Wiener Schauspielhaus Dreiklang des Grauens

Die "Killing Fields" von Kambodscha, das Tribunal gegen Slobodan Milosevic, die Verdrängung der Nazi-Verbrechen in Österreich: Mit seinen beklemmenden "Performances" am Wiener Schauspielhaus thematisiert der Singapurer Dramatiker Ong Keng Sen drei der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit - und stellt die Sehnsucht nach globaler Gerechtigkeit zur Diskussion.

Von Jürgen Kremb, Wien


Ong-Inszenierung "Offenes Geheimnis" (mit Barbara Redl): "Wien ist wie Den Haag"

Ong-Inszenierung "Offenes Geheimnis" (mit Barbara Redl): "Wien ist wie Den Haag"

Von der Fassade des Schauspielhauses in der Porzellangasse mitten im Wiener Bohème-Quartier hängt ein gut fünf Meter großes Poster herunter. Überlebensgroß blicken die beiden serbischen Kriegsverbrecher Ratko Mladic und Radovan Karadzic aus Schwarzweißfotos auf die vorbeifahrende Straßenbahn herunter. "Gesucht" steht darunter in gelben Lettern: "Belohung: 5.000.000 Dollar. Rufen Sie bitte an".

Das Fahndungsplakat kündigt das wohl ungewöhnlichste Projekt des Wiener Theaterfrühlings an. "Mythen der Erinnerung" nennt der Singapurer Theaterregisseur Ong Keng Sen seine Reihe von drei Aufführungen, in der er gemeinsam mit Susanne Wolf, der Dramaturgin des kleinen Hauses, Menschenrechtsverletzungen aus drei Kontinenten und fünf Jahrzehnten thematisiert und gleichzeitig die Frage nach der sinnvollen Aufarbeitung von internationaler Gerechtigkeit stellt.

Geschaffen hat das Plakat die junge Künstlerin Sejla Kameric. Heute 26 Jahre alt, wurde ihr Vater zu Beginn des Balkankriegs von einem Scharfschützen in ihrer Heimatstadt Sarajewo erschossen. Sie war damals ein Teenager, 15 Jahre alt. Über den Schock des Krieges, der ihre Familie zerstört hat, sagt sie heute: "Man hat nicht die Kraft, immer nur zu hassen." Als das Plakat, finanziert mit EU-Mitteln, erstmals auf dem Balkan ausgestellt wurde, stürmten aufgebrachte Serben die Vernissage.

Bei der Premiere der Aufführung des Stückes "Offenes Geheimnis (Ex-Jugoslawien)", in dem vier Schauspieler das Haager-Tribunal gegen Slobodan Milosevic nachspielen, war Sejla Kameric Ehrengast. Sie saß nachdenklich im Zuschauerraum. In der Pause sagte sie in ihrem etwas ungelenken Englisch: "Wien ist wie Den Haag, manchmal ist das Gerichtsverfahren ein Theaterstück und umgekehrt." Besser könnte man das Spannungsverhältnis kaum beschreiben, im dem sich das Projekt befindet. Ong Keng Sen ist nicht nur der renommierteste Intellektuelle Singapurs, sondern auch der einzige Künstler, der es außerhalb der ostasiatischen Bankenmetropole überhaupt zur internationalen Anerkennung gebracht hat.

"Kann es globale Gerechtigkeit geben und wie weit geht persönliche Verantwortung", sagt der hoch gewachsene Chinese, das sei die Frage gewesen, die er in Wien auf der Bühne bringen wolle. Dass dies in den Tagen nach dem Irak-Krieg geschieht, macht die Inszenierung ebenso wenig einfacher, wie der Umstand, dass er selbst aus einem staatlichen Gebilde kommt, das noch keine demokratische Politik kennt. Erschwerend kommt noch die persönliche Biographie des Regisseurs hinzu.

Ong stammt aus einer der führenden Familien Singapurs. Sein älterer Bruder Ong Keng Yong diente Premierminister Goh Chok Tong lange als Pressesprecher, heute steht er dem Bund der Südostasiatischen Staaten (Asean) als Generalsekretär vor. Bevor ihm die Familie erlaubte Künstler zu werden, musste Ong Keng Sen zunächst eine Ausbildung als Rechtsanwalt über sich ergehen lassen.

