"Hebbel am Ufer" wiedereröffnet: Müde könnt ihr später sein!

Von Anke Dürr

Die spannendste Bühne Berlins eröffnet nach der Renovierung unter neuer Leitung. Die Chefin des "Hebbel am Ufer" heißt Annemie Vanackere, ist Belgierin, international bestens vernetzt - und die HAU-typische Überforderung behält sie natürlich bei.

Wiedereröffnung HAU in Berlin: Müde könnt ihr später sein! Fotos
Fred Debrock/ HAU

Nein, es ist nicht fair, Annemie Vanackere mit Markus Lanz zu vergleichen. Aber vermutlich kann sie besser als die meisten Menschen in Deutschland nachempfinden, wie er sich gefühlt hat vor seiner ersten "Wetten, dass?"-Sendung. Das "Wetten, dass?" der Annemie Vanackere heißt HAU, Hebbel am Ufer. Die Berliner Spielstätte ist in den vergangenen neun Jahren zum erfolgreichsten Theater der freien Szene im gesamten deutschsprachigen Raum aufgestiegen. Der Gottschalk des HAU - auch hier hinkt der Vergleich allerdings schon rein optisch - heißt Matthias Lilienthal. Nach neun Jahren, in denen das HAU zum Treffpunkt für Berliner, europäische und internationale Gruppen wurde und stets zeigte, was das Stadttheater übermorgen begeistert in den Mainstream aufsaugen würde, war auch Lilienthal kurz davor, ins hochsubventionierte System überzuwechseln. Aber irgendwie wurde doch nichts aus all den Intendantenjobs, die ihm so angetragen oder nachgesagt wurden. Lilienthal gibt nun erst mal Theaterkurse in Beirut, bevor er das Festival "Theater der Welt" übernimmt.

Der Berliner Senat hat, ohne lange öffentliche Diskussion, Annemie Vanackere zu seiner Nachfolgerin bestimmt, eine 46-jährige Belgierin, die lange in den Niederlanden gearbeitet hat, sie leitete dort zuletzt die Schouwburg Rotterdam und ein Theaterfestival.

Vanackere, eine schmale Frau mit langen Locken und viel Esprit, ist wie ihr Vorgänger international bestens vernetzt. Dass sie von Lilienthal und seinem Programm zwar mit angemessenem Respekt spricht, ihn aber auch nicht als Theaterheiligen lobt, zeugt von einem angenehmen Selbstbewusstsein ohne Profilneurose. Anders gesagt: Im Gegensatz zum Fernsehmann Lanz muss sie ihrem Publikum nicht beweisen, wie viele Liegestütze sie kann.

Die HAU-typische Überforderung aller Beteiligten bleibt

Ihr Programm, mit dem sie das HAU nach mehrmonatigen Renovierungsarbeiten am 1. November wiedereröffnet, passt dazu: Es geht um Akzentverschiebungen, nicht um einen Bildersturm. "Auch wenn ihr müde seid, kommt vorbei", steht groß auf dem ersten Leporello, der in einem Blau gehalten ist, wie malende Kinder es gern für den Himmel wählen. Der Spruch verweist darauf, dass auch die HAU-typische Überforderung aller Beteiligten erst einmal beibehalten wird. Rund 50 Veranstaltungen, verteilt auf die drei Spielstätten HAU 1, 2 und 3, stehen im November auf dem Spielplan, dazu gibt es natürlich noch jede Menge Rahmenprogramm.

Zum Auftakt dann aber doch was Neues: Das niederländische Theaterkollektiv Wunderbaum stellt sich erstmals in Berlin vor. "Wunderbaum ist natürlich weltberühmt in Holland", sagt Vanackere mit einem Lachen, aber in Deutschland kennt man sie noch nicht. Ein Aspekt, der für die neue HAU-Intendantin natürlich eine Rolle spielt: "In Rotterdam ist der Druck nicht so groß, jemanden als erstes zu entdecken, in Berlin mit seinen vielen Spielstätten eher."

"Wir haben eine andere Internationalität als die Stadttheater"

"Vision out of nothing" nennt Wunderbaum sein eigens zur Eröffnung entstandenes "visionäres Spektakel", das in schön ironischer Selbstüberschätzung "das Theater, die Welt und zuallererst Berlin" retten will, die "müde, schöne Stadt". Englisch, Deutsch und Niederländisch wird bei diesem Projekt gesprochen. Eine zweite Produktion, die die Truppe mitbringt, sie spielt in Odessa, wird russisch und deutsch übertitelt, und auch die "Geisterbahn" des Kollektivs gibt es mit deutschen Übertiteln.

Für Vanackere ist diese Art der Übersetzungshilfe normal; im niederländischen und belgischen Fernsehen gibt es keine Synchronisation, weil es sich schlicht nicht lohnt. "Ich bin sehr daran gewöhnt, andere Sprachen zu hören", sagt Vanackere, "mir ist das sehr lieb." Vanackere spricht inzwischen sehr gut deutsch. Verkehrssprache am HAU ist aber die meiste Zeit ohnehin Englisch - der vielen internationalen Gastspiele und Koproduktionen wegen. Mit dem Ungarn Kornél Mundruczó etwa verhandelt die HAU-Chefin natürlich auf Englisch. Sie hat Mundruczós schockierende Adaption von J. M. Coetzees Roman "Schande" koproduziert; auch die ist im November im HAU zu sehen.

Nicht nur bei dem gefragten ungarischen Regisseur muss Vanackere mit den viel stärker subventionierten deutschen Stadt- und Staatstheatern konkurrieren, die immer zugreifen, sobald in der Szene ein neues Talent sichtbar wird. Mundruczó etwa hat schon in Oberhausen und auch am Hamburger Thalia Theater inszeniert; dort allerdings mit dem jeweils hauseigenen Ensemble. "Wir haben eine andere Internationalität als die Stadttheater", sagt Vanackere, "mich interessiert mehr, was Mundruczó mit seiner eigenen Truppe macht. Weil er da frei arbeitet, unter seinen Bedingungen. Mit seinen Schauspielern, in seiner eigenen Sprache." Übertitel sind natürlich auch hier inklusive.

Die neue HAU-Chefin sagt, in ihrer Wahrnehmung sei Berlin noch internationaler geworden, seit sie vor mehr als zehn Jahren begonnen habe, hier regelmäßig ins Theater zu gehen. Ab sofort trägt sie ihren Teil dazu bei. Vanackere scheint die richtige Frau am richtigen Ort. Wetten, dass...?


Neueröffnung des Berliner HAU (Hebbel am Ufer) 1,2 und 3. Ab 1.11., Tel. 030/25 90 04 27.

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1. Müde? Espresso!
bikenstrings 31.10.2012
Zitat von sysopDi
Zitat: "Auch wenn ihr müde seid, kommt vorbei"; im Notfall ´nen Espresso trinken :-) Mu (http://youtu.be/LUWftDZvUgA)
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