Klischees von Weiblichkeit Warum das Frauenproblem bei Wikipedia so tief sitzt

Eine Wikipedia-Auswertung zeigt, wie selten Frauen dort vertreten sind - und wie Stereotype die Einträge der Online-Enzyklopädie prägen.

Wikipedia-Seite
imago/Eibner Europa

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Von Leonie Bossemeyer


Als Anfang Oktober bekannt wurde, dass Donna Strickland als dritte Frau überhaupt den Nobelpreis in Physik bekommt, besaß sie nicht einmal einen Eintrag bei der englischsprachigen Wikipedia-Seite - ein Moderator hatte einen Artikel im Mai abgelehnt, weil er diesen für zu unwichtig gehalten hatte. Schon länger steht die Online-Enzyklopädie in der Kritik, weil vor allem Männer die Artikel schreiben und Frauenbiografien unterrepräsentiert sind.

Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Wikipedia ein Problem mit bestimmten Stereotypen hat: Forscherinnen und Forscher des Leibniz Instituts, der ETH Zürich und der Universität Koblenz-Landau konnten zeigen, dass Wikipedia im Vergleich zu anderen Lexika Frauen zwar in der Auswahl der Artikel nicht benachteiligt, in ihren Artikeln aber öfter Wörter wie "Familie" und "Kinder" fallen und häufiger Verlinkungen zu Artikeln von Männern enthalten sind.

Wie genau steht es in der deutschen Wikipedia um Frauen? Wir haben die Biographien aller in den vergangenen 100 Jahren geborenen Personen heruntergeladen: Welche Frauen schaffen es auf die deutsche Wikipedia-Seite? Wann und wo muss man geboren sein, und welchen Beruf wählen, um eine Seite zu erhalten?

Allgemein: Von den mehr als 330.000 Artikeln über Personen der vergangenen 100 Geburtsjahre handeln nur 20,3 Prozent von Frauen. Man kann aus diesem geringen Anteil jedoch nicht ablesen, ob Wikipedia systematisch Frauen weniger Beachtung schenkt, oder ob die Enzyklopädie eine gesellschaftliche Realität abbildet, in der nur ein geringer Teil wichtiger Posten durch Frauen besetzt ist.

Spielt das Alter eine Rolle?

Auffällig in unseren Daten ist: Die jüngere Wikipedia-Generation ist weiblicher. Während bei den über 60-Jährigen der Frauenanteil unter einem Fünftel liegt, ist der Anteil bei den 10- bis 20-Jährigen doppelt so hoch. Ein wichtiger Faktor hierfür ist die Berufswahl. Wer so jung schon berühmt ist, ist am häufigsten Schauspieler/-in, ein Beruf mit vielen berühmten Frauen. Die jüngste Schauspielerin auf der deutschen Wikipedia ist übrigens Tinsley Price - sie spielt bei der Netflix-Serie "Stranger Things" mit. Noch jünger berühmt werden fast nur Adelige, die qua Geburt bekannt sind.

In welchen Berufen sind Frauen zu finden?

Die Berufe unterscheiden sich auf Wikipedia erheblich zwischen den Geschlechtern und bestätigen auf den ersten Blick Klischees: Männer sind am häufigsten Fußballspieler, Frauen Schauspielerinnen. Außerdem sind 84 Prozent der Models und knapp die Hälfte der Sänger/-innen weiblich, Unternehmer/-innen, Ärzt/-innen und natürlich Geistliche sind zu mehr als 90 Prozent männlich. Überraschend ist der große Anteil an Frauen beim Sport: beim Volleyball, Badminton, Tennis und Biathlon sind mehr als 40 Prozent der Spieler/-innen Frauen. Die Sportarten mit den meisten erwähnten Spieler/-innen, Fußball und Eishockey, sind jedoch überwiegen von Männern vertreten.

Gibt es Entwicklungen innerhalb der Berufe?

Junge Frauen sind häufiger auf Wikipedia, dies spiegelt sich auch innerhalb der Berufe wieder: In den meisten Berufen ist der Frauenanteil bei den Jüngeren höher. In einigen Berufen ist die Entwicklung rasant: im Biathlon ist keine vor 1955 geborene Athletin eingetragen, wenige Geburtsjahre später liegt der Anteil schon bei knapp der Hälfte. Der hohe Anteil ist aber kein Garant, dass sich die Verteilung insgesamt mit der Zeit ändern wird. Es ist durchaus möglich, dass Männer generell in den Berufen in höherem Alter berühmt werden, und dann in der Statistik aufholen.

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Welche Auswirkungen haben Nationalität und Herkunft?

Bei der Nationalität überrascht China: Mehr als 40 Prozent der Artikel sind über Chinesinnen. Sie sind am häufigsten Badminton- und Tennisspielerinnen, und im Durchschnitt 14 Jahre jünger als die anderen Nationen. Interessant ist auch der internationale Vergleich der Städte: Ein Drittel der in Los Angeles Geborenen mit deutschem Wikipedia-Artikel sind Frauen. Und für was sind sie berühmt? Vor allem für's Schauspielen, Singen, Schreiben und Modeln.

Und jetzt?

Insgesamt entspricht die Verteilung der Frauen oft gängigen Klischees. Allerdings verändert sich die Verteilung der Artikel über Frauen je nach Geburtsjahr rasant, und in vielen Berufen holen junge Frauen den Unterschied auf. Immerhin hat Wikipedia das Problem auch selbst erkannt: Im Zuge des "WikiProjekt Frauen" werden gezielt Artikel über Frauen gefördert, und bei "WomenEdit" in Berlin treffen sich jeden Monat Frauen, um auf Wikipedia zu schreiben.

So haben wir gearbeitet
Woher kommen die Daten?
Mit der Wikipedia-Personensuche kann man Personenartikel nach Geburtsdatum und Geschlecht filtern und herunterladen. Wir haben die Daten am 17. August 2018 erhoben. Personen ohne eingetragenes Geburtsdatum werden dabei nicht erfasst, sind aber auch selten.
Was sagen die Daten nicht aus?
Es gibt einige Variablen, die den Datensatz schlüssiger machen würden. So könnte man beispielsweise das Erstellungsdatum der Artikel betrachten und so sehen, ob die Artikel über Frauen jünger sind. Klickzahlen könnten Aufschluss darüber geben, welche Personen trotz geringer Resonanz möglicherweise ungerechtfertigt einen Artikel erhalten. Das Geschlecht der Editoren könnte verraten, ob Frauen öfter Artikel über Frauen schreiben, und somit den Aufruf nach mehr weiblichen Wikipedia-Autoren unterstützen.
Was gibt es zu beachten?
Ein Problem in den Daten ist die Berufsbezeichnung: Sie wird im Fließtext angegeben. Daher mussten wir die Tabelle händisch durchgehen, die häufigsten Berufe identifizieren und dann den Berufstext nach diesen Berufen durchsuchen. Zu beachten ist auch, dass sich dadurch Berufsgruppen nicht gegenseitig ausschließen: Eine Person, die beispielsweise Politikerin und Juristin ist taucht in beiden Kategorien auf. Auch sind verschiedene Berufsgruppen unterschiedlich fein unterteilt und mussten manuell zu Kategorien zusammengefassten werden (z.B. Priester, Pfarrer und Bischöfe als Geistliche). Für die Grafik des Frauenanteils in Berufen nach Geburtsjahr wurde ein gleitender Mittelwert berechnet, um zufällige Schwankungen abzuschwächen.


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