Shakespeare-Dreiteiler in Wien Ein Königreich für eine Drohne!

Drei Könige, drei Arten, mit Macht umzugehen: Ivo van Hoves Theatermarathon "Kings of War" bei den Wiener Festwochen verweist auf neue Medien und neue Fernsehserien - und wirkt doch brutal unscharf.

Jan Versweyveld

Keine der gefeierten amerikanischen Fernsehserien, die sich mit Politik beschäftigen, kommt ohne ihn aus. Sei es in "Homeland" oder "House of Cards", sobald ein Ziel irgendwo im Nahen oder Mittleren Osten angegriffen werden soll, wird das im "War Room" entschieden. Drohnen senden realistische Bilder vom Ziel in die abgedunkelte, mit der Welt verkabelte Kommandozentrale, bei der Detonation wird das Bild plötzlich pixelig und unscharf. Abstrakt und gleichzeitig ungemein konkret: Unsere modernen Kriege finden auf dem Bildschirm statt. Ein Königreich für eine Drohne!

Auf den ersten Blick ist es also keine schlechte Entscheidung des belgischen Regisseurs Ivo van Hove, drei Shakespeare-Stücke - "Henry V.", "Henry VI." und "Richard III." -, die vom Kampf um die Krone im 15. Jahrhundert erzählen, unter dem Titel "Kings of War" in einem War Room anzusiedeln. Aber in welcher Zeit spielt die Inszenierung, die jetzt bei den Wiener Festwochen Premiere hatte, eigentlich?

Zwar stehen ein paar Flachbildschirme herum, aber seltsamerweise auch historische Landkarten und alte Wählscheibentelefone. Winston Churchills Kommandozentrale, wo einst der Schlachtplan gegen Nazideutschland entworfen wurde, stand für das Bühnenbild Pate. Doch bereits diese Entscheidung offenbart die Schwachstellen dieses viereinhalbstündigen Abends, der bloß vage in der Gegenwart spielt und sich nicht entscheiden kann, ob er nun Shakespeare-Soap oder doch klassisches Drama im modernen Gewand sein möchte.

Allzu brav wird der Stücktext rezitiert, anstatt sich auch sprachlich frei zu spielen, sich den Stoff tatsächlich zeitgemäß anzueignen. Ein Dilemma: Um differenzierte Figuren zu entwerfen, ist der Text wiederum zu stark eingedampft.

Schöne Frauen, tödliche Intrigen

Drei Könige, drei Lebens- und Machtentwürfe. Henry V. ist bescheiden, strategisch und rechtschaffen bis zur Langeweile, sein Sohn Henry VI. ein Schwächling, der zum Spielball seiner Umgebung wird, und Richard III. ist einer, der mit allen spielt, als wären sie Figuren auf einem Schachbrett. Stellt man diese drei Herrscher in eine Entwicklungsreihe, wird deutlich: Ironie und Zynismus haben zugenommen. Wer Macht ausüben möchte, der muss einen Plan haben, der muss sich verstellen können. Ganz profan gesagt: Wer in der Politik erfolgreich sein möchte, muss ein Schauspieler sein. Kein ganz neuer, aber ein spannender Gedanke, wenn man ihn konsequent erzählen wollte.

Eine Handkamera folgt den Figuren in van Hoves Inszenierung hautnah in weiße Gänge, die Krankenhaus wie Schlachtfeld sein können. Richard mordet nicht mit dem Schwert, sondern verpasst unliebsamen Widersachern eine Giftinfusion. In manchen Szenen blitzt ungeahnt Witz auf, etwa wenn sich der brillante Kriegsherr Henry V. (Ramsey Nasr) beim Werben um die französische Prinzessin Katharina als Dating-Albtraum erweist. Er spricht nicht die Sprache seiner Angebeteten, redet aber trotzdem wie ein Wasserfall.

