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Wohnen auf dem Wasser: Deutsche Häuslebauer lernen schwimmen

Von Rainer Müller

Hausboot-Romantik à la Peter Lustig ist passé, der neue Architektur-Trend sind luxuriöse "Floating Homes". Doch während Hausbauer in Hamburg kreative Wohnkomplexe in Serie aufs Wasser bringen, sitzt Rest-Deutschland wegen rechtlicher Hürden oft noch auf dem Trockenen.

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Architektur auf dem Wasser: Hausboot 2.0
Schiffscontainer - was sonst? Schließlich hat kaum etwas den Hamburger Hafen in den vergangenen 40 Jahren so sehr verändert wie die Umstellung der globalen Frachtschifffahrt auf die stählerne Einheitskiste. Auch der Müggenburger Zollhafen ist eines dieser alten Areale im Hamburger Hafen, die im Zeitalter der Containerschiffe nicht mehr gebraucht werden.

Den Architekten Han Slawik aus Hannover inspirierte das Symbol des Strukturwandels zu einem aufsehenerregenden Bauwerk mitten im alten Hafenbecken: das "IBA-Dock", ein dreistöckiger und legosteinartiger Kubus aus lindgrün, azurblau, schwarz und weiß verkleideten Stahlmodulen, der an die Containerstapel im Hafen erinnern soll. Es ist eines von vielen schwimmenden Architektenhäusern, die derzeit in Deutschland sozusagen aus dem Wasser schießen. Und es kann sich mit einem Superlativ schmücken: Das IBA-Dock ist Deutschlands größtes schwimmendes Bürogebäude und dient seit Anfang Februar als neuer Geschäftssitz der Internationalen Bauausstellung (IBA) Hamburg.

Die IBA ist eine von drei derzeit in Deutschland laufenden Großveranstaltungen unter diesem Kürzel, die der städtebaulichen und wirtschaftlichen Aufwertung maroder Stadtviertel oder Regionen dienen. In Hamburg soll das IBA-Dock dazu beitragen, den abgehängten Problemstadtteil Wilhelmsburg an die prosperierende Hansestadt anzudocken.

Doch nicht nur für Hamburgs bisherigen Hinterhof stellt der schicke 8-Millionen-Euro-Bau eine Aufwertung dar. Er steht auch exemplarisch für die Weiterentwicklung der guten alten Hausboote mit ihrem alternativen Peter-Lustig-Stil, wie sie etwa auf dem Berliner Landwehrkanal liegen. Mit den umgebauten alten Schleppern und Kähnen haben die neuen "Floating Homes", die Hausboote 2.0, nicht mehr viel gemein.

Alle Häuser von verschiedenen Architekten

Vor allem Großstädte wie Berlin, Hamburg oder Köln entwickeln seit einigen Jahren in "Waterfront-Projekten" neue Wohnformen am und auf dem Wasser und buhlen so um einkommensstarke (Neu-)Bürger und die viel beschworene kreative Klasse. "Wohnen auf dem Wasser ist etwas für Individualisten", konstatiert die Hamburger Architektin Nathalie Dudda, die in den vergangenen Jahren gemeinsam mit ihrem Partner Thomas Müller schwimmende Wohnhäuser entworfen hat.

Bei dem bundesweiten Trend hat Hamburg derzeit die Nase vorn. Hier hat der Senat 2006 beschlossen, in der "wachsenden Stadt Hamburg" auch Häuser auf den Gewässern der Stadt zuzulassen und dafür die Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Ergebnisse sind auf dem Eilbekkanal zu sehen: Auf dem idyllischen Seitenarm der Alster sind seit vergangenem Jahr die ersten fünf von zehn schwimmenden Häusern bewohnt, darunter ein Objekt mit dem Namen "Freischwimmer" von Dudda und Müller.

Alle Häuser im Eilbekkanal sind von verschiedenen Architekten entworfen, entsprechend bunt sieht es nun aus. "In Hamburg kann man auf dem Wasser fast bauen, wie man will," so Müller. Der Architektentraum hat einen einfachen Grund: In der Hansestadt wird traditionell alles was schwimmt nach Wasserrecht beurteilt und nicht nach Baurecht - das vereinfacht vieles im Vergleich zu den meisten anderen Städten in Deutschland, die sich mit dem Baugesetzbuch herumschlagen müssen und zudem kaum Erfahrung mit dem Wohnen auf dem Wasser haben. Hinzu kommt ein klares Bekenntnis von Politik und Verwaltung.

