WM-Kommentatorin Claudia Neumann Frauen haben es einfach nicht drauf

Schon klar, die Kritik an Fußballkommentatorin Claudia Neumann gründet einzig auf ihrer Stimmlage. Dabei gilt schon seit der Antike: Die Stimme der Autorität ist männlich. Sagen nicht nur Männer.

Toni Kroos, Thomas Müller beim Spiel gegen Mexiko
Peter Schatz

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Eine Kolumne von


Eine tiefe Krise erschüttert das Land, die Leute müssen schlimme Qualen ausstehen, denn eine Frau kommentiert Männerfußball. Wenn ich den Diskurs richtig verfolgt habe, dann haben es einige inzwischen zwar verwunden, dass Angela Merkels Flüchtlingspolitik in der Vorrunde nicht genügend Tore geschossen hat. Aber dass Claudia Neumann weiterarbeiten darf, stößt noch immer auf Unverständnis.

Man könnte sich als Gentleman zurückhalten, wenn man wüsste, dass das ZDF inzwischen gegen zwei Internetnutzer Strafanzeige gestellt hat wegen Beleidigung und Aufforderung zu Straftaten. Man würde dann sagen: Mit denen will ich nicht mal ansatzweise in Zusammenhang gebracht werden. Einige tun das. Ulf Poschardt schämt sich schon fremd für sein Geschlecht.

"Liebes ZDF, seid ihr noch ganz dicht?"

Andere nicht so sehr. "Claudia Neumann hat echt eine schreckliche Stimme und Aussprache. Hat ja nicht einmal was damit zu tun, dass sie eine Frau ist. Aber sie darf man ja nicht kritisieren", schreibt jemand auf Twitter.

"Liebes ZDF, seid ihr noch ganz dicht? Jetzt lasst ihr die inkompetente Ätzstimme Neumann schon Abendspiele kommentieren!? [Wut-Emoji]", schreibt ein anderer.

Das ist der Trick. Man sagt jetzt nicht mehr "Halt's Maul, Weib", man sagt jetzt, ihre Stimme habe nicht den angemessenen Wohlklang, um über schwitzende Jungs zu reden. "Wieso versteht eigentlich beim ZDF niemand", fragt einer, "dass es bei Claudia Neumann nicht um das Geschlecht, nicht um die Kompetenz, sondern einfach nur um die unangenehme, stechende Stimme geht?"

Ich weiß nicht. Mir fällt glatt ein Österreicher mit markant schnarrender Stimme ein, der es in Deutschland weit gebracht hat, aber man soll ja nicht immer gleich mit so was kommen. Witzig allerdings, wie diejenigen, die Neumanns vermeintlich ätzende Stimme kritisieren, sich auf der sicheren Seite und völlig frei von jeglichem Sexismus wähnen. Als würde nicht seit ein paar Tausend Jahren Frauenfeindlichkeit auch so funktionieren, dass man Frauenstimmen unangenehm oder albern findet.

Die Historikerin Mary Beard schreibt in ihrem Essay "Die öffentliche Stimme von Frauen", der vor Kurzem in dem Buch "Frauen & Macht" auf Deutsch erschienen ist: "In der antiken Literatur wird die Autorität der tiefen männlichen Stimme immer wieder betont, als Gegensatz zur weiblichen." Die Sache zieht sich durch. "Was wir brauchen", schreibt Beard, "ist eine …... Bewusstseinsbildung hinsichtlich dessen, was wir mit der 'Stimme der Autorität' meinen und wie wir darauf gekommen sind, eine solche zu konstruieren."

Bewusstseinsbildung, naja. Gute Utopie. Man muss gar nicht in den Hinterlassenschaften von Internettrollen wühlen, um Beispiele dafür zu finden, wie Leute sich ihre Frauenfeindlichkeit in aller Öffentlichkeit schönreden. Frank Castorf hat der "Süddeutschen Zeitung" ein Interview gegeben, in dem er erklärt, dass Frauen schlechteres Theater machen als Männer.

