"Daily Mail" Frauen böse, Flüchtlinge böse, und die EU auch

Die britische Zeitung "Daily Mail" verbreitet Angst und Hass, seit dem Brexit-Votum ist sie sogar noch schriller geworden. Wikipedia streicht sie aus der Referenzliste. Helfen wird das nicht.

"Daily Mail"-Schlagzeile
Daily Mail

"Daily Mail"-Schlagzeile

Ein Gastbeitrag von "Guardian"-Redakteur Mark Rice-Oxley


Im Vergleich zu anderen britischen Zeitungen ist die "Daily Mail" ein bisschen wie der Brotaufstrich Marmite. Die Leute lieben sie oder hassen sie.

Mindestens 1,5 Millionen Menschen lieben die "Mail" immerhin so sehr, dass sie sie täglich kaufen und damit hinter der "Sun" auf den zweiten Platz der meistverkauften britischen Zeitungen setzen. Vor allem in Kleinstädten ist sie beliebt, in privaten Fitnessstudios und in Wartezimmern. Man findet sie auf dem Beifahrersitz der SUVs von Vollzeitmüttern und in Wohnzimmern der Mittelschicht mittleren Alters, die sie sich bei Instantkaffee und Gebäck zu Gemüte führt. Im Gegensatz zu den meisten anderen britischen Zeitungen (meine eingeschlossen) schreibt sie schwarze Zahlen.

Von der urbanen Elite wird sie allerdings inbrünstig verabscheut. Grund dafür sind die Polarisierung, die sie vorantreibt, und die Fremdenfeindlichkeit, die sie sät. Außerdem sind es die Grenzen, die die "Mail" überschreitet und die Meinungen, die sie vertritt: Einwanderung ist böse, Sozialhilfe ist böse, berufstätige Frauen sind böse, Europa ist böse, Entwicklungshilfe ist böse, die BBC ist böse. Abgesehen von Sportlern und Kriminellen findet man so gut wie keine Schwarzen in dem Blatt. …

Jetzt hat Wikipedia einen Entschluss gefasst. Die Redakteure der Online-Enzyklopädie haben beschlossen, dass die Zeitung derart unglaubwürdig geworden ist, dass man sie nicht mehr als Referenz verwenden soll.

"Die 'Daily Mail' soll weder dazu verwendet werden, Relevanz festzulegen, noch in Artikeln als Quelle genutzt werden", schrieb ein Wikipedia-Redakteur. "Es soll ein redaktioneller Filter eingerichtet werden, der die Redakteure künftig warnt, wenn die 'Mail' als Referenz verwendet wird."

"Fake News" und "Unglaubwürdigkeit"

Dieser Schritt ist ein alarmierendes Misstrauensvotum für ein Blatt, das 1896 gegründet wurde. Keine andere der großen britischen Zeitungen wurde bisher derart getadelt. Die "Mail"-Herausgeber werden unterdessen wohl kaum über Gebühr besorgt sein. Wikipedia ist schließlich nicht gerade als Quell breiter Leserströme bekannt. Zudem hat die Zeitung unlängst mit Artikeln, die Wikipedia-Fehler ausstellten, ihre Verachtung für die Webseite ausgedrückt.

Doch der Vorwurf der "Unglaubwürdigkeit" kommt zu einem delikaten Zeitpunkt. Schließlich wird die Bezichtigung, Fake News zu verbreiten, im Nachrichtenbusiness auf sehr viel weniger illustre Titel als die "Daily Mail" angewendet. Etwa skrupellose Websites, die von Teenagern in Mazedonien betrieben werden.

Im Grunde überschreitet die "Daily Mail" ständig Grenzen, genau wie viele andere britische Zeitungen. Allerdings in einer Art und Weise, die sowohl Wut sät, als auch die Verkaufszahlen steigert. Hier sollte auch "Mail Online" erwähnt werden, ein Schwesterunternehmen, das neben "Daily Mail"-Stories auch eigene obszöne Inhalte veröffentlicht, die zum Teil noch um einiges zweifelhafter sind, als die der Printausgabe.

