Heimatkunde Wie ich Deutschtürkin wurde

Ein paar Jahre war es ziemlich still um die Türken in Deutschland - jetzt wird wieder über sie debattiert. Vor allem die neuen Rechtspopulisten mit ihrem Kümmel-Bashing wecken Erinnerungen an früher. Und Heimatgefühle.

Straßenszene in Berlin-Kreuzberg
Manuel Cohen

Straßenszene in Berlin-Kreuzberg

Eine Kolumne von


Früher waren Türken der Prototyp des Ausländers: integrationsunwillige Anatolier, die nixdeutschsprechen, aber viele Kinder kriegen, die dann ebenfalls nixdeutschsprechen und nur Probleme machen. Vor etwa zehn Jahren änderte sich das.

Ich hörte Sätze wie: "Türken? Das sind doch gemäßigte Muslime. Die machen Abitur. Die wandern aus." Gute Migranten, wenig muslimisch, gehen wieder. Doch dann kamen die Gezi-Proteste, der Putschversuch, der Ausnahmezustand, und es wurde wieder ungemütlich in der Türkei - plötzlich wollte keiner mehr zurück. Und seither erlebe ich ein Déjà-vu.

Es flüchten wieder Menschen aus der Türkei, diesmal vor dem totalitären System der islamistischen AKP. Die meisten davon kommen nach Deutschland. Das ist auch den Deutschen nicht entgangen. Also führen wir wieder Debatten über "Deutschtürken": Wie viele finden den kranken Mann vom Bosporus eigentlich gut? Tragen die jetzt wieder ihre Konflikte auf deutschen Straßen aus? Steigt die Zahl der Muslime im Land? Alarm, Alarm, Alarm.

Aber nicht nur Erdogan und die Türkei bringen uns zurück ins Rampenlicht. Auch die deutschen Rechtsradikalen würdigen uns wieder als größte Minderheit und Kopftuchmädchenproduzenten. Dafür zaubern sie Beleidigungen aus der rassistischen Mottenkiste hervor. "Kümmelhändler!" "Kameltreiber!" Wie süß. Wie altbacken. Klingt nach Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Das erinnert mich an meine Kindheit. Wisst ihr noch, damals, Deutschland in den Achtzigerjahren? Die Wutbürgerparteien der alten, weißen Männer? Die Republikaner, die Deutsche Volks-Union, die fast vergessene NPD? Das waren Zeiten! Harte Männer, aber - schon damals - softe Beleidigungen.

Italiener und Griechen sind faule Südländer! Osteuropäer sind arm und klauen! Wir Türken haben keine derart kleinlichen Attribute zugeschrieben bekommen. Wir waren schon immer etwas Besonderes. Türken - das sind einfach "die Anderen". Zu viele von uns, und Deutschland schafft sich ab. Das hat Sarrazin nicht erfunden, der Türkenschreck funktioniert schon seit Hunderten von Jahren .

Als Türke in Almanya entwickelt man irgendwann einen aberwitzigen Fatalismus: Ausländer kann jeder - aber Deutschtürke, das ist die Königsdisziplin! Wir sind die Superstars der Kanakenszene! Die Babos im Ghetto! Kümmel ist unser Kismet!

In der Soziologie nennt man das Re-ethnisierung. Wer ständig ausgegrenzt wird, macht es sich irgendwann in seiner ethnischen (oder religiösen) Peergroup bequem. Ich bin Kümmel. Schluss. Aus. Ende.

Die echten Kümmeltürken leben in Ostdeutschland

Ich habe übrigens nie verstanden, warum wir Kümmeltürken genannt werden. Fürs Protokoll: Wir essen überhaupt keinen Kümmel. Nur Kumin, Kreuzkümmel, aber der schmeckt ganz anders. AfD-Mann André Poggenburg und das Comeback des Kümmelbezugs haben mich zu einer Recherche inspiriert. Das Ergebnis ist Stoff für den Heimatkunde-Unterricht:

Das Umland von Halle an der Saale - quasi Poggenburgs Heimat - wurde im 18. Jahrhundert als "Kümmeltürkei" bezeichnet. Dort wurde das urdeutsche "Carum aromaticum" angebaut. Der selbsternannte Volksversteher ist so gesehen eher ein Kümmelhändler als ich. Aber jetzt bitte nicht falsch verstehen: In Ostdeutschland ist "Kümmeltürke" laut etymologischen Wörterbüchern gar keine Beleidigung.

