Wider Käßmanns Polemik Bomben und beten - ja, das geht!

Die Anti-Kriegspolemik der Pastorin Margot Käßmann auf dem Kirchentag in Dresden ist banal und falsch, meint Matthias Matussek. Während sie wohlfeil gegen die Politik mobil macht, zeigt Minister Thomas de Maizière, wie es seriös geht: Er verteidigt seine Soldaten - und die Ehre der Christen.

DPA

Wie auf allen Kirchentagen zuvor geht es auch diesmal in Dresden darum, eine bessere Welt zu erträumen. Nichts dagegen. Man kommt ja sonst zu selten dazu. Also: Wir basteln uns Utopien, in Malkursen für Frauen, in Backe-backe-Kuchen-Veranstaltungen für Klimaretter und Gelegenheitschristen und für die ganz Engagierten Gutwilliges in Foren wie den sogenannten "Zeitenströmungen", wo die ganz heißen Eisen angefasst werden.

Dafür ist Margot Käßmann Superstar zuständig, denn ein bisschen Regression darf sein. Wie sagte der "Rheinische Merkur" in seinem witzigen Glossar zum Kirchentag so nett: Ob Jesus kommt, ist zweifelhaft, aber die Pastorin ist auf alle Fälle dabei. Margot Käßmanns Gabe besteht darin, aus den komplizierten politischen Gemengelagen handliches und leicht verdauliches theologisches Mokkagebäck zu formen. Jung und alt und meist weiblich knabbern und juchzen und schmachten sie sich dann ins selig Ungefähre.

Die meisten dieser Kirchentag-Groupies gehen nur noch selten in Kirchen, die sind doof und langweilig, aber von Margot Käßmann haben sie alle gehört. Die Dame mit dem Angorapulli und dem Perlenkreuz auf den zahllosen Bestsellern, die alle irgendwas mit "Sehnsucht" heißen. Ja, genau, die mal zu viel getrunken, richtig, und dann so grandios zurücktrat, genau die. Käßmann also predigte wieder Politik. Sie ist der Paolo Coelho der Pastoren. Ihr Jesus ist diese langhaarige Kitschfigur mit dem schmachtenden Blick, die alleinerziehenden Müttern hilft und ansonsten mit der PDS gegen Entrechtung und Krieg marschiert.

Nun sagt sie gestern, genau an diesem Tag, an dem ein weiterer Bundeswehrsoldat in einen Hinterhalt gelockt wurde: Man solle beten mit den Taliban, statt sie zu bombardieren. Gute Idee, sagt man sich da prompt, sofern es gelingt, sich mit ihnen um ein Kreuz zu gruppieren, ohne die Kehle aufgeschlitzt zu bekommen, denn die Taliban diskutieren sowieso ungern über "Zeitströmungen" und von Frauen, die beim Beten den Ton angeben, halten sie gar nichts.

"Es gibt keinen gerechten Krieg, es gibt nur einen gerechten Frieden", sagt sie weiter. Das ist so wohltönend wie falsch. Es gibt einen faulen Frieden, der puren Terror und Menschen- und vor allem Frauenvernichtung bedeutet wie im Iran. Und es gibt den gerechten Krieg wie den im Kosovo, der einen Genozid verhindern half.

Um Politik und Theologie aus dem Würgegriff wohlklingender frommer Phrasen zu befreien: Natürlich beten Christen auch für ihre Feinde, auch für Opfer, auch für Täter. Das Urbild ist die Szene auf Golgatha, in der der gekreuzigte Christus dem ebenfalls gekreuzigten Verbrecher an seiner Seite das Himmelreich verspricht - weil er an ihn, den Gottessohn, glaubt.

Dafür beten, dass Jesus die Taliban erleuchtet

Ja, die Feindesliebe ist der revolutionäre Kern des Christentums, und zeichnet es vor allen anderen Religionen, etwa dem Islam, geradezu aus. Und so tat der fast immer besonnene Verteidigungsminister, der evangelische Christ Thomas de Maizière, recht daran, als er auf dem Kirchentag forderte, für Opfer und Täter gleichermaßen zu beten. Auch für die Taliban? Auch für die Taliban. Geht das denn, bomben und beten? Aber sicher.

Es gibt den bellum iustum, den gerechten Krieg. Seit dem heiligen Augustinus dürfen Christen Krieg führen, wenn er dem Frieden dient. Und das Gebet für die Feinde?

Ich kann dafür beten, dass Jesus Christus die Herzen noch der grimmigsten Taliban erleuchtet und mit der Botschaft des Friedens erfüllt. Auf dass sie davon absehen, weiterhin Krankenhäuser und Polizeistationen mit gehirngewaschenen jugendlichen Selbstmordattentätern in die Luft zu jagen.

Aber gleichzeitig kann ich versuchen, die Taliban auszuschalten, sollte das Gebet kurzfristig nicht zur Entwaffnung und Verhinderung von Verbrechen führen. Oder, aus gegebenem Anlass, Osama bin Laden töten, wenn es nicht gelingt, ihn in der idealsten aller Welten vor ein Gericht zu stellen. Gott ist nicht nur ein Gott der Liebe, sondern auch ein Gott der Gerechtigkeit. Beten und Bomben, ja, das geht!

