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Problemfall Bundesinnenminister

Wie Horst Seehofer sein Privileg missbraucht

Es ist nicht schlimm, wenn man durch ein hohes Amt Privilegien genießt; man muss nur richtig mit ihnen umgehen. Horst Seehofer hat dabei komplett das Maß verloren. Weil er weiß, dass er weitermachen darf.

Eine Kolumne von

CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Horst Seehofer

Dienstag, 11.09.2018   16:08 Uhr

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Horst Seehofer ist der privilegierteste lebende Deutsche. Gut, einer muss es sein, nicht wahr? (Warum nicht Steinmeier, mögen Sie fragen. Gute Frage! Steinmeier steht hierarchisch höher als Seehofer, er ist Staatsoberhaupt, höher geht nicht. Aber er ist in der SPD.) Schlimm ist nur, dass der privilegierteste Deutsche einer ist, an dem man wie im Lehrbuch zeigen kann, wie ein falscher Umgang mit Privilegien aussieht.

Es ist erst mal nichts Schlechtes, Privilegien zu haben. Es kommt nur drauf an, was man daraus macht. Ziemlich viele Leute haben von Geburt an gesellschaftlich geprägte, unverdiente Vorrechte gegenüber anderen. Menschen ohne Behinderung sind privilegierter als Menschen mit Behinderung, Menschen mit deutschem Pass sind privilegierter als Menschen mit den meisten anderen Pässen, Männer mehr als Frauen, reich geborene Menschen mehr als arm geborene und so weiter.

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Peggy McIntosh hat Privilegien in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts als unsichtbaren Rucksack bezeichnet, der weißen Menschen bei der Geburt mitgegeben wird. Und dann gibt es noch Privilegien, die erst später dazukommen, weil man einen gewissen Status erlangt hat. Wie etwa ein Amt als Bundesinnenminister, von dem man einfach nicht zurücktritt - und auch nicht entlassen wird, egal wie schlecht man den Job macht.

Ich bin nicht besonders alt, aber ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen Menschen von Ämtern zurückgetreten sind, weil sie betrunken Auto gefahren sind, weil sie sich auf schwer missverständliche Art über irgendwas geäußert haben oder weil sie sich selbst zu alt fanden. Man kann darüber streiten, was in welchem Fall richtig war, aber man wird zugeben müssen, dass Rücktritte heute weniger en vogue sind, als sie es sein könnten. Man möchte niemanden dazu anstiften, besoffen ins Auto zu steigen, aber bei Seehofer überlegt man doch glatt kurz, ob es das nicht wäre - wenn man nur sicherstellen könnte, dass er sich dabei nichts Schlimmes tut, nur gefilmt wird.

Er ist nicht dumm, auch wenn er häufig senil wirkt

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Horst Seehofer hätte in letzter Zeit viele perfekte Gelegenheiten gehabt, zu denen er hätte zurücktreten können. Kurz dachte man im Juli, es sei endlich passiert, es waren süße Stunden. Man hätte locker sagen können: Ja klar, es lief ja auch wirklich schlimm zuletzt. Er hat als Mitglied der Bundesregierung die Arbeit dieser Bundesregierung durch Sturheit sabotiert, er hat sich gefreut, als an seinem 69. Geburtstag 69 Menschen in ein unsicheres Land abgeschoben wurden. Als kurz darauf einer von ihnen Suizid beging, fand Seehofer das "zutiefst bedauerlich", aber das klang eher nach "der hat mir die Party versaut" als nach "Oh Gott, ich schäme mich".

Privilegien geben einigen Menschen Handlungsmöglichkeiten oder Zugänge zu Ressourcen, die andere nicht haben. Sie können Dinge straffrei tun, die andere nicht straffrei tun können (nicht nur im juristischen Sinne, sondern auch im allgemeineren, gesellschaftlichen). Horst Seehofer hat den Satz "der Ausländer ist an allem schuld" paraphrasiert in die Formulierung, die Migration sei "die Mutter aller Probleme" - und er kommt damit durch. Wenn ein Fernsehteam in einem Kaff einen arbeitslosen Ostdeutschen interviewt, der diese Haltung vertritt, dann ist er der dumme Nazi-Ossi, der die Schuld bei anderen sucht. Wenn Seehofer diese Haltung vertritt, regen sich ein paar Leute kurz auf und weiter geht's.

Das Schlimme an Seehofer: Er scheint genau zu wissen, dass er das Maß völlig überschreitet. Er ist nicht dumm, auch wenn er häufig senil wirkt. Ich hoffe, alle haben das Video seiner Bierzeltrede gesehen. Schauen Sie sich das an. Ich möchte niemanden für sein Alter und seine Gesundheit oder seinen geistigen Zustand beschämen, aber dieser Mann ist völlig hinüber. Aber er steht drüber und sagt Sachen, die man eher von einem Besoffenen erwarten würde, der sich später wortreich entschuldigt ("Ich bin froh über jeden, der bei uns in Deutschland straffällig wird und aus dem Ausland stammt").

Es wird immer schlimmer, je länger man zuhört

Das ist alles nicht ganz fair, stand neulich bei "Welt Online" zu lesen. Man versuchte dort zu erklären, Seehofer sei gar nicht der elende Rassist, als der er erscheint, aber es klappte nicht so recht mit der Erklärung. Es sei "nicht fair", sich auf den Satz mit der Straffälligkeit zu konzentrieren, denn Seehofer habe sich zuvor auf Sami A. bezogen, den mutmaßlichen ehemaligen Bin-Laden-Leibwächter. Nur macht das die Sache nicht besser, denn wenn Seehofer "froh" ist über Leute, die abgeschoben werden, obwohl ihnen Folter drohen könnte, hat er von seiner Geburtstagsfeier nicht viel gelernt.

Bei manchen Leuten ist es so, dass sie rhetorisch etwas unbegabt sind und man ihnen länger zuhören muss, um sie verstehen. Bei Horst Seehofer ist es so, dass es immer schlimmer wird, je länger man zuhört. Das Puzzle aus freidrehender rassistischer Hetze und oberflächlich bemühten Werten fügt sich von allein immer weiter zusammen. Wenn Seehofer davon spricht, dass er sein Handeln nach der christlichen Überzeugung ausrichte, dann hat das nichts mit irgendeinem christlichen Grundwert zu tun, sondern dient nur als regionaler Marker zur Abgrenzung vom Islam. Seehofer könnte sich genauso gut auf die "Sendung mit der Maus" oder Heringssalat beziehen, und seine Rede würde rhetorisch nichts verlieren.

Natürlich weiß der Innenminister um die Kritik an ihm. "Jetzt steht also der böse Seehofer vor Ihnen, der Mörder, der Terrorist, der Rassist", sagte er im Bierzelt. Mörder und Terrorist stimmen zwar nicht. Aber ein weiteres Merkmal von Privilegien ist, sich um bestimmte Dinge nicht kümmern zu müssen, auch wenn man sie als Konflikte wahrnimmt. Zu wissen, dass man weitermachen kann.

Ein Freund von mir ist Therapeut. Er weiß wie jeder vernünftige Therapeut, dass man keine Ferndiagnosen stellen sollte. Nur ist manches dann doch wie aus dem Bilderbuch. Man spreche in der Psychologie ja von Projektionen, wenn man eigene innere Konflikte auf andere übertrage, sagte er neulich. Und gerade gebe es dafür ein sehr passendes Beispiel: "Horst freut sich, dass andere gehen müssen, weil sie Scheiße gebaut haben."

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