S.P.O.N. - Der Kritiker Ackern für Deutschland

Sie regen sich über den Uli Hoeneß auf? Lesen Sie mal den Briefwechsel von Willy Brandt und Günter Grass! Das intellektuelle Geracker dieser beiden Schwergewichte für ein besseres Deutschland zeigt uns, wie weit wir heute in der Verniedlichung von Politik fortgeschritten sind.

Briefpartner Günter Grass, Willy Brandt (1976): Der Ton ist ernst
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Briefpartner Günter Grass, Willy Brandt (1976): Der Ton ist ernst


Der Mann hat gelogen. Er hat ein doppeltes Spiel gespielt. Er war Richter, wo er selbst schuldig war. Er hat laut von Moral gesprochen, wo er auch mal ganz leise hätte sein können. Vielleicht war er deshalb so laut - Doktor Freud -, weil er wusste, wie falsch und verlogen er selbst war.

Uli Hoeneß, schon wieder? Nein, ausnahmsweise: Günter Grass.

Was also ist ein Mensch, wie funktioniert ein Mensch, was macht ein Mensch, der sein Leben nicht glatt gebügelt hat wie ein Blatt Papier?

Uli Hoeneß ist mutmaßlich ein Steuerhinterzieher, er wird sich dafür verantworten müssen, er wird Strafe zahlen und vielleicht wird er ins Gefängnis gehen - er ist aber auch der Sündenbock einer gut kapitalistischen Gesellschaft, die Antikapitalismus zu ihrem Hobby gemacht hat.

Günter Grass war erwiesenermaßen bei der Waffen-SS, er ist dafür geprügelt worden, dass er das so lange verschwiegen hat, er hat seine Karriere auf der moralischen Überheblichkeit aufgebaut, die früher noch quasi naturgesetzlich eine Sache der SPD war - er war ein widersprüchlicher, wandelbarer Deutscher, und sein Leben bleibt vielleicht sein bester Roman.

Große Aufgaben im Land der Lügner

Aber das Duett mit diesem anderen widersprüchlichen, wandelbaren Deutschen, der sich irgendwann Willy Brandt nannte, der Briefwechsel der beiden, der jetzt im Steidl Verlag erscheint, dick, sehr dick, es ging ja auch um so vieles damals, es ging darum, dieses kranke, kaputte Land zu ändern, was zählen da schon die Lügen, wer dreht da schon die Hand um - dieser Briefwechsel zeigt zwei Männer bei der Arbeit an diesem Deutschland, eindrucksvoll, engagiert, egomanisch.

Und so ist der Ton auch ernst, meistens, weil die Aufgabe so groß ist, Deutschland, Land der Lügner, Land der Täter - aber auch, weil die beiden Akteure so unterschiedlich waren, wie es nur ging. Hier der verführte Nazi, dort der verfemte Exilant, hier der Schriftsteller, der sich auf Hunderten, Tausenden von Seiten ausbreitete und das Wesentliche verschwieg, dort der Politiker, der das neue Deutschland mit einem Kniefall erfand. "Wie rasch die Sprache verschleißt", schreibt Grass am 3. April 1965 an Brandt, "und wie wenig Wahrheit überzeugt, wenn verbrauchtes Wortmaterial sie kaschiert."

Wahrheit also, klar: Wer, wenn nicht wir - das ist der fast schon lutherische Gestus des "heidnischen Katholiken" Grass, der seine Reise ins "sozialistische Israel" 1967 als "verpflichtende Aufgabe" angesehen hat, "und ich glaube, es ist mir gelungen, mit einigem Erfolg dieser Aufgabe nachzugehen". Ist das die Sprache der Freiheit? Oder ist das der Blick in jenes verkrampfte Deutschland, in jenes verkrampfte Denken, das viele Jahre später bei Grass mit seinem hässlichen Gedicht gegen eben jenes Israel wieder hervorbrach?

Egal, in diesem Zusammenhang, egal. Denn es geht um etwas anderes, wenn man diesen Briefwechsel liest. Es geht nicht um Grass und Brandt, es geht nicht um Biografie und Lügen, es geht nicht um Moral und gute Absichten, es geht nicht um Geltungsdrang oder die Gründe für dieses oder jenes Wort, es geht überhaupt nicht um den Wert von Aussagen - es geht um die Wirkung von Aktionen.

Schwitzende Juso-Prosa

Es geht um das Ackern, um die alltägliche Arbeit und Sorge, wie dieses Deutschland besser werden kann: Schön war das nicht immer, und grazil war das nicht, und leicht fiel es Grass nicht, der vieles konnte, aber Leichtigkeit gehörte nun mal nicht dazu - "ich wiederhole noch einmal meine Einschätzung der CDU-Wahlkampftaktik", schreibt er am 28. Juni 1969. "Die CDU/CSU versucht, mit den Methoden Konrad Adenauers und durch permanente Beschwörung der Vergangenheit, den Wahlkampf zu bestreiten".

Das ist jetzt nicht Tocqueville, das ist eher schwitzende Juso-Prosa - aber wirklich, noch mal: egal. Da rackern und machen zwei Männer mit Schattenseiten und Schattenleben, kompliziert, anfällig und manchmal schwer zu verstehen, sie bezahlen ihren Preis dafür, Brandt stürzt früh über Heimlichkeiten, Grass strauchelt spät wegen seinen Heimlichkeiten - aber das Deutschland, an dem diese beiden unehrlichen Menschen mitbauten, ist eben, wenn man so zurückschaut, echt okay.

