"Wetten, dass ...?" Unterhaltungspotentat Thomas I.

Alleinherrscher und Autogrammjäger: Thomas Gottschalk feiert sein 20-jähriges Jubiläum bei "Wetten, dass ...?". Seine Beinkleider waren gewohnt bunt, die Show hingegen farblos. Die Bilanz: Der König ist müde, aber ein Thronfolger nicht in Sicht.

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Der König der Samstagsabendunterhaltung residiert in seinem kleinen Reich am Ende der Welt und vertreibt sich den eintönigen Alltag, indem er sich farbenfrohe Gewänder aus aller Welt an den Hof bringen lässt. Nur manchmal, wenn Gesandte aus dem mächtigen Märchenreich Hollywood kommen, schreckt der Alte aus seinem Dämmerzustand auf. Dann stellen sich vor Freude seine Locken hoch, dann klimpert er kokett mit den Wimpern.

Gottschalk und Garner auf der Couch in Basel: Heranpirschen mit Hundeblick
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Gottschalk und Garner auf der Couch in Basel: Heranpirschen mit Hundeblick

Seit 20 Jahren regiert Thomas Gottschalk beinahe absolutistisch über das Reich der deutschsprachigen Samstagabendunterhaltung. Seinen Wirkungsbereich wagt ihm niemand abspenstig zu machen, die Konkurrenz baut ihre Termine bescheiden um die "Wetten dass ...?"-Sendungen herum. Emporkömmlinge, die doch die Machtübernahme versucht haben, scheiterten kläglich. Diese Selbstgewissheit hat bei Gottschalk längst zu einer ritualisierten Zeittotschlägerei geführt, die allenfalls durch den Besuch besagter US-Kinostars unterbrochen wird.

So war es auch gestern wieder im beschaulichen Basel. Nach dreimonatiger Abstinenz begann Gottschalk den Abend mit Sottisen über die freiwilligen und unfreiwilligen Rücktritte anderer Mediengestalten, von Stoiber über Christiansen bis Herman. So richtig warmgeredet hatte sich Gottschalk, gekleidet in ein lila Etwas mit Rüschen dran, als er die Vertreter aus Hollywood begrüßte.

Alleinherrscher und Autogrammjäger

Mit den Gästen aus Übersee ist das bei "Wetten dass ...?" ja so eine Sache: Die sehen immer benommen aus, so als wären sie aus dem Hubschrauber gestoßen worden; mit denen kann man eigentlich alles machen. Ein Situation, die Gottschalk stets für sich zu nutzen weiß. Diesmal umgarnte der deutsche Unterhalter die US-Schauspielerin Jennifer Garner, die mit ihrem Kollegen Jamie Foxx herübergejettet war, um das gemeinsame Kriegsepos "Operation: Kingdom" zu bewerben.

Als was zum Nachdenken bezeichnete Gottschalk - im Nebenberuf Filmkritiker beim Mini-Sender Tele 5 - den harten FBI-Schocker von Garner und Foxx, bei dem die Helden in einer gut halbstündigen Abfolge von Action-Sequenzen Saudi-Arabien in Schutt und Asche verwandeln. Egal, irgendwie musste er sich ja an Jennifer Garner heranpirschen. Einmal hätte er sie beinahe auf einer Premierenfeier angesprochen, berichtete Gottschalk der Umschwärmten mit bettelndem Hundeblick, dann habe er sich aber doch nicht getraut.

Der mächtigste Moderator im deutschen Fernsehen: eine Mischung aus Alleinherrscher und Autogrammjäger.

Doch so schnell sich Jennifer Garner in die Basler Halle runtergeseilt hatte, um ihren Interventionsschocker zu bewerben, so schnell seilte sich die Action-Actrice auch wieder ab. Sorry und farewell, der nächste Einsatz rief. Die Welt ist groß, Deutschland allenfalls mittelwichtige Provinz.

Paola Felix im Nylon-Nichts

Da saß Gottschalk dann wieder alleine mit seinen deutschsprachigen Gästen auf der Couch und musste dabei zusehen, wie sie ihm zielsicher den Restglamour zerredeten. Die beiden TV-Darsteller Suzanne von Borsody und Michael Mendl zum Beispiel, die ebenfalls irgendein Filmprojekt bewarben, referierten ein wenig Irres und irre viel Langweiliges über Gott und die Welt.