Wie das Gewürz als Schimpfwort ins Repertoire der Wessi-Rechten und damit in meine Kindheit kam, weiß ich nicht. Aber die Botschaft kam an. Und tut es natürlich heute noch.

Oft heißt es, wir Kinder aus Einwandererfamilien seien "zwischen zwei Kulturen" hin und hergerissen. Aber dazu kommt es gar nicht. Man wird zugeordnet.

Ich wurde natürlich nicht als Deutschtürkin geboren. Anfangs dachte ich, ich bin eine Aberdeutsche: ich bin deutsch, aber meine Eltern kommen aus der Türkei. Doch seit meiner Kindheit erinnern mich Rechtsextreme und Alltagsrassisten daran, dass ich für sie keine Deutsche bin. Nix aber. Beziehungsweise - für viele bin ich eine Abertürkin: Türkin, aber schon immer hier. Ein Fehler. So nannte SPD-Halbgott Helmut Schmidt es einmal, meine Eltern und andere Gastarbeiter überhaupt ins Land gelassen zu haben. Das traf mich härter als jedes Wahlplakat der NPD.

Die Retro-Rhetorik der Rechtspopulisten hat mir kürzlich die Augen geöffnet: auch wenn es die AfD eines Tages nicht mehr gibt, der "Kümmeltürke" wird bleiben. Und mir wird klar: Heimat ist, wo ich Deutschtürkin bin.

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insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
DocKnow 07.04.2018
1. Danke für diesen großartigen und schönen Artikel!
Endlich mal ein Text, der in Ruhe geschrieben und abgerundet ist. Und einer, der sprachlich richtig schön ist und einen sympathischen Ton trifft. Danke. Das mit dem Kümmel ist echt der Knaller. Ich lache mich schlapp. Dieses widerliche süddeutsche Gewürz, dass auch in Tschechien den Krautsalat versaut. Es gibt auch Kümmelfranken. Die verseuchen mit dem Zeug jedes Brot. Naja, wer das Zeug mag, bitte.
friedrich_eckard 07.04.2018
2.
Auch wenn es vermutlich eine DonQuichotterie ist, gegen einen falschen Sprachgebrauch anzurennen: Sie sind, sehr geehrte Autorin, wenn schon, dann: Türkdeutsche. Eine "Deutschtürkin" wäre nämlich eine türkische Staatsbürgerin deutscher Abkunft. Schliesslich heissen US-Amerikaner/innen afrikanischer oder italienischer Abkunft auch "Afro-" und "Italo-Amerikaner", Iren englischer Abkunft sind "Anglo-Iren" usf.. Übrigens ist Ihre Abkunft nur in ganz wenigen Zusammenhängen - vereinfacht gesagt: kulturellen - überhaupt von Interesse. Deutsche/r mit allen staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat, wobei es völlig belanglos ist, ob dieser Staatsbürgerschaft durch Geburt oder Einbürgerung erworben worden ist, und die Unterscheidung zwischen "Bio-" und "Passdeutschen" ist ein rechtes Sumpfgewächs. Allerdings zeigt Ihr Beitrag eines: die rechten Sümpflinge spielen sich als Löser von "Problemen" auf, die es ohne sie überhaupt nicht gäbe.
mps58 07.04.2018
3. Es war einmal...
In meiner Jugend war fast keine Türkin in Deutschland verschleiert. Der Islam war eine religiöse Privatsache, wie andere Religionen auch. Der Artikel gibt keine Erklärung warum dies heute hier und im Rest der Welt anders ist.
pfeiffffer 07.04.2018
4. Kümmeltürke
Eine Suche bei Wikipedia hätte sowohl der Autorin als auch Herrn Poggenpol nicht geschadet.... https://de.wikipedia.org/wiki/Kümmeltürke
ttvtt 07.04.2018
5. Humor hilft...
Schöner Beitrag von der 'Abertürkin'. Grandios habe ich noch nie gehört. Finde ich aber eine großartige Umschreibung.
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