Protestkonzert in Chemnitz Wer denn sonst?

Neben viel Lob gab es auch Kritik am Konzert in Chemnitz: Die CDU-Generalsekretärin bemängelt die Bandauswahl als zu links. Aber auf Helene Fischer kann sie bei solchen Events lange warten.

Die Band Feine Sahne Fischfilet
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Die Band Feine Sahne Fischfilet

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65.000 Menschen sind gestern für ein Protestkonzert in Chemnitz zusammengekommen, um gegen Rassismus einzustehen. Es gab eine Schweigeminute für Daniel H., der vergangene Woche Opfer eines tödlichen Messerangriffs wurde. Die Organisatoren sammelten Spenden, die zur Hälfte seiner Familie zugutekommen. Die andere Hälfte geht an Anti-Rassismus-Projekte in Sachsen.

Aber es gab auch Kritik: CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer kritisierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wegen seiner Unterstützung für das Konzert. Sie stört, dass eine Band, die Punkgruppe Feine Sahne Fischfilet, im Jahr 2012 im Verfassungsschutzbericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern als linksextremistisch aufgeführt wurde. Manche Bürger forderten zuvor im "Sachsengespräch" mit Ministerpräsident Michael Kretschmer aus ähnlichen Gründen ein komplettes Verbot der Veranstaltung am Karl-Marx-Denkmal. All diese Klein-Klein-Kritik verkennt völlig die Lage, in der wir uns gerade befinden. Es sind Nebenschauplätze, die vom Thema wegführen.

Steinmeier vorzuwerfen, er versuche mit Linksextremen den Rechtsstaat gegen rechts zu schützen, ist eine Irreführung von Kramp-Karrenbauer. Der Bundespräsident hat ein Konzert empfohlen, das Menschen, die von Neonazis angegriffen wurden, Mut machen soll. Dessen Kernaussage lautet: Ihr seid nicht allein. Wir sind mehr. Die Empörung der CDU-Politikerin lässt sich schon dadurch entzaubern, dass sie zuvor ein anderes Festival mit Feine Sahne Fischfilet in den sozialen Netzwerken empfahl, mit den Worten: "Einfach nur wow!"

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Protestkonzert in Chemnitz: Die Würde des Menschen ist tanzbar

Darüber hinaus treten alle Künstler, die an diesem Abend gespielt haben, für Toleranz, Respekt und Menschlichkeit ein. Jeder auf seine Art und Weise. Der Rapper Trettmann und die Band Kraftklub etwa stammen aus Chemnitz und dokumentieren die Zerrissenheit, Wut und Hoffnung in diversen Texten. Eine Band wie K.I.Z. spielt schon immer mit dem Stilmittel der maximalen Ironisierung gesellschaftlicher Tabuthemen, um Ungerechtigkeiten offenzulegen. Die Toten Hosen könnten längst nur noch auf Telekom-Festen spielen. Tun sie aber nicht.

Jedem steht es frei, sich zu wünschen, dass auf dem Protestkonzert in Chemnitz Künstler spielen, die sich politisch sonst nicht äußern. Aber Musikerinnen und Musiker wie Helene Fischer oder Florian Silbereisen treten auf solchen Veranstaltungen nicht auf. Das ist schlimm genug. Es ist das eigentliche Problem.

Es ist die falsche Debatte

Wer sich an der Musikauswahl stört, der soll sein eigenes Konzert auf die Beine stellen. Antifaschistische Konzerte sind nicht politisch linken Bands vorbehalten. So wie es auch nicht bloß die Aufgabe von Linksextremen ist, Proteste zu organisieren. Aber nun ist endlich etwas passiert. Den erschreckenden Bildern von aufmarschierenden Nazis haben sich lebensfrohe Menschen entgegengestellt.

Vielleicht haben nun mehr verstanden, dass man sich in dieser Zeit dringend gegen Hass und Intoleranz bekennen muss. Vielleicht haben auch die Letzten kapiert, wie sehr die AfD den Schulterschluss mit Nazis sucht. Es könnte ein Startsignal für eine Veränderung sein, für Widerstand. Der ist übrigens für jeden Bürger eine Pflicht. Auch aus der Mitte. Wenn Zehntausende Menschen nach Chemnitz pilgern, dann ist das vielleicht ein erster zarter Hinweis auf einen Stimmungsumschwung.

Ob das nun mit holpernden Reimen passiert, mit einer Band, die für manche nicht zum Soundtrack des bürgerlichen Protestes passt, ist dabei egal. Wer kritisiert, dass die Sprache der Widerrede zu vulgär sei, der möchte ablenken. Es ist die falsche Debatte. Es sind Nebelkerzen, privilegiertes Feuilletongelaber, während draußen die Faschisten den Arm zum Hitlergruß heben.

Wenn dieses Konzert in Chemnitz zu neuen Debatten führt, dann doch bitte über die Frage, ob eine schweigende Mehrheit jetzt endlich ihre Smartphones aus der Hand legt und auf der Straße gegen Rassismus eintritt. Es sollte darüber gesprochen werden, wie sinnvoll es ist, die AfD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Oder wie sich eine Zivilgesellschaft am besten gegen Rechtsextreme zur Wehr setzt.

Und statt zu diskutieren, ob Feine Sahne Fischfilet auf dem Konzert spielen sollen, sollte man fragen, weshalb Helene Fischer es nicht getan hat - auch wenn sie sich inzwischen auf Facebook und Instagram unter dem Hashtag #Wirsindmehr geäußert hat. Denn dann wären vermutlich noch mehr Menschen gekommen.

Video vom Chemnitzer Konzert: "Es ist wichtig, dass man sich nicht allein fühlt"

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khwherrsching 04.09.2018
1. Törichte Vorstellung, Herr Lepin,
mit Musik könnte etwas erreicht werden. Auch nicht mit Helene Fischer. Ausschließlich unsere Politiker könnten versuchen, die Spaltung in der Bevölkerung zu überwinden. Einen ernsthaften Willen dazu kann ich nicht erkennen.
blabliblupp 04.09.2018
2. Bravo
Super Artikel, da stimmt jedes Wort. Danke
katarina.kaia 04.09.2018
3. Feine Sahne Verfassungsschutz
Wenn eine relativ staatstragende Band wie Feine Sahne Fischfilet in einem ostdeutschen Verfassungsschutzbericht auftaucht, dürfte das mehr über die politische Ausrichtung ostdeutscher Behörden, als die ostdeutscher Punk-Bands aussagen. Es gibt Standpunkte, von denen aus gesehen praktisch alles linksradikal ist.
knok 04.09.2018
4.
"Musiker wie Helene Fischer und Florian Silbereisen..." Musik ist schon eine gewagte Bezeichnung für deren Geträller. Gut ist, dass dieses Konzert ein Erfolg war, und die AfD, v.a. die Störchin, davon getroffen wurde. Nicht so gut ist, dass Teile der CDU noch immer glauben, dass ein paar linksextreme Spinner genauso gefährlich sind wie politisch gut organisierte rechtsextreme Hassredner.
Dr. Klötenbröhmer 04.09.2018
5. Wenn man weiß...
...wessen Geistes Kind der Verfassungsschutz in MacPom ist, der weiß auch warum Feine Sahne Fischfilet in den Bericht gekommen ist. Zur gleichen Zeit haben rechte Gruppierungen ihr Unwesen getrieben, natürlich kommen die nicht in einen Bericht der Institution, die selber von rechter Gesinnung durch- und zersetzt ist.
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