Noch effizienter demonstrierte das Ehepaar Paola und Kurt Felix, das nichts als sich selbst promotete, wie man mit atemberaubender Effizienz jeglichen schönen Schein tilgt: Sie hatte ein Nylon-Nichts an und wollte wohl zeigen, dass auch mit 57 noch Freizügigkeit erlaubt ist; er erzählte fünf Minuten lang, wie seine Frau sich das Ding angezogen und wie viele Strümpfe sie dazu anprobiert hatte.

Akkuratesse und Schnarchnasigkeit - irgendwie harmonierte das wunderbar mit den Wetten: Ein Bauer musste mit dem Auspuff seines Traktors fünf Bälle in drei Minuten in einen Basketballkorb lenken. Ein anderer Bauer wollte zehn Backsteine mit einem Gesamtgewicht von 30 Kilogramm 20 Sekunden gegen die Wand drücken. Und ein ganz Kecker versprach, innerhalb von zwei Minuten zweimal ein Dutzend Männer mit gummiglockenbesetzten Abflussreinigern zu treffen. "Pömpel-Dart" nannte er den Zeitvertreib.

Der müde König

Gottschalk sah sich all diese beflissenen Übungen, die man ihm und seinem Fernsehvolk zum Zeitvertreib darbot, gütig an. So richtig interessierte das aber offensichtlich nicht. Ungewöhnlich zielstrebig trieb er, der doch sonst so ausschweifend und hemmungslos in seinem Fernsehreich agierte, die Zeremonie voran und überzog die Sendung nur um 30 Minuten. Rekordverdächtig, für seine Verhältnisse.

Ja, der König ist müde geworden. Allein: Ein Thronfolger ist nicht in Sicht. Die TV-Zeitschrift "Gong" hatte unlängst eine Meinungsumfrage bei Forsa in Auftrag gegeben, wen man sich an Gottschalks Stelle als großen ZDF-Zampano vorstellen könnte. Gut ein Drittel wünschten sich Günter Jauch - immerhin. Für die Stellung eines Moderators mit absolutistischen Anspruch ist das allerdings immer noch eine bescheidene Zahl.

