Berlin-Fotos von Will McBride Der Lebenshunger nach dem Krieg

Immobilienspekulanten verdrängten die Foto-Galerie C/O Berlin aus Mitte. Jetzt eröffnet sie neu im einstigen Amerikahaus - mit einer wunderbaren Schau der frühen Berlin-Bilder von US-Fotograf Will McBride.

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Berlin - Als Will McBride 1955 nach Berlin kam, war er 24 Jahre alt. Der in St. Louis im Bundesstaat Missouri geborene Amerikaner hatte in der U.S. Army gedient, in New York Kunst und Kunstgeschichte studiert und nun ein kleines Stipendium ergattert, um an der Freien Universität Literatur zu studieren.

Worte sind eine schöne Sache, aber es waren die Bilder, die McBride in ihren Bann schlugen, die Bilder Berlins. Die Stadt machte aus dem jungen Mann aus Amerika einen Fotografen. "Berlin sensibilisierte und änderte meine Sehweisen", sagte er später. "Ich hatte die Freiheit, zu sehen, was ich wollte. Ich fühlte, dass ich einen eigenen Stil entwickelte."

Dieser Stil und diese Stadt lassen sich ab Donnerstag in der Galerie C/O Berlin in Augenschein nehmen, im einstigen Amerikahaus unweit des Bahnhofs Zoo. Nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne für den Umbau eröffnet die von Immobilienspekulanten aus Berlin-Mitte vertriebene Foto-Galerie neu. Es sprechen Klaus Wowereit und Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Grand Opening, Großer Bahnhof.

Ruinen, Brachen, Krüppel und Kriegerwitwen

Neben einer Schau von Klassikern der Fotografenagentur Magnum und zwei weiteren Ausstellungen zeigt die C/O-Galerie rund 100 Berlin-Fotos von Will McBride aus den Jahren 1956 bis 1963. Bereits vergangenes Jahr ist zudem ein großformatiges Buch mit diesen Fotos erschienen: "Berlin im Aufbruch".

Als McBride zum ersten Mal nach Berlin kam, versetzte ihn die Stadt in eine "fiebernde Spannung", wie er es selbst beschrieb. Die Ruinen, die Brachen, die Krüppel und Kriegerwitwen. Es war das vom Krieg geschundene und gezeichnete Berlin, das den Amerikaner in seinen Bann schlug. Die meisten Fassaden in dieser tristen Trümmerwelt hatten Einschusslöcher. Frauen klopften Steine, Männer reparierten Straßen, Kinder spielten auf Schuttbergen.

Der Kurfürstendamm war noch nicht zum glitzernden Schaufenster des Westens aufgehübscht. Berlin war eine arme Stadt, an der Frontlinie des Kalten Kriegs, aber noch nicht gänzlich geteilt, die Mauer war noch nicht gebaut.

Grau war die Farbe, die McBride in Deutschland faszinierte, grau in allen Abstufungen. Er sagte: "Kleine graue Menschen in dunkle Mäntel gekleidet, in dunkle Schals gehüllt, die kleine graue Autos fuhren. Ich war sofort gefangen von diesen Grautönen, die ich in meinem übermäßig glitzernden Heimatland nie gesehen hatte."

Es war das West-Berlin vor der Revolte von 1968, das McBride erkundete und dokumentierte. Gleichzeitig waren die jungen Leute, die er fotografierte, bereits Vorboten der Rebellion und der Boheme: Halbstarke mit geölter Tolle, Mädchen mit Pferdeschwanz, Lebenshunger, Jazz.

"Ich bekam es mit der Angst zu tun und ging"

Die intimen, subjektiven Bilder, die McBride von seinen Freundinnen und Freunden machte, gefielen dem Art Direktor des in den sechziger Jahren stilbildenden Magazins "twen". Mit ihrer Veröffentlichung begann McBrides Karriere als Fotograf, zunächst für "twen", dann für "Life", "Paris Match", den "Stern" und andere Magazine. Seine große Zeit kam mit der Jugendrevolte der Sechziger, den Hippies, den Drogen und der sexuellen Revolution. Ein Klassiker wurde McBrides Aufklärungsbuch "Zeig mal!"

Das Berlin, das McBride so geliebt und so liebevoll fotografiert hatte, starb mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961. Als die DDR-Truppen die Grenze zwischen dem sowjetischen Sektor und den Westsektoren Berlins abriegelten und befestigten, war es mit der melancholischen Leichtigkeit McBrides vorbei. "Ich habe einen Blick auf die Mauer getan", sagte er, "bekam es mit der Angst zu tun und ging."

