Wewerka-Bildband Wenn der Niger in die Nordsee mündet

Seine Stühle haben weiche Beine, zersägte Geldstücke fügte er mit einem Scharnier zusammen: Der Künstler Stefan Wewerka ist ein Meister schrägen Humors, wie ein neues Buch zeigt.

Stefan Wewerka

Stefan Wewerka, geboren 1928 in Magdeburg, ist Künstler, Architekt und Designer, er hat gebaut, gemalt, gezeichnet und Skulpturen geformt. Und fotografiert, Filme gedreht, Möbel und Stuhlskulpturen sowie Mode entworfen. Und er hatte viele Ideen, wie die, die Erdkugel zu halbieren, beide Hälften gegeneinander zu verdrehen und wieder zusammenzukleben. "Accra würde dann ein Vorort von London sein, und der Niger würde in die Nordsee münden." Eine solche neue Sicht auf die Welt ließ sich nicht verwirklichen.

Mit dem Satz "Ein großer Künstler verändert unsere Sicht auf die Welt, auf die Dinge" beginnt das Buch "Nahaufnahme Stefan Wewerka", und der Autor Wulf Herzogenrath, Direktor der Kunsthalle Bremen, schreibt weiter, Wewerka sei einer dieser Künstler. Das scheint übertrieben. Stefan Wewerka zählt nicht zu den "großen Künstlern", aber er war in den siebziger Jahren einer der erfolgreichsten. Heute kennen junge Künstler kaum noch seinen Namen.

Warum? Gibt es etwas Exemplarisches an einer Künstlerlaufbahn? Schon wegen solcher Fragen lohnt es sich, "Nahaufnahme Stefan Wewerka" zu lesen, in der Wewerka selbst subjektiv über sein Leben, seine Kunst und Arbeit, sein Umfeld, Freunde und die Szene erzählt - ganz selbstbewusst nach seinem Motto "The exhibition started in 1928 when I was born and will end, sometime, when I will die...".

Öko-Entwürfe mit eingefrorenen Wolkendächern

Anfang der neunziger Jahre hat sein Sohn Alexander, Mitherausgeber des Buches und Verleger, mit Wewerka biografische Interviews geführt, die nie veröffentlicht wurden und jetzt die Grundlage für das Buch bilden. Besonders schön ist die Bebilderung auf fast jeder Seite. Was Wewerka über seine Kindheit und seine Familie erzählt, ist zu sehen - die Mutter, das Selbstbildnis des Vaters, der Bildhauer war, die Siedlung in Magdeburg, wo er aufwuchs, der Magdeburger Dom im Foto und daneben Wewerkas der späterer Radierungs-Zyklus "Kathedralen".

Im Kapitel "Ausbildung und erste Projekte" erzählt er über sein Architekturstudium, das er 1946 bei Max Taut in Berlin begann, über Lehrer, Vorbilder und erste Entwürfe. Skizzen sind abgebildet und ausgeführte Bauaufträge. 1950 bekam er seine erste Anstellung im Berliner Architekturbüro Luckhardt, später arbeitete er drei Jahre lang für Hans Scharoun.

Daneben entwirft und zeichnet er "Erdarchitekturen" - plastische Körper mit "eingefrorenen Wolken" als Dächer, darunter sollte alles "aus der Erde und den Steinen herauswachsen oder in sie hineingehüllt werden". Damit wird Wewerka zum Pionier ökologischer Architektur. Allerdings nicht aus Sorge um Ressourcen, sondern aus "Protest" gegen schlechte Entwürfe. Anfang der sechziger Jahre schloss sich Wewerka der Kölner Kunstszene an. Die Unterscheidung zwischen freier und angewandter Kunst, Architektur und Skulptur akzeptierte er nicht. So stellte er seine "Erdarchitektur" in der Kunstszene zusammen mit Künstlern wie Mauricio Kagel, John Cage, Nam June Paik oder Heinz Mack aus und arbeitete mehr und mehr als Künstler.

Führt Spezialisierung zur Verflachung?

Verformen und Verwandeln sind seine Themen in der Kunst - ein zerschnittenes Fünfmarkstück wird mit einem Scharnier zusammengehalten, eine Fahne mit einem Reißverschluss - alles mit einer Pointe. Aber erst mit seinen schrägen "Stuhlskulpturen" wird Wewerka einem großen Publikum bekannt. Dafür halbiert er Stühle und lässt die Hälfte aus einer Wand herauswachsen, er verpasst ihnen weiche Beine, so dass sie in die Knie gehen, schiebt sie zusammen auf ein paar Zentimeter oder funktioniert sie zu Kleiderbügeln um. Mit großem Erfolg - das Ausstellungsverzeichnis am Ende des Buches führt allein 1971 zwölf Einzelausstellungen und 14 Gruppenschauen auf. Gleichzeitig entwirft er benutzbare Möbel für die Firma Tecta.

1986 wird Wewerka zur Documenta 8 in Kassel eingeladen. Er zeigt den "Aufseherstuhl" und baut einen luftigen Ausstellungspavillon aus Stahlträgern mit einem Wolkendach. Der Ausstellungsboom war inzwischen abgeklungen. Weil seine immer neuen Stuhlverrenkungen nur noch Variationen waren? Im Buch wird das nicht thematisiert. Spezialisierung führe zur Verflachung, sagt er zwar, nimmt sich aber selber davon aus.

An Wewerka ist vieles festzumachen, was auch heute im Kunstbetrieb diskutiert wird. Lieber ein unabhängiger freier Geist, der sich nicht um den Markt schert, der neuen Ideen folgt und dafür sein Können nicht vertieft? Oder lieber ein Künstler, dessen Arbeit wie ein Label erkennbar ist? Wewerka steht für beides und wird dafür von einigen als "Universalkünstler" bewundert, von anderen als naiver Eigenbrötler gesehen.



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BrunoGlas 22.02.2011
1. Einfach schräg der Typ
Eines soll man ihm lassen, der Typ ist genauso schräg wie seine krummen Hunde ...ähh seine Stühle meine ich. Stefan Wewerka war in den siebziger Jahren Professor an der Fachhochschule für Kunst und Design am Ubierring in Köln. Von dort kenne ich ihn als Lehrer, der jedermann mit seinem abstrusen, abgründigen Humor intellektuell die Beine wegzusäbeln wusste. Raffte man sich dann von der ersten Überrumpelung auf, hatte er einem schon in ein kniffliges Fragen- und Antwortspiel verwickelt, sodass er sofort erahnte, wer ihm in Persona Sapiens gegenüber stand. Danach ging das Wortduell über in die große Schelte betreffend die herrschenden Zustände in der Kunst und im akademischen Lehrbetrieb im besonderen. Stefan war immer ein Denker und Künstler des alten Schlags, der ohne Ideologie - im Gegensatz zu Beuys und anderen - jede Ordnung der Welt als ästhetische Unbeholfenheit zu deklarieren wusste. Hatte man als junger Kunststudent dies einmal begriffen, so wusste man, dass es die hehrste Aufgabe des Künstlers sei, alles partout in Frage zu stellen. Richtige Kunst kann also nur krumm sein, ähnlich wie es das halbvolle und ein halbleere Kölschglas als letzte Sinnfrage gibt. Hoffen wir, dass wir alle ihm noch ein paar mal begegnen dürfen, ihm, dem krummen Hund in der Ubierschänke am Ubierring in Köln. Lebe wohl, Stefan Bruno Toussaint
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