Und so ist dieses dicke Buch - 1230 Seiten! - zwar auch ein Geschichtsdokument - vor allem aber ist es eine Art angewandte politische Philosophie, die sich gar nicht erst mit der Frage aufhält, welche Motive jemand haben könnte: Darum geht es nicht, dafür interessieren sich die Geheimdienste, die Gesinnungstäter im Feuilleton oder die Scheidungsanwälte. Grass und Brandt haben auf ihrer Seite die Realität, die sie sich selbst geschaffen haben.

Was das alles für heute bedeutet, wo die Verniedlichung der Politik so weit fortgeschritten ist, dass die Zockerei eines Fußballmanagers zum Politikum wird und die Familienangestellten im Politikerbüro die bayerischen Parteien erschüttern?

Vielleicht Gelassenheit und ein gewisser Sinn für die epischen Dimensionen all dessen, was sich da vor unseren Augen abspielt: Menschen, die mit sich rangeln und mit anderen, die nicht sauber sind, weil sie Menschen sind, und die nicht gut sind, weil sie Menschen sind, aber die trotzdem manchmal das Richtige tun, es bleibt ihnen ja nichts übrig, sie sind ja Menschen.

Es könnte besser sein, dieses glattgebügelte Land, dieses glatt gebügelte Leben. Es könnte aber auch viel, viel schlimmer sein.

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insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
Ausfriedenau 03.05.2013
1. Gehts noch ?
Zitat von sysopDPASie regen sich über den Uli Hoeneß auf? Lesen Sie mal den Briefwechsel von Willy Brandt und Günter Grass! Das intellektuelle Geracker dieser beiden Schwergewichte für ein besseres Deutschland zeigt uns, wie weit wir heute in der Verniedlichung von Politik fortgeschritten sind. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/willy-brandt-und-guenter-grass-georg-diez-ueber-den-briefwechsel-a-897946.html
Was hier miteinander verglichen wird ist doch Schwachsinn. Sie sollten einmal recherchieren, wie Grass - mit seiner Vergangenheit - geurteilt hat bezüglich der Mitarbeiter mit NSDAP-Vergangenheit in den Bundesministerien? Das wäre aktuell, denn im letzten "Spiegel" wird mitgeteilt, dass noch Mitte der 60iger Jahre über 60% der Leitungsfunktionen im BMJ mit Personen mit Nazi-Parteibuch beschäftigt waren. Erschreckend, dass die Zahlen derer sogar noch zugenommen hatten!!! Haben wir etwa heute noch damit zu tun im Zusammenhang mit der Aufklärung der NSU-Morde???
Dark Enginseer 03.05.2013
2.
Zitat von sysopDPASie regen sich über den Uli Hoeneß auf? Lesen Sie mal den Briefwechsel von Willy Brandt und Günter Grass! Das intellektuelle Geracker dieser beiden Schwergewichte für ein besseres Deutschland zeigt uns, wie weit wir heute in der Verniedlichung von Politik fortgeschritten sind. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/willy-brandt-und-guenter-grass-georg-diez-ueber-den-briefwechsel-a-897946.html
Es wird höchste Zeit, daß Deutschland wieder aufsteht.
BettyB. 03.05.2013
3. So so...
Politische Philosophie. Ein Buch, eine Wissenschaft! Den Diez hat man wohl zwar nicht gebügelt, aber wahrscheinlich mit einem Klammerbeutel gepudert...
wohe1 03.05.2013
4. Fürwahr..
.. ein unaufgeregter Beitrag, der viele unserer kurzleben Medien-gehypten Aufreger zurechtrückt und "enthypt". Wohltuend in einer Zeit der medialen Selbstgerechtigkeit, in der jedes Vergehen, und sei es auch wirklich ganz und gar nicht weltbewegend, auf die moralische Goldwaage gelegt wird und mit großen Worten angeprangert wird. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die aktuelle SPON Nachricht Nr. 1: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/job-affaere-bayerns-landtag-legt-namen-aller-amigo-abgeordneten-offen-a-897942.html Da wird jeder Landtagsabgeordnete, der - nicht einmal illegalerweise - Familienmitglieder beschäftigt hat, pauschal als "Amigo-Abgeordneter" gebrandmarkt. Diese fast hysterische moralische Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit sehr vieler Medien (SPON eingeschlossen) ist nicht nur völlig überzogen; bedenkt man, wie viele Vorteile und Vergünstigungen sich Journalisten mit ihrem Presseausweis in vielen Lebensbereichen "erschleichen" können, ist es auch in allerhöchstem Maße heuchlerisch. Nichtsdestotrotz finde ich die zunehmende Transparenz sehr lobenswert und notwendig; sie sollte aber nicht dazu führen, dass zumindest jede Woche wieder "eine neue Sau durchs Dorf getrieben" werden muss.
irobot 03.05.2013
5. Hier könnte Ihre Werbung stehen!
Was würde Loriot jetzt sagen? Moment! Grass hat jahrelang auf Leute eingeprügelt, die ihre "braune" Vergangenheit nicht kundgetan haben. Und darunter waren auch damals 18- bis 20jährige SS-Soldaten. Dass er dann dann selber verbale Dresche bezogen hat, war nur logisch.
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