Auf die Frage, warum es an der Volksbühne unter seiner Intendanz so wenig Regisseurinnen gegeben habe, antwortet Castorf: "Wir haben eine Frauen-Fußballweltmeisterschaft und eine Männer-Fußballweltmeisterschaft, und in der Qualität des Spiels unterscheidet sich das schon sehr." Es ging zwar nicht um Fußball, sondern um Theater, aber seine Abneigung ist offenbar breit gefächert.

Gleich gut reicht nicht, Frauen müssen besser sein

Der Interviewerin fällt nichts Besseres ein, als zu entgegnen "Das können Sie jetzt aber nicht laut sagen?!", so als wäre Castorf einfach eine freche Nudel und nicht ein gekränkter Mann, der beim Weißweintrinken wirres, schäbiges Zeug labert. Er erklärt dann noch, dass es durchaus ein paar Frauen auf der Welt gebe, die etwas auf die Reihe kriegten, aber halt nur wenige: "Wenn eine Frau besser ist, habe ich nichts dagegen. Nur habe ich so viele nicht erlebt."

Gleich gut reicht nicht, Frauen müssen besser sein. Kurz vorher hatte er noch erklärt, dass sein Kumpel Leander Haußmann inszenieren kann, wie er Bock hat - "da ich nicht viele Freunde habe, kann er machen, was er will" -, aber bei Frauen gelten natürlich rein berufliche Kriterien.

Er hätte auch sagen können: "Sehen Sie, ich bin ein alter Mann, ich bin im letzten Jahrtausend sozialisiert und selbst jetzt, da ich so munter mit Ihnen plaudere, spüre ich einen kalten Hauch um meine sterbliche Hülle wehen, es ist alles eine Zumutung für große Geister wie mich, und es kann sein, dass Frauen da bei mir etwas zu kurz gekommen sind, oh mögen es die kommenden Generationen besser machen." Warum denn nicht.

Doch weder Castorf noch die Claudia-Neumann-Hater sind die Ersten, die so tun, als hätten sie im Grunde überhaupt nichts gegen Frauen, und als würden sie nur sachlich-fachlich beschreiben, dass ein paar konkrete Frauen es eben einfach nicht draufhaben. Hegel war der Meinung, Frauen könnten nicht regieren, Reich-Ranicki fand, Frauen könnten keine Romane schreiben, und allen, allen, allen geht es dabei ganz klar immer nur um das Wohl der Menschheit, die Kunst als solche oder den Sport an sich. Es ist eine Art Voodoo. Indem sie öffentlich wiederholen, dass Frauen es nicht draufhaben, glauben sie, sich die nackte Tatsache vom Leibe halten zu können, dass es außer ihnen noch andere gibt.

Das ist keine Sonderkompetenz von Männern. Alice Schwarzer hat neulich im Deutschlandfunk erklärt, dass Frauen von Politik weniger Ahnung hätten. Über Islamismus könne man mit denen nicht so gut diskutieren, "weil das ist ein hardcore-politisches Phänomen. Man muss schon viel politischen Verstand haben, um das zu durchschauen. Die Frauen mögen mir verzeihen, wenn ich sage, wir haben nicht so eine Tradition. Wir Frauen sind erst einmal mit unserem Leben beschäftigt und mit Vereinbarkeit von Familie und all diese Dinge, werden wir noch begehrt und sind wir auch nicht zu dick und so, ... sodass wir nicht so trainiert sind, wir Frauen, politische Zusammenhänge im Weltmaßstab zu erkennen." Man würde meinen, als Feministin würde man Frauen, die sich zu dick finden, nicht aus politischen Diskussionen ausschließen wollen, aber ob Schwarzer noch Feministin ist, müsste man gesondert klären.