Bei britischen Premiers gefürchtet

Bei der Durchsicht der jüngsten Ausgaben sticht folgender, besonders beliebte Titel hervor. "Hier anstellen für Großbritanniens Eine-Milliarde-Pfund-Entwicklungshilfe-Geldautomaten!" donnerte die "Mail" im Januar, um mutwillig ein Hilfsprojekt für äthiopische Mädchen in Misskredit zu bringen.

"Daily Mail" (r.): Stimmungsmache gegen Migranten
AP

"Daily Mail" (r.): Stimmungsmache gegen Migranten

"Gesundheitstouristen schröpfen das nationale Gesundheitssystem", schäumte sie einige Tage später, und beschrieb Immigranten als Schnorrer, die überforderte Kliniken verstopfen. Die Statistik hingegen zeigt das Gegenteil: dass Immigranten mehr Steuern zahlen, als sie von Staatsleistungen profitieren. Und dass das Gesundheitssystem aufgrund der Sparpolitik der Regierung und der Überalterung der Bevölkerung überlastet ist, nicht aufgrund der Einreise von meist jungen Flüchtlingen.

Die "Mail" ist auch für ihre Wissenschafts-Horror-Stories bekannt, die mit großen Überschriften unbewiesene Forschungsergebnisse verbreiten. "Das Demenzrisiko steigt, wenn Sie an einer stark befahrenen Straße leben", ließ sie kürzlich verlauten, nahm dabei differenzierte wissenschaftliche Aussagen und verwandelte sie in furchteinflößenden Nonsens.

Größeren Anlass zur Sorge gibt allerdings die politische Macht, die die "Mail" inzwischen erlangt hat. Ihre Fähigkeit, die Meinung im sogenannten Middle England zu beeinflussen, hat sie zur gefürchtetsten Zeitung bei den jeweiligen britischen Premierministern gemacht.

Der Brexit und die "Daily Mail"

Ihr Einfluss auf die Brexit-Debatte war wesentlich - etwa dadurch, dass sie unbekümmert Unwahrheiten auf den Markt warf. So wie die von 350 Millionen Pfund, die sich die Briten für ihr Gesundheitssystem vermeintlich von der EU zurückholen könnten, wenn man aus Brüssel abziehen würde. Oder jene von dem angeblich gewaltigen Zustrom von Türken, den das United Kingdom zu erwarten habe, bliebe Großbritannien in der EU.

Am 24. Juni hat diese blinde Wut den Sieg davongetragen. "Verneige dich, Britannien", schwelgte die "Mail" nach der Bekanntgabe des Votums für den Brexit. "Es war der Tag, an dem die schweigende Mehrheit der Briten sich gegen die arrogante, abgehobene politische Kaste und gegen die herablassende Brüsseler Elite erhob."

Seitdem ist die Zeitung - wenn überhaupt möglich - noch schriller und skrupelloser geworden, wie etwa als ein hohes Gericht urteilte, dass man das britische Parlament zum Brexit befragen müsse.

"Daily Mail" am Kiosk
DPA

"Daily Mail" am Kiosk

"Feinde des Volkes", titelte die "Mail", grub Details aus dem Privatleben der Richter aus und stellte ihr Recht infrage, dem "Willen" von 17,4 Millionen Wählern zu widersprechen. Ein Verständnis dafür, welche Rolle der Judikative innerhalb der Gewaltenteilung in einer Demokratie zukommt, zeigte die "Mail" dabei nicht.

Doch besonders beunruhigend ist an der "Mail" vielleicht die Art und Weise, mit der sie die eigentlich normalen, stoischen, fair denkenden Briten radikalisiert. Wenn Menschen in meinem Umfeld anfingen, die Zeitung zu lesen, konnte man bemerken, wie sie wütend über Einwanderung wurden, sogar wenn es kaum Immigranten in der Nähe ihres Wohnortes gab; wie sie oft auf vermeintlichen EU-Irrsinn hinwiesen, wenn die Wahrheit eigentlich vielschichtiger war; und wie sie plötzlich ein negatives Bild vom Leben in Großbritannien und den Menschen, die dort leben, entwickelten.

Die "Mail" bleibt Großbritanniens einflussreichste Zeitung. Ein Klassenbucheintrag von Wikipedia wird das nicht ändern.

Mark Rice-Oxley ist der Leiter Sonderprojekte für die britische Tageszeitung "The Guardian". Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von: Robin Thiesmeyer



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