Jelinek, Erpenbeck und Co. am Wiener Akademietheater Hinter der Fassade Europas

Das Wiener Akademietheater hat bei fünf prominenten Dramatikerinnen Stücke zur aktuellen Lage Europas bestellt. "Ein europäisches Abendmahl" zeichnet das Bild eines zerfallenden Kontinents.

Georg Soulek/ Burgtheater Wien

Das Abendmahl fällt vorerst aus. Dabei sieht der Raum fast aus wie auf da Vincis berühmtem Wandgemälde: Drei Durchgänge hinten, links und rechts, und gekreuzte Dachbalken teilen die Decke des Raumes wie ein Schachbrett auf. Aber der große Tisch im Zentrum fehlt. Zwar tragen zwei Frauen, ächzend, eine riesige, überlange Tischplatte von rechts herein, doch sie verschwinden auf der anderen Seite gleich wieder damit.

Man sieht nun, dass dieser Raum in ziemlich desolatem Zustand ist: Der Boden ist mit Schutthaufen aus grobem schwarzem Sand bedeckt, durch die Decke fällt Licht, die Wände sind in tristem Graublau gestrichen. "Ein europäisches Abendmahl" soll hier stattfinden? Das europäische Haus ist eine Ruine. Aber es steht noch, immerhin. Lautenklänge aus der Renaissance und romantische Nebelschwaden erinnern wehmütig an gute alte Zeiten.

Der Grundton, den der Bühnenbildner Martin Zehetgruber und die Regisseurin Barbara Frey setzen in der Uraufführung der Textcollage "Ein europäisches Abendmahl" im Wiener Akademietheater, dem kleinen Haus des Burgtheaters, ist düster. Aber dann kommt Kirsten Dene herein, setzt sich auf einen Stuhl, begrüßt die Zuschauer - "Schön, dass ihr da seid" - , und schon wird einem warm ums Herz. Sie ist Mari, eine Rentnerin in einer Großstadt, die vom Luxus erzählt, zu Hause bleiben zu können: "Glück ist, wenn man überall hin kann, aber nirgends hinmuss."

In heiterem Tonfall berichtet diese Mari davon, wie sie einst aus einem Land geflohen ist, wo "links die Kommunisten, rechts die Katholiken" sie bedrohten. Sie hat sich ihren Fluchtort danach ausgesucht, dass "in einem Umkreis von 1000 Kilometern Frieden und Wohlstand" herrschen. So ist sie in der Mitte Europas gelandet. Heute trifft sie sich regelmäßig mit dem Flüchtling Hamid, dem sie weder glaubt, dass er 17 ist, noch, dass er aus Syrien stammt, aber trotzdem bei der Integration hilft. Man kann sich Mari auch 25 Jahre jünger vorstellen - die Frau steht stellvertretend für die Tatsache, dass die EU eine Insel der Glückseligen ist, seit bald 60 Jahren.

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Fotostrecke: "Ein europäisches Abendmahl"

Kirsten Denes Monolog stammt von der Autorin Terézia Mora. Es ist das erste von fünf kurzen Stücken, die fünf namhafte Autorinnen im Auftrag des Burgtheaters geschrieben haben. Ein Abend über den aktuellen Zustand Europas aus weiblicher Sicht sollte es werden. Herausgekommen sind fünf Momentaufnahmen, mal mehr, mal weniger aufschlussreich.

Auch Marusja, die Figur, die sich die Autorin Nino Haratischwili ausgedacht hat, ist einst aus dem Osten in die bessere Hälfte Europas geflohen. Vor 25 Jahren war das, sie hat hart geschuftet, um sich und ihren Sohn durchzubringen. Jetzt steht sie da, die Putzfrau Marusja, in silbernen Sandalen und strassbesetztem T-Shirt (Kostüme: Esther Geremus), und spuckt ihren Hass aus auf die, die nach ihr kamen und für die sie neuerdings putzen muss: die Bewohner des Flüchtlingsheims, für sie "Barbaren" und "Kakerlaken". Der Neid auf die angeblich von der Willkommenskultur verwöhnten Neuankömmlinge zerfrisst Marusja, sie fühlt sich um den Lohn für ihre Mühe gebracht, mit der sie deutsche Worte wie "Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung" gelernt hat. Ihr Hass steigert sich bis zur Ankündigung eines Mordes.

Maria Happel spielt diese von Haratischwili so genau charakterisierte (und durch die alberne Schlusspointe etwas um ihre Glaubwürdigkeit gebrachte) "Mir hat auch keiner was geschenkt"-Figur als robuste Frau der Tat. So, wie sie da an der Rampe steht und Marusjas Ressentiments raushaut, ist sie manchmal ganz schön nah an einer Stand-up-Comedian - zum Vergnügen des Publikums.