An jedem zweiten Sonntag beten auch wir Katholiken in den Fürbitten dafür, dass der Herr uneinsichtige Politiker auf den rechten Weg führe, damit sie für größere Gerechtigkeit sorgen mögen. Das heißt aber nicht, dass wir uns das Wählen schenken sollten. Ganz grundsätzlich: Ich kann für Stalin beten, dass er seine Fehler einsieht, und ihn trotzdem töten, wenn dadurch weitere Gulags verhindert werden. Ich kann für Hitler beten, und dafür, dass er seine Sünden bereut und von Untaten absieht.

Darf ich Hitler trotzdem umbringen, falls er uneinsichtig bleibt? Darf ich das fünfte Gebot brechen, das Tötungsverbot? Der evangelische Märtyrer Dietrich Bonhoeffer hat sich inständig und tief mit diesem Problem auseinandergesetzt, und zwar nicht auf der schick ausgetrommelten Messias-Veranstaltung eines Kirchentages, sondern in der Nazihaft.

Die Demagogie der Margot Käßmann

Bonhoeffer ist zu dem gleichen Schluss gekommen wie vor ihm Augustinus oder Thomas von Aquin. Es gibt den gerechten Krieg, und es gibt die moralische Rechtfertigung des Tyrannenmordes. Dass de Maizière ausgerechnet an dem Tag, an dem ein weiterer Bundeswehrtrupp in einen Taliban-Hinterhalt gelockt und einer von den Soldaten getötet wurde, zu seiner christlichen Erklärung der Feindesliebe genötigt wurde, hat er der politikerscheltenden Pastorin Käßmann zu verdanken. Er musste auf sie reagieren. Er hat es anständig und seriös getan, eben als Christ mit Verantwortung.

Margot Käßmanns indes setzte auf Demagogie. Sie glänzt mit frommem Augenaufschlag vor Tausenden. Sie führte aus, es sei besser zu beten, als Tanklastwagen zu bombardieren. Ach ja? Alles ist besser!

Jeder weiß doch mittlerweile, dass jenes tragische Bombardement ein Versehen war, und dass die Entscheidung dazu getroffen wurde, um einen größeren Anschlag zu verhindern. Käßmann aber behauptet implizit, die irrtümliche Bombardierung von Zivilisten sei in Wahrheit Absicht gewesen und in einer so hellsichtigen Weise getroffen worden, wie man es tut, wenn man sich zum Beten hinsetzt.

Käßmann also hat aus unseren Soldaten, die unter enormen Entbehrungen und Belastungen Dienst tun, wider besseren Wissens kaltblütige Täter gemacht. Das ist ein Anschlag auf die Ehre jener, die ihren Arsch letztlich auch für diejenigen riskieren, die Kirchentage ausrichten, auf denen sie dann als Mörder beschimpft werden.

Mit derartigen demagogischen Verkürzungen arbeitet normalerweise nur Gregor Gysi im Bundestag. Oder Roger Willemsen, wenn er in einer Talkshow punkten möchte. Allerdings bemühen beide nicht die theologische Tarnkappe, um den Gegner - de Mazière, die Politik, das Establishment - zu treffen und sich in Szene zu setzen. Das bleibt unserer sanftmütigen Pastorin aus Hannover überlassen.

Allerdings ist zu beachten, dass es neben dem Tötungsverbot auch noch das achte Gebot gibt: "Du sollst kein falsches Zeugnis geben". Da wir ja auf dem Kirchentag sind, sollte man auch hier eine modische Übersetzung versuchen. Sie könnte lauten: Du sollst keinen scheinheiligen Stuss erzählen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 722 Beiträge
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Seite 1
Jordan, 03.06.2011
1. Mehrheitsmeinung
NEIN!!!!!!!!!!!
j.schiffmann 03.06.2011
2. ...
Zitat von sysopDie Anti-Kriegs-Polemik der*Pastorin Margot Käßmann auf dem Kirchentag in Dresden ist banal und falsch, meint Matthias Matussek. Während sie wohlfeil gegen die Politik mobil macht,*zeigt Minister Thomas de Maizière, wie es seriös geht:*Er verteidigt*seine Soldaten - und die Ehre der Christen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,766381,00.html
Zum Glück bin ich kein in Afghanistan stationierter Soldat, denn mir kommt es hier schon hoch solch Geschwubbel religiöser Krabbelgruppenleiter (einschließlich dieses Verteidigungsministers) zu lesen, während immer wieder unsere Leute in die Luft gesprengt werden! Bahhhh...
sam clemens, 03.06.2011
3. Lieber Herr Mattussek,
... Ihre Kritik an der Banalität der Botschaften Frau Käßmanns ist mMn nach richtig, und die an dem regressiven Wohlfühlchristentum der Kirchentage auch. Aber - ich hab ja auch keine Lösung - dem Erlöser hätte sich der Magen umgedreht bei "Beten und Bomben - das geht!" In dieser Hinsicht hat er sich unmissverständlich geäußert und auch verhalten. Übrigens ist es mMn nicht richtig, einerseits mit den Frauenrechten im Iran zu argumentieren und gleichzeitig mit Augustinus und dem Aquinaten für den gerechten Krieg. In Fragen von Frauenrechten waren beide in ihrer eigenen Zeit höchst zeitgemäß - wiederum anders als Jesus.
mannilli 03.06.2011
4. .
Hoffentlich nicht!
MickyLaus 03.06.2011
5. ...
Natürlich gibt es den gerechten Krieg, ob dieser in Afghanistan geführt wird darüber lässt sich streiten. Beten zum Stärkung der Moral ist vielleicht für manche sinnvoll, zum Bekehren des Gegners ist es einfach nur lächerlich.
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