New Yorker Whitney Museum Eine Blechschachtel macht dem MoMA Konkurrenz

Vorsicht, zerbrechlich! Das renommierte Whitney Museum zieht mit 14.000 Meisterwerken der US-Kunst in ein Gebäude des Stararchitekten Renzo Piano. Schon der Umzug gerät zum Mammutprojekt.

Timothy Schenck / Whitney Museum

Von , New York


Wie zieht ein Museum um? "Ganz vorsichtig", sagt Donna De Salvo: Ihre Kollegen packen mehr als 14.000 Kunstwerke im Wert von vielen Hundert Millionen Dollar in Spezialkisten, polstern, versiegeln und versichern sie. Dann werden sie in Trucks quer durch Manhattan transportiert, von der Upper East Side in den Meatpacking District.

Seit 2006 arbeitet De Salvo als Chefkuratorin des New Yorker Whitney Museum, einer der renommiertesten US-Kunstsammlungen. Zuvor war sie für die Londoner Tate Modern tätig, das weltweit größte Museum für moderne Kunst.

Über den Umzug sagt sie: "Das ist die größte Herausforderung meines Lebens."

Wie eine asymmetrische Blechschachtel

Das Whitney besitzt einen der spektakulärsten Bestände zeitgenössischer Kunst: Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Fotos und Installationen von Meistern wie Andy Warhol, Keith Haring, Edward Hopper, Jackson Pollock und Robert Rauschenberg. Bisher verschwand vieles davon in den Lagern, während die überfüllten Säle bei populären Ausstellungen zur Zumutung wurden.

Bis Anfang Mai wechselt das Museum von seinem engen Sechzigerjahre-Stammhaus in einen dreimal so großen Bau am Hudson River. Es ist New York Citys erster Museumsneubau dieser Dimension seit das weltberühmte Guggenheim 1959 eröffnet wurde.

De Salvo führt durch den Rohbau. Saalhohe Fenster öffnen sich zum Fluss. Für De Salvo wie "in einer tollen Wohnung". Einer äußerst luxuriösen Wohnung: Der Entwurf stammt vom Stararchitekten Renzo Piano, der auch das Centre Pompidou und den Londoner Turm "The Shard" konzipierte. Pianos Design und die Konstruktion des Gebäudes schlagen mit 422 Millionen Dollar zu Buche. Hinzu kommen 338 Millionen Dollar für Umzug, Nebenkosten und die Museumsstiftung. Finanziert wird das Ganze aus Spenden und der Verpachtung des alten Hauses an das Metropolitan Museum.

Das neue Gebäude sieht aus wie eine asymmetrische Blechschachtel. Es steht am Anfang der High Line, einer zum Park veredelten Ex-Hochbahntrasse. Deren Architektur und Ausblick locken fünf Millionen Besucher im Jahr an. Ringsum entwickelt sich der Meatpacking District, vormals Schlachthöfe und Sexclubs, zur Kultur-Enklave: Ideal für ein Museum, das sich ein junges Publikum wünscht.

Mit 19.000 Quadratmetern Fläche - darunter 6000 Quadratmeter Galerien, ein Theater, Dachterrassen und der größte säulenfreie Saal New Yorks - bietet der Piano-Bau viel Platz.

Tolle Lage nach langer Odyssee

"Die Lage ist ziemlich unglaublich", sagt De Salvo. Der Umzug war auch eine Frage der Notwendigkeit. Der Bunker des alten Gebäudes war schon kurz nach der Eröffnung 1966 zu klein. Dabei hatte das 1930 gegründete Museum da schon eine lange Odyssee hinter sich. Seine erste Heimat war im West Village gewesen, nur 15 Gehminuten vom künftigen Standort entfernt.

Nach langer Verzögerung, vor allem wegen der Finanzkrise, kam es 2011 zur Grundsteinlegung. Die Einweihung ist für den 1. Mai angesetzt. Danach hofft das Whitney, dem Museum of Modern Art ernsthafte Konkurrenz machen zu können.

Das alte Gebäude schloss im Oktober, nach einer großen Jeff-Koons-Retrospektive. Seitdem werden weltberühmte Werke wie Warhols "Marilyn" ebenso vorsichtig zum Hudson geschafft wie Bürostühle, das einzige Mobiliar, das mit soll. Die Verpackung ist eine Kunst für sich: Kisten in Kisten, dazwischen Isolierschaum.

Vor dem Umzug gab es Probleme: Der Hurrikan "Sandy" flutete 2012 den Keller des Rohbaus. Ingenieure aus Hamburg erfanden daraufhin ein System aus tonnenschweren Stahlschleusen, die nun die Hudson-Seite sichern. Und: Kein Kunstwerk findet sich tiefer als 15 Meter über dem Flussspiegel.

De Salvo entwirft gerade die Eröffnungsshow mithilfe von Holzmodellen und Computersimulationen. Immer wieder lässt sie sich vom Blick aus den Fenstern ablenken. Draußen schiebt sich der Rush-Hour-Verkehr über den West Side Highway, wie jeden Abend. "Das ist der Rhythmus des Lebens", sagt sie. Ein Rhythmus, der so wichtig für die Kunst sei.

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Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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Seite 1
teldg 26.03.2015
1. Schön sonnig innen ..
.. aber wenn die Sonne mit voller Power auf die Kunstwerke knallt, sind Folgeschäden vorprogrammiert (ausbleichen, verfärbungen von z.B. weiss in gelblich, etc..). Aber man kann ja Vorhänge vor die riesigen Fenster montieren.
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