Wie wir alles kaputt machen Das Grauen hinterm Gartenzaun

Wo ist nur die Liebe hin? Anstelle von Mitgefühl und Freude tragen die Menschen nur noch Verachtung in der Brust. Uns steht eine traurige Zukunft bevor.

Demonstration "Grenzenlose Solidarität statt G20"
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Demonstration "Grenzenlose Solidarität statt G20"

Eine Kolumne von


Na prima. Jetzt sind dann langsam alle wütend. Die einen sind seit dem Brexit paralysiert, seit Trump, seit immer mehr Länder von unfähigen cholerischen Schreihälsen in die Dunkelheit geführt werden. Sie denken: Seid ihr noch ganz dicht?

Die Erde kaputtgespielt, ein Hurrikan nach dem anderen, immer größere Gebiete schwer bewohnbar, Rohstoffe Tschüssi und jedem, denken die einen, müsste doch klar sein, dass es so nichts mehr wird. Da kommen nicht einmal die heute Vierzigjährigen mehr in Ruhe zum späten Sterben. Mit diesen wenigen Schwachköpfen, die immer mehr Geld horten, vermutlich weil sie nachts davon essen und den anderen, die unzufriedener werden, weil sich alles, was sie kannten, ändert, weil nichts mehr gilt, was ihnen nicht einmal versprochen wurde.

Und was machen die neuen Führer, diese abgrundtief psychopatischen Personen: Hass schüren, damit die Herde schön abgelenkt ist. Religion und Zwietracht fürs Volk. Der simpelste Trick. Wir appellieren nicht an die Intelligenz des Einzelnen, sondern setzen ganz unten an: beim Bösen, das jedes Lebewesen in sich trägt. Das holen wir hoch, das lassen wir raus, uff was für eine Erleichterung. Es hat doch jeder eine Wut.

Was macht mich bloß so wütend?

Wegen der Welt, die sich verändert, weil sich alles verändert, täglich, minütlich, weil die Menschen taten, als gäbe es kein Morgen. Weil sie es weiter tun. Weil sie sich hassen, lauter jetzt, weil jeder denkt, der andere ist Schuld. Und schon erschlagen sie sich mit Macheten. Rücken in den Krieg aus, vergasen Millionen, bespucken sich. Weil doch jeder unzufrieden sein kann. Wir sterben bald, das macht doch keinen Spaß, das ist doch beleidigend.

Und wer hat schon die Zeit, sich kurz zu fragen: Was macht mich so wütend? Mit wem vergleiche ich mein Leben? Was kann ich außergewöhnliches, das Menschen dazu bewegen könnte, mir Millionen zu zahlen? Und - geht es mir wirklich so miserabel? In diesem Europa, das für viele eine Insel der Gerechtigkeit ist. Mit Wohnungen, ohne Krieg, mit Heizungen, warmen Wasser, genug zu Essen, kostenloser Ausbildung und Ärzten, mit Transportmitteln, die unpünktlich sind.

Ja man, furchtbar, die unpünktlichen Transportmittel und die Schulen werden schlechter und im Wartezimmer hockt man länger, und früher war alles besser. Früher war es nicht besser. Es gab Kohleöfen und eine Spießigkeit, die weh tat. Die vielen weh tat. Jenen, die anders waren, weil sie anders aussahen, anders liebten, weil sie krank waren, einsam, weil sie unverheiratet waren oder komische Hobbys hatten.

Die meisten können heute in Swingerklubs gehen, sie können ihre Frau oder ihren Mann verlassen, wenn er oder sie unausstehlich ist, die Kinder Alleinerziehender werden in der Schule nicht mehr verprügelt, Arme nicht verachtet, und die Nachbarn spucken nicht aus, wenn eine Frau einen kurzen Rock anhat oder ein Mann einen billigen Anzug trägt. Die Welt wird doch nicht gerechter, weil eine Gruppe eine andere hasst.

Da versprechen Psychopathen einen Gartenzaun

Die Erde repariert sich nicht, und die Monsterfirmen werden nicht auf einmal sozial, weil sich Nachbarn anzeigen oder Menschen, die anders sind, abtransportiert werden, wenn man endlich wieder Juden und Roma in Lager schleppt, zusammen mit Homosexuellen und Linken, Hauptsache weg, damit der gute Bürger wieder seinen Kaffee trinken kann hinter Gardinen mit Goldkanten.

