Das Ende der Demokratie Wohin nur mit den wütenden Männern?

Der Westen wird von einer Welle geflutet. Wenn die über Europa geschwappt ist, bleiben schreiende Männer zurück, die weiter gegen alles und jeden hetzen. Ein erstaunlicher Hang zur Selbstvernichtung.

FRANZ FISCHER/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Eine Kolumne von


Vielleicht sind weite Teile der Weltbevölkerung, zu denen ich sicher auch zähle, einfach zu faul oder zu dumm für Demokratie. Es hätte allen freigestanden, mit der Möglichkeit der Wahl interessante Experimente durchzuführen. Was machen wir? Mehrheitlich in allen Ländern Europas wählt man halt irgendein konservatives Zeug zurecht und staunt dann, dass die bisherigen politischen Systeme die Wirtschaft förderten und im sozialen Bereich gespart haben.

Damit der Sozialstaat noch schneller abgebaut wird, kann man jetzt marktliberale Rechtsausleger wählen. Die bringen den Unmut, den viele gegen den Ist-Zustand des Kapitalismus empfinden, auf einfache Formeln, so wie Herr Gauland in der letzten FAZ bestätigen durfte. Ein Freund hat seinen Text sehr gut beantwortet.

So, anderes Thema. Nach dem Sieg der Neoliberalen weltweit stellt sich die Frage:
Was passiert eigentlich, wenn die neue Weltordnung da ist, mit all der Erregung? Die wunderbare Wut, die viele aus der Langweiligkeit eines normalen Menschendaseins katapultiert hat? Sicher gibt es bereits ein Sachbuch zu dem Thema?

Deutscher Hang zum Klugscheißen

Das Ende der Demokratie, das Ende der Abgehängten, die Globalisierung, der Kapitalismus, die Sehnsucht nach einem gesunden Selbstbewusstsein im angeschlagenen Westen, alles können wir nachlesen. Das flotte Sachbuch ist der neue Roman der Saison und entspricht des Deutschen Hang zum Klugscheißen und Welterklären. Na, das sagt die Richtige.

Während die Bevölkerung des sogenannten Westens also Sachbücher liest und sich gegenseitig zerlegt, während die einen versuchen, den alten Status Quo des privilegierten weißen Mannes wiederherzustellen, wollen die anderen ihre Idee vom demokratischen Fortschritt nicht aufgeben - und so wird demonstriert. Gesungen, gegen den Irrsinn des Kohleabbaus, gegen Gutmenschen, für Merkel, gegen Frauen, und so weiter. Während wir also beschäftigt sind, schließt China eine Handelspartnerschaft nach der anderen, kauft Häfen, Industrien, Teile Afrikas. Führend in Umweltschutztechnologien und bald schon in vielen anderen Bereichen.

Die Welt geht also nicht unter, es scheint nur, um ein komplett blödes Bild zu verwenden, aber blöd ist das Motto der Stunde, als ob der Westen von einer großen Welle geflutet würde. Was wird da wohl übrigbleiben? Was bleibt, nachdem wild agierende Neoliberale den Staat bis auf Armee und Polizei zusammengeschrumpft und den Abstand zwischen Arm und Reich solide ausgebaut haben? Vermutlich das Entfernen der Trümmer und der Wiederaufbau von allem, was rechtspopulistische Vulgärpolitiker demoliert haben.

Hilfe, Männerüberschuss!

Die Natur, die Bildung, die Gesundheitsvorsorge am Boden, die Luft verpestet, die Wissenschaft stagniert, da sitzt man dann, und betrachtet verstört, wie China die Welt prägt, da sitzt man in uninteressant gewordenen Orten, mit geschlossenen Läden, und einem gewaltigen Männerüberschuss.

ANZEIGE
Sibylle Berg:
Wunderbare Jahre

Als wir noch die Welt bereisten

Carl Hanser Verlag; 192 Seiten; 18 Euro

Anzeige
    Bei Amazon auf der Autorenseite von Sibylle Berg finden Sie eine Übersicht über die Bücher der Autorin.
  • Hier geht es zu Amazon.

Und apropos, um elegant die Kurve zum Anfang dieses Zauberwerks von Textkörper zu kriegen, was wird eigentlich mit all diesen wütenden Männern passieren? Die Wutbürger - hat sich ihr Gehirn an das Adrenalin gewöhnt? Werden sie es vermissen? Wird es einen Krieg geben, um sich des Problems zu entledigen? Aber gegen wen?

In Kambodscha habe ich einmal eine Siedlung besucht, in der ehemalige Rote-Khmer-Soldaten abgewickelt wurden. Sie hatten kleine Hütten und teils vermintes Land bekommen, weit ab von jeder Ansiedlung. Die Langeweile war zum Schneiden und wich nur einem Moment alter Erregung, wenn sie ihre Babys beim Rauchen von Zigaretten beobachteten. Eine Möglichkeit. Die andere fällt mir nicht ein, nichts fällt mir ein außer - zwei Schritte vor, drei zurück.

Nach dem Rückfall in die härtesten Zeiten neoliberalen Irrsinns, verbunden mit ein wenig Autokratie und Menschenfeindlichkeit, werden wieder andere Zeiten kommen. Irgendwann. Wir erleben gerade eine historische Phase, die irgendwann erstaunt den menschlichen Hang zur Selbstvernichtung belegen wird. Genießen wir es. So etwas Aufregendes passiert ja auch nicht jeder Generation.



insgesamt 147 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Crom 13.10.2018
1.
Warum nur Männer? Frauen stellen die Mehrheit der wahlberechtigten Bevölkerung, also liegt es schlussendlich an den Damen welche Politik sich durchsetzt.
holmgerlach 13.10.2018
2. Grundrechte abgeschafft!
Wer die wichtigsten Grundrechte für uns Bürger abschafft wie gute Bildung sichere Arbeitsplätze bezahlbaren Wohnraum gerechte Renten Sicherheit im öffentlichen Raum -und so seit über 30 Jahre am Volk vorbei regiert muß sich nicht wundern wenn aus Lethargie Wut und Protest wird gegen diese unhaltbaren Zustände in Deutschland!
kika2012 13.10.2018
3. Erziehung
Sind wohl die, deren Mütter zuhause geblieben sind und sie zu Weicheiern erzogen haben. Die anderen die Schuld ihres eigenes Versagens geben und/oder frustriert mit ihrem Leben sind. Ich kenne solche Männer zum Glück nicht. Und mein muslimischer Partner ist es schon mal gar nicht.
cup01 13.10.2018
4. Wehrdienst
Dann können sie zeigen was außer Wut in ihnen steckt.
priemer 13.10.2018
5. Inhalt?
Welche Inhalt hat eigentlich der Kommentar? Kritisiert Isabell Berg das Adrenalin? Muss man erst auf Konrad Lorenz Buch Das sogenannte Böse zurückverweise, um deutlich zu machen, dass ein Hormon nicht böse ist oder böse macht? Auch das Gefühl der Wut ist, in Abgrenzung zum Hass, weder negativ noch positiv. Es ist einfach die Frage, was man daraus macht. Übrigens gibt es sehr wohl eine ganze Reihe von Herrscherinnen in der Menschheitsgeschichte, die deutlich zeigen, dass weder konstruktives, noch destruktives Handeln an das Geschlecht des Herrschers gebunden ist. Sind Frauen besser als Männer - Nein! Umgekehrt gilt das Gleiche! Das wäre doch mal ein schöner Ansatz für Gleichberechtigung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.