Säureattentat am Bolschoi "Die Zeit des totalitären Theaters ist vorbei"

Vor drei Jahren erschütterte ein Anschlag auf den Ballettchef des Bolschoi-Theaters die Welt. Wladimir Urin, neuer Theaterdirektor, über Korruption und seinen Versuch, die berühmteste Balletttruppe der Welt zu befrieden.

Bolschoi-Direktor Urin: "Das Entscheidende ist der richtige Ton"
Denis Sinyakov/ DER SPIEGEL

Bolschoi-Direktor Urin: "Das Entscheidende ist der richtige Ton"

Ein Interview von und , Moskau


Zur Person
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    Wladimir Urin,68, studierte in Moskau an der renommierten Russischen Akademie für Theaterkunst. Urin war u.a. Präsident der russischen Theatergewerkschaft und arbeitete als Leiter unterschiedlicher Bühnen und Festivals. 2013 wurde er zum Generaldirektor des Bolschoi-Theaters ernannt.
SPIEGEL ONLINE: Das Säureattentat auf den Ballettchef Sergej Filin hat das Bolschoi-Theater weltweit negativ in die Schlagzeilen gebracht. Was tun Sie, um das Bolschoi-Theater zu befrieden?

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Heft 3/2016
Rechtsfreie Räume, hilflose Polizei - können wir uns noch sicher fühlen?

Urin: Bei meinem Amtsantritt habe ich klargemacht, dass ich keine Vetternwirtschaft oder Korruption dulden werde. Sie können mir glauben, dass niemand bei mir im Theater arbeiten wird, der seine Macht nutzt, um Geld nebenher einzustecken. Talent und Können sollen entscheiden, nicht Beziehungen. Dafür versuche ich, Strukturen und Atmosphäre zu schaffen. Darin sehe ich meine Hauptaufgabe: in transparenten, nicht von außen beeinflussten Rollenbesetzungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie, wenn Politiker, Oligarchen oder Beamte des Kulturministeriums zum Telefon greifen, um bei Ihnen eine Ballerina durchzusetzen?

Urin: Mit dieser Art von Druck habe ich in der Tat gerechnet. Bis jetzt aber habe ich keinen einzigen solchen Anruf bekommen. Vielleicht deshalb nicht, weil ich den Ruf habe, mich nicht beeinflussen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie als Krisenmanager geholt worden, um den Augiasstall auszumisten?

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Urin: So sehe ich mich nicht. Und das künstlerische Renommee des Bolschoi war und bleibt hoch. Wir leben im 21. Jahrhundert. Die Zeit des totalitären Theaters, in der ein Direktor alles bestimmte, ist vorbei. Nur mit Teamarbeit lassen sich heute große Erfolge erzielen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also kein Diktator?

Urin: Ich treffe Entscheidungen im Dialog mit unserer Mannschaft, nicht allein im stillen Kämmerlein. Ich spreche mit dem musikalischen Leiter, mit dem Ballettmeister, mit dem Chefdirigenten. Wenn aber erst einmal eine Entscheidung getroffen ist, dann bin ich ein Diktator.

SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren tobt im und rund um das Bolschoi-Theater ein Streit zwischen Traditionalisten und Reformern. Sind Sie ein Modernisierer?

Urin: Jedenfalls bin ich der Meinung, dass sich in unserem Repertoire sowohl beim Ballett als auch in der Oper moderne Ästhetik und das gegenwärtige Leben widerspiegeln sollen. Am Mittwoch gastiert bei uns das Ballett der Hamburger Staatsoper mit "Peer Gynt" in einer neuen Inszenierung des Choreografen John Neumeier. Ein Theater ist kein Museum, sondern ein lebendiger Mechanismus.

SPIEGEL ONLINE: Also kein "Schwanensee" mehr?

Urin: Doch, doch. Natürlich verstehen wir uns auch als Hüter des großartigen Erbes des russischen klassischen Balletts und der russischen Oper. Das Bolschoi-Theater braucht beides: Modernität und Tradition. Die Zeiten, in denen sich Tänzer weigerten, mit modernen Choreografen zu arbeiten, sind aber vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Der Zeitgeist in Russland ist konservativ. Versucht die Politik nun, ein traditionelles Repertoire durchzudrücken?

Urin: Nein, absolut nicht. Wir spüren allerdings die Polarisierung unserer Gesellschaft und die internationalen Spannungen. Es gibt auch Druck von Seiten religiöser Organisationen.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die orthodoxe Kirche, die in der sibirischen Millionenstadt Nowosibirsk die Absetzung eines Direktors durch den Kulturminister durchgesetzt hat.

Urin: Das ist ein Beispiel. So etwas gab es früher nicht. Ums so wichtiger ist es, innere Ruhe zu bewahren. Wir wählen das Repertoire aus, das wir für richtig halten, und arbeiten mit den Künstlern und Regisseuren, die wir für außergewöhnlich talentiert halten. Auch wenn uns irgendjemand davon abrät.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit den Launen von Diven um? Die Primaballerina Swetlana Sacharowa ist von ein paar Jahren vor Wut abgereist, als sie nicht die erste Besetzung im Ballett "Jewgenij Onegin" erhielt?

Urin: Das Entscheidende in solchen Situationen ist das direkte Gespräch, der richtige Ton. Sacharowa ist ein Weltstar und sie hätte damals eine andere Behandlung verdient. Es ist schade, dass sich damals niemand fand, der sich in Ruhe mit ihr hinsetzte und sprach.

Lesen Sie mehr über das Bolschoi-Theater auch im aktuellen SPIEGEL.

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Bloomberg 20.01.2016
1.
"SPIEGEL ONLINE: Sind Sie a l s Krisenmanager geholt worden, um den A u g i a s s t a l l auszumisten? Urin: So sehe ich mich nicht." Natürtich nicht. Urin wurde nämlich NICHT fürs Chef des "Direktion für Bau, Rekonstruktion und Restauration und die Baufirma "Kurortprojekt"s- ernannt. Sondern fürs Bolschoi. Steht doch auch im Artikel: "2013 wurde er zum Generaldirektor des Bolschoi-Theaters ernannt .." Außerdem er wurde 2013 ernannt, der Wiedereröffnung war 2011 MIT der alte Generaldirektor vorgewnommen und bis 2015 war der Balett-Kunst (sic)-Leiter auch der "alte", der, der diese Säuereattacke im Jahr 2013 erleidet hatte. Quelle dazu, dass wo war der "Augiasstall": http://www.welt.de/kultur/article4554624/Finanzskandal-um-das-Bolschoi-Theater.html 20.09.09. „Die staatliche Direktion für Bau, Rekonstruktion und Restauration und die Baufirma "Kurortprojekt", die das Bolschoi Theater seit dem Jahr 2005 einer Generalerneuerung unterzieht, sind jetzt vom russischen Rechnungshof bei erheblichen Unregelmäßigkeiten ertappt worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen "Amtsmissbrauchs", die Medien sprechen von einem Skandal. Davon sei allerdings das Theater selbst nicht betroffen, teilte dessen Pressesprecherin Katerina Nowikowa erleichtert mit.“ Das Zanken in eine Balettgruppe gipt, in jede, ist allgemein bekannt, aber deswegen gleich für eine "Augiasstall" der Bolschoi zu nennen, dass finde ich überhaupt nicht angemessen.
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