Es ist so blödsinnig durchschaubar. Ein paar manipulative, schlechte, bösartige Menschen wollen Macht und haben keinen Plan für nichts, außer "Einen schönen Posten" und "Endlich oben mitspielen" ist da keine Idee, und die Leute jubeln ihnen zu. Sie lassen sich benutzen. Da werden keine Riesenfirmen gehasst, keine Investmentbanker oder Spacken, die den Klimawandel verleugnen, in einer Welt, die bald leergefressen und verwüstet sein wird. Ist doch egal. Da versprechen Psychopathen einen Gartenzaun. Der soll da stehen und den Tod fernhalten. Es soll alles besser werden, und sterben wollen sie nicht. Darum wird geschrien. Wegen dieser Zumutung, die Leben heißt. Aber. Das ist die Ungnade der Geburt. Die Beine können verlustig gehen, der Verstand, das Herz.

Aber das ist bei einigen schon weg. Das Herz. An seine Stelle ist etwas getreten, das verachten will und nicht fragt: Will ich so die restlichen Jahre verbringen, mit anderen nebendran, die pausenlos brüllen, die das einzig Nette, was Menschen kultivieren können, nämlich die Fähigkeit, anderen zu helfen, Mitgefühl zu entwickeln und zusammen zu lachen, vergessen haben und die mit wutverzerrten Gesichtern einem Führer zujubeln.

So. Wie auch immer. Die Menschen werden diese Phase ihrer Entwicklung hinter sich lassen. Sich weiterentwickeln. Klüger werden, verstehen, dass Hassen und Einander-Verachten gewaltig auf die Laune geht. Sie werden wieder beginnen, zusammen zu halten. Es gibt genug zu tun. So wird das werden. Alles andere wäre ja komplett sinnlos.

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
schwertas 23.09.2017
1. Endlich den Kern erkannt woran die Gesellschaft krankt
Ja der Kuchen wird kleiner und der Kampf um das "Meinen Kindern solle es mal besser gehen als mir" wird immer härter. Da will sich der Hass entladen. Das hat der Artikel sehr gut erkannt. Ja und in der Geschichte musste dann immer ein Sündenbock her, weil man ja an die eigentlichen Verursacher nicht rankommt. Ich finde diese Entwicklung sehr unschön und mache da auch nicht mit. Sehr gelungener Kommentar.
Strichnid 23.09.2017
2.
Zitat von schwertasJa der Kuchen wird kleiner und der Kampf um das "Meinen Kindern solle es mal besser gehen als mir" wird immer härter. Da will sich der Hass entladen. Das hat der Artikel sehr gut erkannt. Ja und in der Geschichte musste dann immer ein Sündenbock her, weil man ja an die eigentlichen Verursacher nicht rankommt. Ich finde diese Entwicklung sehr unschön und mache da auch nicht mit. Sehr gelungener Kommentar.
Alles richtig. Bis auf, dass der Kuchen eigentlich gar nicht kleiner wird.
Beauregard 23.09.2017
3. ein sehr schöner,
literarischer Text für die Wahl morgen. Für unsere AFD-wählenden Nachbarn. Aber die werden die Kolumne nicht lesen, und wenn sie sie lesen, werden sie sie nicht verstehen. Und wenn sie sie im Ansatz verstehen, werden sie sagen, was hat das damit zu tun, daß ich Angst habe vor Leuten, die anders aussehen.
A.E.W. 23.09.2017
4. Binsenweisheit
So funktionierte die Manipulation der Massen schon immer. Und der Blick auf die vergangenen 30 Jahre erweckt nicht den Eindruck, es wäre den Menschen bewusster geworden. Im Gegenteil. Der vergangene schwerwiegende Missbrauch dieser Vorgehensweise liegt lange genug zurück, um wieder mit voller Kraft erstarken zu können. Immerhin erinnern sich die meisten nicht mal mehr an die Wahlversprechen von vor gerade mal vier Jahren.
achterhoeker 23.09.2017
5. Literatur
Literatur ändert nichts. Sonst wäre sie verboten. Angst vor Aussehen? Aha. Sehr flaches Pfützchen in dem der Finger rührt.
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