Ong-Bruder Keng Yong (r., mit Prinz Mohamed Bolkiah von Brunei): Langjähriger Pressesprecher des Singapurer Premiers
AP

Ong-Bruder Keng Yong (r., mit Prinz Mohamed Bolkiah von Brunei): Langjähriger Pressesprecher des Singapurer Premiers

Entsprechend präzise setzte der Singapurer die Auseinandersetzung mit dem Milosevic-Tribunal auf der Bühne um. Mehrere tausend Seiten Gerichtsakten ackerte er mit den vier Schauspielern und Co-Dramaturgin Wolf durch. Während jetzt auf einer Leinwand Dias und Videoclips der Protagonisten des Balkankrieges, die Ankläger, Richter, Zeugen und Angeklagten aus dem Haager Gerichtssaal, durcheinander flackern, schlüpfen auch die vier Bühnendarsteller ständig in andere Rollen. Wer eben noch mit der Stimme Milosevics Zeugen lächerlich machte, spricht plötzlich in rationalem Tremolo die Sätze eines deutschen Diplomaten oder gar der Chefanklägerin.

So sehr diese Darstellung Ongs These verstärkt, dass Recht und Gerechtigkeit vielleicht doch nur ein Ritual des Vergessens seien und damit tiefe Betroffenheit beim Zuschauer auslöst, so muss die Inszenierung doch hinter das zweite Projekt der Reihe zurückfallen.

Hier lässt Ong die Opfer eines der größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts selbst zu Wort kommen. In der Inszenierung "The Continuum: Beyond the Killing Fields (Kambodscha)" berichten überlebende Miglieder aus der Hoftanzschule in der Hauptstadt Phnom Penh über ihre Jahre im Terrorregime des Steinzeitkommunisten Pol Pot, dem 1,5 Millionen Kambodschaner, etwa ein Viertel der damaligen Bevölkerung, zum Opfer fielen.

Noch ist die Erinnerung für die Schauspieler so frisch und unbewältigt, dass sie bisweilen in Tränen ausbrechen, wenn sie still auf der Bühne hockend, in anmutigen Tanzstücken oder dem Schattenspiel selbst gefertigter Puppen davon berichten, wie sie ihre Eltern, Ehegatten und Kinder im sinnlosen, staatlichen Terror verloren.

Hauptperson der Aufführung ist die 70-jährige Em Theay, ehemalige Haupttänzerin am Ensemble des kambodschanischen Königshauses von Prinz Sihanouk. Em wird daheim auch "Tänzerin Nummer Zehn" genannt, denn sie gehörte zu den nur zehn Künstlern, die Pol Pots Regime vor gut 30 Jahren überlebten.

Em und ihre Kollegen sind die ersten Künstler Kambodschas, die das Grauen ihrer Vergangenheit mit ihrem Wiener Reigen auf die Bühne bringen. In veränderter Form haben sie das schon in Singapur und Yale getan. Nur in ihrer Heimat wagt die Tanztruppe die Vergangenheitsbewältigung noch nicht zu inszenieren. Denn auch ein Vierteljahrhundert nach Ende des Pol-Pot-Regimes und ein Jahrzehnt, nachdem Premier Hun Sen durch eine von der Uno organisierte Wahl in Phnom Penh an die Macht kam, sperrt sich der Politiker weiterhin vehement gegen ein Menschenrechtstribunal im eigenen Land und damit auch gegen die Aufarbeitung der grauenvollen Vergangenheit seines Landes.

Wie gut, dass dies bei uns nicht mehr passieren kann, möchte der schockierte Besucher sagen, während ihn die Beklemmung in seinen Theatersessel drückt. Doch dazu lassen es Ong Keng Sen und Susanne Wolf nicht kommen. In ihrem Dreier-Reigen gegen das Verdrängen, der bis zum 18. Mai zu sehen ist, legen sie ihre Finger auch in eine besonders schmerzhafte Wunde der Wiener Vergangenheit.

Im Podiumsgesprächen mit Überlebenden und Zeitzeugen geht es um die lange verdrängte Geschichte der NS-Kindereuthanasie am Kinderkrankenhaus Spiegelgrund. Obwohl schon seit Anfang der achtziger Jahre bekannt war, dass dort weiterhin mit in Formalin eingelegten Leichenteilen der in der Nazizeit ermordeten Kinder medizinische Versuche unternommen wurden, vertuschte das medizinische Establishment die Zustände bis vor wenigen Jahren.

Die Überreste der Kinder konnten erst im vergangen April bestattet werden. Dem Psychiater Heinrich Gross, Leiter dieses Gruselkabinetts, nahm die österreichische Regierung gar erst vor vier Wochen das in den siebziger Jahren verliehen Ehrenkreuz des Bundespräsidenten wieder ab. Warum das so lange dauern musste, versucht die "Profil"-Journalistin Marianne Enigl, die den Skandal über Jahre in mühevoller Kleinarbeit aufdeckte, in Bühneninterviews aufzuklären.



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