S.P.O.N. - Der Kritiker Ja, wir schaffen das

Der berühmte, der bleibende, der richtige Merkel-Satz, über den immer noch gestritten wird von Leuten, die Politik auf Prozentzahlen und Wahlumfragen reduzieren, ist tatsächlich der Schlüssel zu einer guten Gesellschaft.

Eine Kolumne von

Freiwillige Clowns am Lageso in Berlin
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Freiwillige Clowns am Lageso in Berlin


Wir schaffen das: Das ist der Nullpunkt des Sozialen, der Anfang der Politik, der Grund, warum Zusammenleben möglich ist - und es ist traurig und auch beschämend, wie dieser Satz manipuliert und wissentlich verdreht und schließlich in der Berliner Politikmaschine zerschreddert wird.

Yes, we can: Etwas anderes hat Angela Merkel nicht gesagt, es war eine Aufforderung, die Gesellschaft gemeinschaftlich und positiv zu denken - der Satz war nach innen gerichtet, an die Menschen, als notwendige Motivation, aus der erst die Energie entstehen kann, mit der man Schwierigkeiten meistert.

Das Gute schafft das Gute

Der Satz war eine Brücke: Merkel hat die Politik in gewisser Weise denen zurückgegeben, aus deren Stimme sie erst erwächst, der Bevölkerung.

Der Satz war auch ein Bruch: Weil es dezidiert keine parteipolitische Aussage war - und vielleicht deshalb so schwer zu verarbeiten für die Auguren der Halbsätze und Hinterzimmerintrigen.

Der Satz war keine Aufforderung an Menschen, die seit Jahren in Bombennächten, in Angstkrämpfen, in Verfolgung, Verzweiflung, Not leben und die für ihre Flucht kein Wort der Kanzlerin brauchen - wer so argumentiert, muss schon ein sehr eingedampftes Weltverständnis haben.

Der Satz war zuallererst ein zivilgesellschaftliches Credo, ohne träumerisches Tremolo, sondern sehr realitätsnah - nicht moralistisch, sondern gerade eben pragmatisch: Das Gute schafft das Gute, das ist die Logik, das ist die Einsicht, und das Schlechte schafft das Schlechte.

In Berlin etwa sieht man das, es wirkt fast schon mutwillig und teilweise sadistisch, wie etwa in der Erstaufnahmestelle der Stadt, dem berüchtigten Lageso, Zustände geschaffen oder geduldet werden fern jeder zivilisatorischen Mindeststandards.

Aber die Bilder der frierenden Kinder auf dem Boden bleiben, die Bilder der Verletzten, der Verprügelten, sie setzen sich ab als Gift in der Erinnerung, sie erzeugen wiederum Angst und Ablehnung, und die Krankheiten und die Konflikte und das Chaos, all das schafft nur neue Probleme.

In München dagegen habe ich gesehen, was passiert, wenn sich positive Energie bündelt und eine Stadt sich selbst anfeuert und die Verwaltung mit urbanem Stolz agiert und zeigt, es geht: Wir schaffen das.

Was fehlt, ist ein Basar der Ideen

Da ist zum Beispiel jemand wie der IT-Fachmann Rüdiger Trost, der sich überlegt hat, wie er helfen kann, und der dann innerhalb von ein paar Tagen mit einem finnischen Programmierer die App helphelp2 entwickelt hat und kostenlos zur Verfügung stellt, mit deren Hilfe man schnell und einfach sehen kann, welche Hilfsorganisation in der Nähe was genau braucht, und die auch Hilfsorganisationen nutzen können, um direkt zu schreiben, was sie brauchen.

Die App ist so angelegt, dass sie natürlich umso besser funktioniert, je mehr Leute sie benutzen: Es ist also wichtig, wie überhaupt bei all den Hilfsinitiativen, dass die Menschen wissen, was gebraucht wird, was für Ideen kursieren, was sie tun und wo sie mitmachen können.

Was fehlt, ist eine Art Basar der guten Ideen, eine Pinnwand, an der man Ideen teilen und Unterstützung suchen kann. Und deshalb ist diese Kolumne dieses Mal auch ein Aufruf, mir oder meinem Kollegen Maximilian Popp eine Mail zu schicken, wenn es eine Initiative gibt, die besonders interessant oder unterstützenswert ist.

Auch die Medien tun sich ja schwer, auf die neue Situation zu reagieren - die Berichterstattung etwa über Pegida, Pirinçci etc. ist in journalistischer Hinsicht wichtig, es bleibt aber offen, was daraus Positives zu gewinnen oder zu lernen wäre.

