Ausstellung in Bremen Die Kunsthalle versagt an der Liebe

Die Kunsthalle Bremen will mit einer Ausstellung über die Liebe junge Besucher anlocken. Doch der Flirtversuch mit der Generation "Onlinedating" gerät zu platt.

Tom Wood/ Kunsthalle Bremen/ Der Kunstverein in Bremen

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Ein Museum wie die Kunsthalle Bremen ist halt nicht gerade das, was man sexy nennt. Sie ist nicht der Ort, an dem sich Twentysomethings für ein Date verabreden. In den Sälen mit dunkelbrauner Holzvertäfelung und wenig Tageslicht trafen sich bislang wohl eher ältere Kunstliebhaber, um sich Ausstellungen über niederländische Malerei oder französische Druckgrafik anzuschauen. Sicher nicht Digital Natives, die ständig auf ihr Smartphone starren.

Doch die Museumsleitung möchte mehr junge Besucher matchen, und wanzt sich jetzt an die Generation "Onlinedating" heran. Kaum ein Thema würde dafür besser passen als die Liebe, diese ewige Sehnsucht, die den Menschen sein Leben lang einnimmt. Deshalb zeigt man in Bremen nun die Ausstellung "What is Love?" - es geht um Partnerschaft und Erotik, Schönheit und Sexting, mit Gemälden, Skulpturen und Fotografien, aus fünfhundert Jahren. Groß gedacht, alles in einer Halle.

Finanziert wurde die Ausstellung durch eine sehr bekannte Dating-App, die es bereits mit einem eigenen Verb in den Duden geschafft hat. Und jetzt wird es ein bisschen fremdschämig, denn die alte Kunsthalle hat sich dem Look und Feel der jungen User angepasst, in der Hoffnung, sich für diese Jahrgänge attraktiver zu machen. Sozusagen der poppige Facetune fürs Museum.

Haddaway! Das schmerzt

Wer sich hier in die Liebe stürzt, wird von Wänden in Pink und Lila fast erschlagen. Darauf prangen Zitate von Ed Sheeran und Lykke Li, und leider auch von dem deutschen One-Hit-Wonder Haddaway, dessen sehr simpler Eurodance-Hit von 1993 immer noch aus der wohlverdienten Versenkung auftaucht, wenn man bei Google "What is Love" eintippt. Eine enttäuschende kuratorische Leistung: So viele wundervolle Songtexte und Gedichte sind über die Liebe geschrieben worden, doch zitiert wird in Bremen Haddaway. Das schmerzt.

Die Exponatsschilder sind einem Tinder-Profil nachempfunden, natürlich in Pink, mit Like- und Dislike-Buttons. Doch auch diese gestalterische Annährung an die Kunstlaien da draußen gerät banal. Ein Herzchen-Button prangt auf dem Schild neben einer von Picassos "Sylvettes" - darunter die Erklärung, es sei eine verbreitete Methode, sich nach einer Trennung ins Ausgehen, in Alkohol oder ins Internet zu stürzen, um zu vergessen. So stellt man sich Kunstunterricht in der Sekundarstufe 1 vor.

Ähnlich unstimmig wirkt die Anordnung der Werke mit ihrer völlig disparaten Ästhetik. Es ist schwierig, die anmutige kleine Amor-Skulptur am Eingang wirklich zu betrachten, denn direkt daneben wischt ein Cyborg-Finger des australischen Künstlers Tully Arnot auf einem Smartphone-Bildschirm jedes Profilbild nach rechts. Den goldgerahmten Familien- und Venusbildern aus dem 19. Jahrhundert klaut eine Multimediaarbeit dreier Designstudenten der HfK Bremen die Aufmerksamkeit, in der Dating-Chatverläufe von Schauspielern nachgesprochen werden. Lehrmeisternd mahnt das Schild daneben: "Onlinedating leidet unter einem strukturellen Problem: Das Internet vermittelt den Eindruck einer unendlichen Angebotsfülle. Dadurch ist Wechselbereitschaft angesagt."

"Was ist Liebe?", lautet der Titel dieser Schau, doch die Zusammenstellung der 60 Exponate, darunter sogar der wunderschöne Kupferstich "Kuss" von Edvard Munch, vermitteln keine höhere Idee - nur das Gefühl, dass man sie fände, wenn man im Bremer Bestandskatalog den Hashtag "Love" eintippen würde. Dass in der Kunsthalle Bremen die Menschen die Kunst lieben, so viel ist klar, und dass sie versuchen, diese Leidenschaft weiterzugeben, sie zu empfehlen, das ist nicht falsch. Doch ob sie sich mit ihrem Facetune nicht unter Wert verkaufen wie die Singlefrau mit Duckface, diese Frage stellt sich wohl.

Aber wer weiß, vielleicht klappt es auch mit der neuen Pinkie-Herzchen-Sexyness. Duckface klappt ja auch bei vielen. Zumindest die neuen Singleabende der Kunsthalle sollen schon fast ausgebucht sein.

Video: Liebe in Zahlen

SPIEGEL TV

Ausstellung: What is Love? Von Amor bis Tinder, Kunsthalle Bremen, 7. Juli bis 21. Oktober 2018

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