Peinigende Fragen zum Intimleben

Den stärksten Text des Abends liefert dann die estnische Autorin Sofi Oksanen: Sie stellt zwei Frauen gegeneinander, Darja und Mary, eine junge, verschuldete Eizellenspenderin aus der Ukraine und eine ungewollt kinderlose Amerikanerin. Mary hat sich Darja als Spenderin aus dem "babydreams"-Katalog ausgesucht. Die Regisseurin Barbara Frey bringt auch diesen Dialog auf die denkbar schlichteste Art auf die Bühne: Links auf einem Stuhl sitzt Katharina Lorenz ganz in Rot als die Spenderin, die sich zunächst von der Vermittlungsagentur mit Fragen zu ihrem Intimleben peinigen lassen muss, rechts auf einem Stuhl Catrin Striebeck, ganz in Grün als die Frau, die sich jahrelang damit gequält hat, schwanger zu werden. Von ihrem seelischen Schmerz erzählt sie in merkwürdig sarkastischem Ton - und wird so als die Kaltherzige in diesem ungleichen Duo gebrandmarkt.

Die anderen beiden Texte dieses Abends bleiben Marginalien: Elfriede Jelinek steuert ein paar schöne, routinierte Zwischenbemerkungen zum Gründungsmythos Europas bei, in der der Schwerenöter Zeus als Stier, der Europa entführt, nicht gut wegkommt. Sylvie Rohrer wirft sich - barfuß und im Pelzmantel - engagiert in diesen Text, sie turnt ihn passagenweise geradezu, assistiert von Frida-Lovisa Hamann als ihrer ebenso eleganten Sparringpartnerin.

Fehlt noch Jenny Erpenbeck. Deren Monolog der "Frau im Bikini" (noch einmal Frida-Lovisa Hamann) wurde an den Schluss des Abends gestellt und so verkürzt, dass man nicht recht versteht, worum es eigentlich geht - sie spricht u.a. von Reisen nach Paris und Venedig, bei denen die Häuser auf sie einstürzten. Das alte Europa - nur noch Fassade?

Zum Schlussapplaus erschien Erpenbeck dann auch nicht auf der Bühne, obwohl sie angereist war. Haratischwili fehlte, weil sie gerade erst Mutter geworden ist, Jelinek ist nicht mal zu ihrer eigenen Nobelpreisverleihung erschienen. Das trübte etwas das versöhnlerische Bild, das die Regisseurin Barbara Frey dem Abend, der doch (fast wie Europa) stark vom Zerfall in seine Einzelteile bedroht ist, am Ende angeklebt hat: Da wuchten die Frauen doch noch den großen Abendmahlstisch herein, die weiße Platte reflektiert das Licht, der Raum wird heller, und die Frauen setzen sich und beginnen sofort miteinander zu reden. Aber ob Mari und Marusja auf einen Nenner kommen? Ob Daria und Mary einen Weg finden, das Armutsgefälle zwischen ihnen zu überbrücken? Die interessantesten Fragen bleiben offen an diesem Abend.


Ein europäisches Abendmahl. Akademietheater Wien, nächste Vorstellungen am 31.1. sowie am 4. und 11.2.



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GinaBe 30.01.2017
1.
Auftragsarbeiten. Gut. Dahinter steht demzufolge eine gewisse Nötigung und Notwendigkeit, Thema Europa quasi anzuwenden, auch wenn die meisten Intellektuellen schweigen, um sich nicht in der zugeschrieben von rechts aus betrachteten Oppositions"bewegung" wiederzufinden, da, wie es scheint, alles, was nicht pro- System verbal erscheint, automatisch als "dagegegen" gewertet wird. Sachliche Argumentation scheint unmöglich geworden zu sein. Hier werden im Akademietheater Fraktale inszeniert, individuelle Perspektiven und winzige Ausschnitte, so, wie sie jeder Mensche für sich in seinem Kämmerlein erlebt. Kritik an dieser Dramaturgie möchte ich gar nicht erwecken, da diese Vereinzelung ja auch der Taktik entspricht, die sich der ewigen Konkurrierung anschließt, dem Egoismus zuläuft und keine andere Wahl lässt. Schön wäre, wenn die Kreativen der Welt noch und nöcher Plattformen bekämen, Bildung und Kommunikation wieder in der Bewertungsskala ganz oben stünde, nicht getwittert oder per sms, sondern real in Argumentationen und Debatten mit Fenster für Utopie und Hoffnung.
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