Das Negative überdeckt möglicherweise dabei sogar das, was schon geschieht - wie der Hackathon, der an diesem Wochenende in Berlin stattfindet mit dem Ziel, möglichst gute technologische Lösungen zu finden für die aktuellen Probleme der Flüchtlinge.

Verrückt?

Oder die Webseite www.start-with-a-friend.de, auf der man sehr einfach und persönlich seine Hilfe koordinieren kann, wenn es darum geht, Flüchtlinge in den ersten Wochen und Monaten zu unterstützen.

Oder das Refugee Phrasebook, das in 28 Sprachen die wichtigsten Sätze und Vokabeln für die Flüchtlinge zusammenfasst und als offenes Projekt angelegt ist, an dem jeder mitmachen kann.

Oder, ganz anders und maximal utopisch, die Idee des amerikanischen Milliardärs Jason Buzi, der eine Drei-Milliarden-Crowdfunding-Kampagne gestartet hat mit dem Ziel, den Flüchtlingen weltweit genug Land zu kaufen, auf dem sie einen eigenen Staat gründen können.

Verrückt? Aber wohl weniger verrückt, als erst mit humanitärem Pathos in Afghanistan einzumarschieren und dann wieder abzuziehen und Chaos zurückzulassen und jetzt Afghanen, die sich nach Deutschland geflüchtet haben, in den Terror ihrer Heimat zurückzubefördern.

Das ist die politische Realität der Konferenzen und Beamtenlösungen, wie sie gerade wieder in Brüssel ausgeheckt werden.

Der Satz von Angela Merkel beschreibt eine andere, eine zivilgesellschaftliche Realität: Die Politik ist gespalten in die, die etwas machen, und das sind gerade sehr viele Bürger, und die, die erst einmal taktieren.

Was es noch gibt an Ideen und Initiativen?

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Diese Kolumne ist Teil einer Recherche, deren Ergebnisse so bald und so direkt wie möglich vorgestellt werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 383 Beiträge
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Seite 1
edelsenf 25.10.2015
1. Ja wir schaffen das!
Ich hoffe inständig, dass sich die Balkanstaaten nicht weichklopfen lassen. Ja, wir schaffen das und ich bete jeden Tag aufs neue, dass die EU dabei gegen die Wand fährt.
Peter. D 25.10.2015
2. Das Gute schafft das Schlechte
wenn es ohne Verstand handelt. Und dieses "Wir schaffen das" steht genau dafür.
udo.sowade 25.10.2015
3. Man kann die Bundeskanzlerin,
und Ihre Politik in der GroKo mögen oder nicht. In Bezug auf die Flüchtlingspolitik gebührt ihr Hochachtung.
kladderadatsch 25.10.2015
4. Falscher Satz!
"Wir schaffen das!" war der Zweckoptimismus von Merkel aus reiner Verzweiflung nach dem Motto "Augen zu und durch"! Der entscheidende Satz viel früher Anfang September: "Deutschland kann und will Flüchtlinge aufnehmen!" Dieser Satz wurde in den arabischen Zeitungen immer wieder zitiert und führte dort zu dem Begriff "Mutter Merkel". Merkel war sich wohl der Dimension dieses Satzes wohl nicht bewusst und hat ihn nicht korrigieren wollen, um öffentlich keinen Fehler einzugestehen. Im europäischen Ausland sieht man es jedenfalls so: Die litauische Parlamentspräsidentin Loreta Grauziniene hat die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert. Merkels Zusage zur Aufnahme von Flüchtlinge sei ein „Fehler in der öffentlichen Kommunikation von einigen führenden Politikern alter EU-Mitgliedstaaten“ gewesen, sagte Grauziniene. „Politiker sagen manchmal etwas ohne nachzudenken, dass dies woanders große Probleme verursacht.“ Man dürfe nicht Flüchtlinge einladen, dabei nur an sein Land denken und dann wieder die Tür zumachen. Nach Merkels „Einladung“ sei die Bewegung „unkontrollierbar“ geworden, sagte Grauziniene. (dpa)
johndo89 25.10.2015
5. Drei-Milliarden-Crowdfunding-Kampagne
interessant, ich wusste gar nicht das es noch staatenloses Land gibt. Und wenn doch Menschen sich für einen eigenen Staat entscheiden, siehe Palestina oder der östliche Teil der Ukraine, wird es behindert wo es nur geht.
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