Im Zweiten wird daher wohl alles so bleiben wie bisher. Auf die nächsten 20 Jahre Thomas Gottschalk also! Und wenn er nicht gestorben ist, dann moderiert er da noch immer.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
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LarsHbg, 07.10.2007
1. 20 Jahre Wetten dass...? Mit Thomas I.
...wozu braucht man diese Sendung eigentlich noch?
taipei_ch 07.10.2007
2. Pre-Party mit Gottschalk
Früher haben wir uns vor einer Party bei "Wetten dass..." warm-gesoffen und uns über Gottschalk kaputt gelacht. Selbst das ist jetzt langweilig geworden.
spiegelmaus 07.10.2007
3. Bully Herbigs Abgang bei Tommy G.
Ja, ja, des Kaisers neue Kleider. Immerhin ist auch dem letzten Zuschauer mit verkästem Gehirn klar geworden, dass zumindest der unsägliche "Bully" Herbig, der alles nur nicht komisch ist, sich mit seinen drei oder vier immer denselben Grimasseneinlagen vergeblich versuchte, ein paar Lacher zu sichern, inzwischen seine Schwuli-Masche totgeritten hat, und einen grausam unkomischen Zeichentrickfilm ohne Sinn und Seele und Story gemacht hat, der mit Sicherheit zum Flop des Jahres werden wird, dass also der Herbig mega-out ist, und in Zukunft allenfalls noch Heizdecken auf Kaffeefahrten verkaufen wird.
ProfPedro 07.10.2007
4. Wetten das...
Unter den Blinden ist der einäugige König. Diese Sendung zeigt, wie tief das ÖR-TV gesunken ist. Reinstes Quoten und Unterhaltungsprogramm, ein desinformierter, langweiliger Kindergeburtstagsunterhalter als Moderator, ausgelutschtes 20 Jahre altes Konzept und ein im Ritual erstarrtes Publikum vor der Glotze. Es gab mal Zeiten, als das Fernsehen noch was wollte, ich erinnere an HJ Kuhlenkampf mit seinen klugen und anspielungsreichen Anfangsmonologen oder die Legende Wünsch dir was und nicht zuletzt der Anfang von Wetten das mit Frank Elstner. Ja, auch Thomas Gottschalk hatte mal was Frisches, Freches und passte zum Konzept. Jetzt steht er für die Unbeweglichkeit des ÖR-TVs, daß von alten Herren, die sich in alten Erfolgen suhlen und die nicht bemerken, daß weite Teile des Publikums ihnen längst den Rücken zugekehrt haben, kaputtregiert wird. Da feiert sich der Hofstaat inklusive Hofberichterstatter,die sich zu Unrecht Journalisten nennen. Allen geht es nur noch ums dabei sein, auch den Werbetreibenden aus der nationalen und inetrnationalen Schauspielzunft. Inhalte sind dabei längst überflüssig geworden. All das, wofür das ÖR-TV einmal stand, Bildung, Anspruch, Minderheitenprogramm, Mittelpunkt gesellschaftlicher Diskussion, ist längst an den Rand gedrückt. Der Rundfunkstaatsvertrag wird höhnisch verlacht und durch den Geschmack eines Publikums ersetzt, das längst vor dem Fernsehr erstarrt ist. Vielleicht sollte mal jemand nachsehen, ob da überhaupt noch jemadn zu Hause ist oder ob man nur vergessen hat den Fernseher auszuschalten. Das alles wäre ja nicht schlimm, wenn wir es nicht auch noch bezahlen müssten! Wo bleibt die Politik, wo sind die klugen Köpfe der Republik, gibt nur noch sowenige wirkliche Journalisten? Oder haben wir das Medium längst aufgegeben? Schreiben schon längst die Praktikanten die Fernsehkritik? Wen sonst könnte es noch wundern, daß Wetten das...? so ist, wie es ist. Die pure Beschreibung ist da zu wenig! Diese Sendung (auch die Berichterstattung darüber) ist Teil des Systems! Schaffen wir es ab zugunsten von arte, 3Sat, dritte Programme und Fernsehprogramme, die mehr wollen, als die Quotenzustimmung des dummen Durchschnitts!!
Iggy Rock, 07.10.2007
5. Änderungen unerwünscht
Zitat von LarsHbg...wozu braucht man diese Sendung eigentlich noch?
Gute Frage, vielleicht weil es bezüglich "Unterhaltungshows" in den Privaten noch schlimmer aussieht? Vielleicht sind wir aber auch nur so abgebrüht das uns Gottschalk mit seinen Standardseitenhieben, den einzigen echten Witz den er hat, den sinnlosen Wetten, den "Superstars" aus den Staaten, die immer gleich zum Flieger müssen bevor sie den Mund richtig aufmachen können und dem restlichem Werbeklimbim nicht mehr wirklich etwas anfangen können, weil es sich all das in den Jahren nie geändert hat? Die Sendung hakt vor allem daran das jene, meist Deutschen,Gäste ohnehin in allen Talkshows zu Werbezwecken aufmarschieren, egal auf welchem Kanal. Echte Musiksendungen, abseits des Schlager und Volksmusikmarktes, sind alle in der Versenkung verschwunden, außer zur Festivalzeit, da keimen sie noch etwas, aber dafür eine Alternative ist Wetten dass noch nie gewesen. Das einzige was man nicht ersetzen kann sind die Wetten, aber mal ehrlich, da ist der kick auch schon lange raus weil sie alle nach dem selben Muster ablaufen, da wird mal was gestemmt, hier mal was herausgehört/-geschmeckt/-gerochen und für die Männer mal ein Traktor/Bus/Bagger/Gabelstabler bewegt. Immer die gleiche Soße, genauso einfallsreich wie die immer wieder kommenden Standardgäste die keiner mehr sehen kann. Aber das ist wohl das Erfolgsrezept, seichte Unterhaltung für große Teile der Zuschauer, für jeden was dabei. Der fade Nachgeschmack bleibt jedoch, GEZ Gebühren für sowas zu zahlen, wo man nie den Eindruck hat etwas Ernsthaftes verpasst zu haben wenn man mal etwas sinnvolles tut und "ausschaltet".
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