Seine Bilder blieben - zum Glück. Will McBride ist mittlerweile 83 Jahre alt, lebt wieder in Berlin, aber findet das heutige Berlin eher langweilig, zu glatt. Für die Ausstellung hat er tief in seinem Archiv gegraben. Es hat sich gelohnt.


Will McBride: Ich war verliebt in diese Stadt. Vom 31.10.2014 bis zum 16.01.2015. C/O Berlin, Amerika-Haus, Hardenbergstr. 22-24, 10623 Berlin, täglich 11-20 Uhr.

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insgesamt 5 Beiträge
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frantonis 30.10.2014
1. Ein Teil seiner Fotos
wurde als Kinderpornografie eingestuft. Deshalb sind die umstrittenen Auflärungsbücher mit diesen Fotos sind mehr im Buchhandel erhältlich. Auf dem schwarzen Markt werden diese zu hohen Preisen angeboten.
Walter Sobchak 30.10.2014
2.
Zitat von frantoniswurde als Kinderpornografie eingestuft. Deshalb sind die umstrittenen Auflärungsbücher mit diesen Fotos sind mehr im Buchhandel erhältlich. Auf dem schwarzen Markt werden diese zu hohen Preisen angeboten.
Was im Grunde viel ueber diese Gesellschaft aussagt. Aber in den USA ist sogar "Die Blechtrommel" so eingestuft.
Nachtschwester Ingeborg 30.10.2014
3.
Zitat von Walter SobchakWas im Grunde viel ueber diese Gesellschaft aussagt. Aber in den USA ist sogar "Die Blechtrommel" so eingestuft.
Das tut es, es sagt aus, dass die Gesellschaft in diesem Punkt funktioniert. Will McBride, den ich im Übrigen als Fotografen sehr schätze, hat das Buch "Zeig mal" im Geist einer Zeit produziert, der u.a. Daniel Cohn-Bendit dazu veranlasste zu glauben, es wäre vollkommen korrekt, ihm anvertraute Vorschulkinder mit seinem Penis spielen zu lassen. Heute weiß auch Cohn-Bendit, dass die Denkweise ein Fehler war. Übrigens, lieber SpOn, ist der Name der Straße auf Bild 7 Tauentzienstraße.
syssojew 30.10.2014
4. Postfuhramt Berlin Mitte
"Vor zwei Jahren verdrängten Immobilienspekulanten die berühmte Foto-Galerie C/O Berlin aus Mitte", Das stimmt so überhaupt nicht. Die Immobilienspekulanten ermöglichten den Einzug der Foto-Galerie C/O.Raten Sie mal aus welchem Grund? Genau, die Immobilie wurde aufgewertet. Das Gejammer von Foto-Galerie C/O bei Bekanntwerden der Kündigung war heuchlerisch. Es war ein begrenzter Vertrag, der beiden nur Vorteile brachte.
münchen1975 02.11.2014
5.
Zitat von frantoniswurde als Kinderpornografie eingestuft. Deshalb sind die umstrittenen Auflärungsbücher mit diesen Fotos sind mehr im Buchhandel erhältlich. Auf dem schwarzen Markt werden diese zu hohen Preisen angeboten.
Unsinn. McBrides Photos gelten bis heute nicht als "Kinderporno". Jedenfalls nicht im juristischen Sinne. Sonst säße McBride schon längst im Knast. Und das Aufklärungsbuch "Zeig mal", auf das Sie hier anspielen, wird auch nicht auf irgendeinem ominösen "schwarzen Markt", sondern ganz offen und problemlos auf Amazon, ebay, booklooker, etc. antiquarisch angeboten. Es war Will McBride selbst, der sein eigenes Buch aus dem Verkauf zurückziehen hat lassen, weil er die permanenten Anfeindungen fanatischer "Kinderschützer" nicht mehr ertragen konnte. Was man in "Zeig mal" zu sehen bekommt, ist normale kindliche Sexualität, kindgerecht aufbereitet. Und daß "Kinderschützer" bei so etwas in Moralpanik verfallen, zeigt eben nicht, daß "die Gesellschaft in diesem Punkt funktioniert". Es beweist eher, daß besagter Personenkreis die Welt ganz genauso wahrnimmt, wie die Pädophilen: Man sieht Bilder unbekleideter Kinder - und hat prompt nur noch "Schweinereien" im Kopf! Nur daß jene "Kinderschützer" dann verlogenerweise alle anderen für "Schweine" halten, nur nicht sich selber ...
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