Es gibt Bereiche, in denen Frauen bisher weniger erfolgreich sind als Männer. Wenn man in diesen Bereichen unterwegs ist, kann man darauf reagieren, indem man sagt: Dieser Sport / diese Kunst / diese Debatte ist wichtig, aber es gibt hier wenig Frauen, hmmm, stimmt, Frauen! Versuchen wir, sie reinzuholen in diese Welt, die ja gar nicht weniger wird, wenn wir sie teilen. Oder man kann sich irrational und gehässig winden voller Panik, ersetzt zu werden durch andere und in die Bedeutungslosigkeit gesogen zu werden, mitten rein in den ewigen Uterus, in den wir alle eines Tages zurückkehren, denn sterben müssen wir alle, auch die ganz Großen.

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Seite 1
m82arcel 03.07.2018
1.
Ich finde Neumann als Kommentatorin übrigens sehr gut. Nicht weil und nicht obwohl sie eine Frau ist, sondern einfach, weil ich sie als Kommentatorin gut finde. Ich glaube manchem sogar, dass er sie unabhängig vom Geschlecht nicht gut findet - ich weiß nur nicht, warum man(n) das bei jedem Spiel aufs Neue diskutieren muss. Da drängt sich dann doch der Verdacht auf, dass es (vielen) ums Geschlecht geht.
Neophyte 03.07.2018
2. Ich finde Neumann als Kommentatorin nicht gut genug
unabhängig welchen Geschlechts, da gibt es deutlich bessere und für den Zuhörer angenehmere Kommentatoren und ich bin mir auch sicher, dass es eine Mehrheit der Bevölkerung so sieht. Da aber die MeToo Debatte Neumann als Mahnmal für Frauenfeindlichkeit erkoren hat, wegen einer Minderheit meist männlichen Geschlechts die leider unter die Gürtellinie geht, ist es von jetzt an im Grunde egal welche Leistung Sie zeigt, Sie wird auf Lebenszeit bei den ÖR kommentieren dürfen, die sich den Marktmechanismen mit Ihren Zwangsgeldern entziehen.. Normalerweise würde so etwas der Markt gemäß Nachfrage von sich aus regeln, aber beim künstlichen Gebilde ÖR der BabyBoomer Generation der 60ger ist das eben nicht möglich..
Grübler 03.07.2018
3. Frau Neumann
ist in meinen Augen die fachlich beste Kommentatorin - deutlich besser als ihre männlichen Kollegen. Taktik, Technik? Sie begreift es und kann es auch noch dem Zuschauer gut vermitteln. Jeder der selbst mal FuBa gespielt hat, sollte das merken.
Tom77 03.07.2018
4. Frauen im Sport
Die Ironie ist, dass viele der Männer, die nun über Neumann lästern höchstwahrscheinlich selbst nie Fußball gespielt haben und sich nun aufspielen, als seien die absoluten Profis was Fußball angeht. Einen Sportkommentator sollte man nach meiner Meinung nach drei Aspekten beurteilen: 1. Fachwissen, 2. Sprechstimme und Aussprache und 3. die Fähigkeit, mitreißend und emotional über den Sport zu berichten. Zugegebenermaßen ist Neumann nicht gerade super darin, einen so richtig emotional ins Spiel zu ziehen. Aber auch etliche der Herren, die aktuell kommentieren, sind genauso langweilig und nüchtern und man blendet nach einer Weile aus, was sie berichten. Das hat also mit dem Geschlecht schon mal nichts zu tun, sondern hat mit der Mentalität der Person zu tun. Fehler machen die Männer beim Kommentieren ebenso, Neumann scheint daher auch nicht weniger Fachwissen als ihre männlichen Kollegen zu haben. Ihre Stimme ist am Ende Geschmacksache, wobei es wohl eher um Gewohnheit geht. In 4 Jahren regt sich keiner mehr auf, wenn öfter Spiele von Frauen kommentiert werden.
fotos 03.07.2018
5. Das Dauergeplapper
von Claudia Neumann nervt. Und das hat nichts mit damit zu tun das sie eine Frau ist. Das ist schlicht Unfug. Einer kompetenten Moderatorin wie Sabine Töperwien kann Neumann nicht das Wasser reichen.
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