Eine schöne Neurotik-Studie, die sich im zweiten Teil, der am ehesten Soap-Potenzial hat, sogar verstärkt: In "Henry Vl." gibt es schöne, gefährliche Frauen, tödliche Intrigen und einen König (Eelco Smits), der aussieht, als wolle er bei Jacques Tati mitspielen: mit großen Krankenkassenbrillen, fragenden Augen, die sich leicht mit Tränen füllen. In Großaufnahme sehen wir, wie er an seinen Nägeln beißt und sich nie entscheiden kann, wem er glauben soll.

Höhepunkt sollte eigentlich der letzte und längste Teil sein, "Richard III.". Das wortgewandte Scheusal ist eine der faszinierendsten Shakespeare-Figuren: brutal und gefühllos, ein Manipulator sondergleichen. In der Version von Hans Kesting ist dieser Richard ein humpelnder Freak, der einem Serienkiller-Film entsprungen sein könnte. Seine düsteren Pläne vertraut er am liebsten seinem Spiegelbild an: Richard als einsamer Narziss. Mehr noch als alle anderen Könige dieses Abends aber ist er schrecklich geheimnislos. Am Ende sitzt er alleine im Führerbunker und muss sogar das Pferd, das ihm abhandengekommen ist, selbst spielen.

In den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren hat man diese Art von Theater cool gefunden (Shakespeare in Anzügen!), diese lässige holländische Art, nicht tief in die Figuren einzutauchen, sie eher über eine Körperlichkeit zu knacken. Mittlerweile hat man sich an dieser routinierten Oberflächlichkeit satt gesehen, zumindest, wenn sie so geistlos daherkommt wie in dieser Inszenierung, die weit nach Mitternacht noch immer kein Ende finden wollte.

Nach Frank Castorfs Endlosversion von Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" ist "Kings of War" der zweite quälend lange und unergiebige Abend der Wiener Festwochen. Gibt es keine Dramaturgen mehr, die Klartext sprechen? Alter, da muss radikal gekürzt werden!


Kings of War. Bei den Wiener Festwochen abgespielt; nächste Vorstellungen beim Holland Festival in Amsterdam am 14., 17., 18., 20. und 21.6. Weitere Orte und Termine.



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Kampfdenker 08.06.2015
1.
Offenbar der Quark,der heute überall groß in Mode ist.- Man benutzt den Namen Shakespeare und ein paar Textstellen-das andere ist dürftigstes Klamottentheater- wo sich Leute gegenseitig nass sprengen -Torten ins Geischt werfen -oder wie beim Berliner Hamlet Essenteller -huch!!! Da werden ,wie uns die Kritik lehrt, "Schichten aufgedeckt" - Hamlet als verfetterter pöbelhafter geiler Prolet ,der seiner Mama unter den Rock greift.- Westentaschenpsychologie als groß gefeierte Regie-Genialität -wie auch Felsensteins Ratten im Lohengrin-huch!!!
just4u9999 12.06.2015
2.
Ein beeindruckender Abend mit tollen Schauspielern, das vom Publikum begeistert akklamiert wurde. Aber was zählt das Publikum? Frau Cerny hat nämlich offensichtlich bereits vor Beginn der diesjährigen Wiener Festwochen beschlossen alle Produktionen vernichtend zu besprechen. Musste doch die von ihr kultisch verehrte Frie Leysen das Festival nach nur einem Jahr verlassen.Das hat Folgen.Gab es ja bei Frau Leysen kompakte kurze Stücke, die das Sitzfleisch Frau Cerny's nicht überstrapazierten, heißt es jetzt schon mehrmals über 6 Stunden auszuharren. So mußte bereits Frank Castorf daran glauben ( da sollte man sich die Rezension von Peter Kümmel in der ZEIT gönnen um zu wissen wo es lang geht) und jetzt fuhrwerkt sie mit Ivo van Hove herum dass einem schwindlig wird. Armselig diese Frau!
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