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"Wetten, dass ...?": "Letzten Sommer hab ich mich leicht verlaufen"

Von Peer Schader

Hundekuchen futternde Promis und doppelte Abwrackprämie: In gewohnt schräger Zirkusdirektorenuniform schwang Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass…" als Krisendompteur die Peitsche - und präsentierte eine erstaunliche Nummer: Boris Becker, der seiner Ex-Ex Lilly Kerssenberg einen Heiratsantrag machte.

Ach was soll's: Heute stoßen wir mal Günther Jauch vom Thron. Der führt jetzt lange genug die Liste der beliebtesten Politiker an, es wird Zeit für ein frisches, unverbrauchtes Gesicht: Thomas Gottschalk muss Bundeskanzler werden! Finden Sie nicht? Dann haben Sie am Samstagabend ganz offensichtlich "Wetten dass..?" verpasst. Da durfte Gottschalk endgültig beweisen, dass er das Zeug dazu hat.

Der Mann rettet uns die Autoindustrie! Er überführt selbst hoffnungslose Fälle wie Boris Becker in den heiligen Stand der Ehe! Und hat die große Krise um die Kot-Wette aus der Januarsendung, nach der eine CSU-Politikerin den Untergang des öffentlich-rechtlichen Anstands beschwören wollte, unbeschadet überstanden.

"Es gibt ja heute kaum noch etwas, auf das man sich verlassen kann. Man wacht morgens auf und weiß gar nicht: Gibt es meine Bank noch? Gibt es meine Automarke überhaupt noch? Gibt es die SPD noch? Jeden Tag muss man gucken: Ist alles noch so wie es war? Und meistens ist es nicht so", begrüßte der ZDF-Moderator das Düsseldorfer Publikum zu Beginn der Show beinahe ernst - und hatte dann gut zweieinhalb Stunden Zeit, um das Gegenteil zu beweisen.

Immerhin: "Wetten dass..?" ist noch ganz das alte, selbst wenn RTL inzwischen regelmäßig mit Dschungel- und Superstars im Gegenprogramm sendet. Deutlich entspannter als noch vor einem Monat lieferte Gottschalk seine vorletzte Sendung vor der Sommerpause ab. (Der Sommer beginnt beim ZDF immer schon Ende März - so viel Optimismus verbreitet im deutschen Fernsehen sonst keiner.) Und das Wichtigste soll an dieser Stelle gleich am Anfang stehen: Boris Becker heiratet im Juni! Hat er jedenfalls im ZDF versprochen. Und zwar seiner ehemaligen Ex- und jetzt Wieder-Freundin Lilly Kerssenberg, die mit ihm auf der Couch neben Gottschalk saß, der nach der Trauungszusage so glücklich wirkte, als hätte er Becker irgendwann mal adoptiert und sich vorgenommen, ihn endlich wieder unter die Haube zu bringen.

"Langsam scheint er sich zu stabilisieren", spielte der Gastgeber auf Beckers Zickzack-Liebeleien an, und der bekannte gleich reumütig: "Letzten Sommer hab ich mich leicht verlaufen." Ihm als Wettansatz jetzt schon das Versprechen ewiger Treue abzuverlangen, sparte sich Gottschalk dann aber doch, und ließ den Ex-Tennisprofi stattdessen durch ein brennendes Herz springen, weil seine Zukünftige mit ihrem Tipp für die Kinderwette daneben lag, bei der ein Zwölfjähriger Sportschuhe blind am Hineinbeißen erkannte.

Sorgen muss man sich jetzt bloß noch um Hape Kerkeling machen, der ja immer mal wieder als Gottschalk-Nachfolger bei "Wetten dass..?" im Gespräch ist, genauso oft dankend ablehnt, in Düsseldorf aber wenigstens als Schlagersängerin Uschi Blum verkleidet seinen Titel "Sklavin der Liebe" singen wollte - und danach so schnell wieder verschwunden war, dass man sich fragte, ob er die Ankündigung, gleich noch einen Auftritt im "Schlagerparadies Dormagen" zu haben, womöglich ernstgemeint hat.

Es war also ein versöhnlicher Abend, fast ein bisschen zu versöhnlich, obwohl das Schauspieler-Duo Andrea Sawatzki und Heino Ferch anfangs ziemlich entsetzt schaute, dass es nach verlorener Wette im Rhönrad durchs Studio gerollt werden und Kunststücke auf dem Schwebebalken vollbringen sollte, dann aber brav parierte.

