", lobte ein unfassbar eingebildet wirkender Jörg Pilawa als erster Gast Gottschalks Programm, Mittermeier kam ebenfalls nicht um eine Dschungel-Anspielung herum, und Gottschalk verbat nachher Ex-Dschungelfrau Desirée Nick (welch origineller Gast!), "das Bäh-Wort" zu sagen (also: Dschungel), obwohl er es ja selbst ständig in den Mund nahm. "Jetzt laufen wir direkt gegen den Dschungel - euren Scheiß können wir schon lange", lästerte der Moderator vor der Kot-Wette in Richtung RTL.

Während dort also eine 77-jährige Schauspielerin mit ihrer etwas ruppigen aber liebenswerten Art im australischen Busch ganz entspannt zum Liebling des Publikums gewählt wurde, liefen in der größten Unterhaltungsshow Europas alle wie aufgescheuchte Hühner durchs Studio und setzten mit ihren ständigen Gags über die Konkurrenz einen Umschaltimpuls nach dem nächsten.

Die RTL-Versuche, den ZDF-Tanker mit Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" und "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" ins Wanken zu bringen, scheinen besser zu funktionieren als gedacht. Nicht, weil mehr als sieben Millionen Menschen zusahen, wie Ingrid van Bergen Dschungelkönigin wurde, immerhin schaffte "Wetten, dass ...?" ja auch noch passable 10,6 Millionen (selbst wenn "Ich bin ein Star" bei der jungen Zielgruppe vorne lag).

Sondern vor allem, weil RTL eines geschafft hat: Gottschalk wirklich nervös zu machen. Oder, um's mal in guter alter "Wetten, dass ...?"-Tradition zu formulieren: In den USA hätte es so viel Unlockerheit nicht gegeben.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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sonnescheinglückallein 25.01.2009
1. ZDF unterstützt Scientology
so ist das also, alle rümpfen die Nase über den Welt Schauspieler, aber wenn´s um die Quote geht ist auch Scientology zur besten Sendezeit Herzlich Willkommen. Alse entweder ist man dagegen oder dafür. Das ZDF und auch all die anderen Medien sollten sich entscheiden. Alles andere wäre geheuchelt, auch wenn es um ein Hitler Attentat geht. Gelungene Kampagne für den Scientologen, schon mal dran gedacht, dass versteckte Botschaften im Film zu sehen sein könnten..... Schaun mer mal
reisemann 25.01.2009
2. Alles Kacke - oder was?!
Der dozierende, völlig verkrampfte Gottschalk (wo ist nur seine - undeutsche? - Lockerheit von vor 15 bis 20 Jahren geblieben???) geht mir schon lange auf den Senkel. Dass Mittermeier erst nach dem Abflug von Cruise (warum blieb der eigentlich so Ami-untypisch lange?) seinen Auftritt hatte, war garantiert Kalkül, denn wie hätte der Dolmetscher dem Scientologen Michis völlig berechtigten Seitenhieb übersetzen sollen? Ansonsten bin ich schon gespannt auf die Sendung, in der Kandidaten Urin gurgeln und dann sagen, welchen Whisky der betreffende Spender am Abend zuvor getrunken hat. Würg.
Hubert Rudnick, 25.01.2009
3. Eine Schande für das Fernsehen
Zitat von sysopDen aalglatten Auftritt von Tom Cruise talkte er ja noch locker weg, auch die erste schwule Karnevalsgarde ließ ihn unberührt. Aber dass eine 77-jährge RTL-Dschungelkönigin Thomas Gottschalk die Zuschauer streitig machte, versaute seiner TV-Majestät dann doch irgendwie den Abend. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,603369,00.html
-------------------------------------------------------- Ich findes es als eine große Schande, dass das örF. in Deutschland der Scientology eine Bühne bereitet wird. Wer bekennende Vertreter einer menschenverachtenden Organisation hier eine Bühne gibt, der sollte sich mal überlegen, ob er noch der richtige Mann für das öffentliche rechtliche Fernsen ist? Ich selbst schaue mir so etwas nicht an. Hubert Rudnick
Dreyman 25.01.2009
4. Gut
Ich fand die Sendung gelungen und abwechslungsreich, auf Mittermeier hätte ich verzichten können, aber das ist meine persönliche Meinung. Insgesamt eine gelungene Sendung mit interessanten Wetten, gut zum entspannen und (geistigem)abschalten. Freue mich auf die nächste Sendung.
papa257 25.01.2009
5. Gottschalk gegen Van Bergen
Der liebe Herr Gottschalk will es nun einmal nicht einsehen, dass er nicht mehr "der" Publikumsmagnet im deutschen Fernsehn ist. Er sollte lieber seine Zunge hüten, denn das was er manchmal von sich gibt, geht eindeutig zuweit.
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