Skandale sparte sich das ZDF diesmal, und sogar Oasis, die früher mal eine Rockband waren, machten im Zweiten einen eher matten Eindruck mit ihrem neuen Schlaflied und der merkwürdigen Frisur von Sänger Liam Gallagher, dem kurz vorher die Koteletten explodiert sein müssen.

Statt Krawall gab es Zirkus: Ein Schlittenhund-Frauchen, das ihre Vierbeiner am Wurstbrüheschlabbern erkannte, einen Österreicher, der mit den Füßen Dartpfeile auf Luftballons warf und einen Motorradlenker, dessen Beifahrerin während der Fahrt den Vorderreifen wechselte. Wenn Gottschalk zwischendrin Raubtierdressur und Elefanten angekündigt hätte, die auf einem Fuß balancieren, wäre das im kleinen ZDF-Wanderzirkus gar nicht weiter aufgefallen.

Das einzige, was sich da noch bemotzen ließe, war die etwas mickrige Star-Besetzung, zu der zeitweise Jennifer Aniston und Owen Wilson zählten, die mit Gottschalk Hundekuchen knabberten, und denen man ein bisschen ansah, dass sie nicht ganz verstanden, was der große blondgelockte Mann in seiner Zirkusdirektorenuniform da um sie herum veranstaltete. Wenigstens ging es den beiden da nicht anders als den Zuschauern Zuhause, die von dem kurzen Sofa-Gespräch mit dem Gastgeber kaum etwas verstanden, weil die Dolmetscher sich ständig gegenseitig ins Wort fielen und im Hintergrund schon die Huskys kläfften.

"Das ist deutsches Fernsehen - sowas machen wir jeden Abend", schockte Gottschalk die Hollywood-Stars, die wegen verfrühter Abreise leider nicht mehr mitbekamen, wie zwei Zuschauern aus dem Publikum zum Schluss vor laufender Kamera die Autos zerquetscht wurden. Zuvor hatte der Herr der Manege versprochen, eine doppelte Abwrackprämie zu zahlen, wenn er seine Saalwette verlieren sollte, für die Düsseldorfer gesucht wurden, die über ihr eigenes Bein hüpfen konnten. Was jetzt noch gegen Gottschalk als bundesdeutschen Krisendompteur spräche, ist allenfalls, dass er eine ganz entscheidende Schwäche mit den Politikern, auf die wir uns sonst verlassen müssen, teilt: Ohne zu überziehen schafft auch er es einfach nie, fertig zu werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
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1. Nostalgie
sam clemens, 01.03.2009
Ich vermisse, zugegeben aus Nostalgie, den obligatorischen Verriss! Meiner Meinung nach war "Wetten, dass ...?" diesmal verhältnismäßig schwach - Gottschalk war zwar tatsächlich lockerer, aber die Gäste (darunter der unsägliche Boris B.) waren blass (Sawatzki - was für eine grässliche Haarfarbe), die Wetten zahm, wenig Atmosphäre.
2. Abwrackprämie, Müll
dasky 01.03.2009
Zitat von sysopHundekuchen futternde Promis und doppelte Abwrackprämie: In gewohnt schräger Zirkusdirektorenuniform schwang Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass…" als Krisendompteur die Peitsche - und präsentierte eine erstaunliche Nummer: Boris Becker, der seiner Ex-Ex Lilly Kerssenberg einen Heiratsantrag machte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,610555,00.html
Vermüllung (http://www.welt.de/multimedia/archive/00719/wetten_leyen_tonne__719556g.jpg) hätte die allgmeine Stimmungslage vielleicht besser abgebildet als solcher Schmus....und eine effektivere Müllentsorgung (http://p3.focus.de/img/gen/2/w/HB2wkySN_Pxgen_r_311xA.JPG) sollte in den Sendungen auch geübt werden...
3. Oh je ...
vas-x 01.03.2009
... dieses Zeugs nennt sich nun "mediale Grundversorgung" und dafür zahle ich meine Rundfunkgebühren. Es ist zum Kotzen.
4. Manche möchten halt gerne erbrechen...
Frau Wutz, 01.03.2009
Zitat von vas-x... dieses Zeugs nennt sich nun "mediale Grundversorgung" und dafür zahle ich meine Rundfunkgebühren. Es ist zum Kotzen.
Warum schauen Sie es sich dann an? Damit man sich hinterher so schön empören kann?
5. planiertarium
kikolo, 01.03.2009
versteh ehrlich nicht wie es zu solchen geschmacksverirrungen wie es zu solchen ausstrahlungen kommen kann ... auf welchem planeten leben die eigentlich....die GEZter
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