"Die Nachfrage ist enorm. Wir hatten schon hunderte Anfragen", sagt Wolfgang Vocilka, Planer und "Hausbootkoordinator" beim Bezirksamt Hamburg-Mitte. Fertig erschlossene Liegeplätze oder bezugsfertige Häuser kann er aber nicht bieten: "Plug & Play funktioniert nicht." Interessenten brauchen Geduld und müssen zudem selbst mitplanen oder einen Architekten beauftragen - so wie am Eilbekkanal, wo eine Jury aus Bezirkspolitikern und Stadtplanern die raren Liegeplätze an die zehn Bewerber mit den kreativsten Ideen vergeben hatte. "Am Mittelkanal im Stadtteil Hammerbrook haben wir jetzt das gleiche Verfahren durchgeführt", so Vocilka. Wenn alles glatt läuft, können die nächsten Wasserhäuslebauer dort im Frühjahr loslegen. Ein Hotel hat ein paar Meter weiter bereits sein loungeartiges Konferenzzentrum zu Wasser gelassen.

Bürokratische Hürden in Berlin

Ähnlich designorientierte Haustypen schwimmen auch in Oldenburg und Kiel - als unbewohnte Prototypen. Ob dort allerdings Siedlungen folgen, ist völlig offen. In Berlin liegen gleich mehrere ambitionierte Projekte auf Eis. Schleppende Genehmigungsverfahren und Rechtsunsicherheiten vergraulen zuverlässig alle Investoren. Hauptproblem in der Hauptstadt: Die meisten Wasserflächen gelten als "Bundeswasserstraßen". Rechtlich darf hier ebenso wenig gewohnt werden wie auf einer Bundesautobahn. Seit Jahren wird deshalb nach Auswegen gesucht. Jetzt hofft eine tapfere Bauherrengemeinschaft um den Berliner Architekten Arthur Fischer auf einen Präzedenzfall in der Rummelsburger Bucht, um dort 2011 mit dem Bau von acht "Floating Lofts" loslegen zu können.

So ergeben sich Chancen für Bauherren in der Provinz. Tatsächlich mausert sich neben Hamburg die Lausitz zur zweiten Hochburg für schwimmende Architektur. Geht es nach den Plänen der dortigen Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land sollen schwimmende Häuser zum neuen Markenzeichen des Lausitzer Seenlandes werden.

Klares Plus dort: Die 30 Seen sind künstlich geflutete Braunkohlegruben und damit keine Bundeswasserstraßen. Auf drei der Seen gibt es bereits erste Häuser, weitere folgen in diesem Jahr. Dabei war auch hier der Anfang schleppend. "Schwimmende Architektur ist eben für alle Beteiligten ein Experiment", umschreibt der IBA-Projektkoordinator Michael Feiler den bürokratischen Hürdenlauf der Anfangszeit. Bis das erste schwimmende Haus - eine Tauchschule, wie passend - 2006 eröffnet werden konnte, vergingen fünf Jahre.

Von Projekt zu Projekt hat die Wasserscheu offenbar abgenommen. Am Geierswalder See verliert ein Investor jedenfalls keine Zeit und nutzt seine 2009 erbaute "Arche" nicht nur als Musterhaus, sondern vermietet sie auch an Feriengäste. Noch in diesem Jahr sollen die ersten von insgesamt 20 Häusern im geplanten "Wohnhafen Scado" entstehen. Es wäre die größte schwimmende Wohnsiedlung in Deutschland.

Interessenten kommen dem Vernehmen nach vor allem aus Berlin.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
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1. Albern
Hovac 17.02.2010
Warum sollten die Gewässer die für die Naherholung genutzt werden auch für alle zugänglich sein. Nur weil wir Leerstand auf dem Festland haben sollte man ruhig die Wasserwege "zubauen"
2. Peter Lustig ....
Netz-Tradamus 17.02.2010
Zitat von sysopHausboot-Romantik á la Peter Lustig ist passé, der neue Architektur-Trend sind luxuriöse "Floating Homes". Doch während Hausbauer in Hamburg kreative Wohnkomplexe in Serie aufs Wasser bringen, sitzt Rest-Deutschland wegen rechtlicher Hürden oft noch auf dem Trockenen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,677090,00.html
wohnte in einem Bauwagen und nicht auf einem Hausboot. Was jedes Kind weiß, ist SPON unbekannt .... tststs
3. Peter Lustig im Hausboot?
henkipenky 17.02.2010
Hausboot-Romantik à (so herum gehört der Accent) la Peter Lustig wäre wohl schon deshalb dem schnellen Untergang geweiht weil jener seit eh und je in einem Bauwagen lebt.
4. Das Wasserhaus ist ein interessantes Konzept
DickBush, 17.02.2010
Da schaukelt man den ganzen Tag rum wie in Bangkok, doch was soll bitte schön mit den Körperausscheidungen geschehen - die sollten wohl nicht in den Fluß landen?
5. .
takeo_ischi 17.02.2010
Zitat von DickBushDa schaukelt man den ganzen Tag rum wie in Bangkok, doch was soll bitte schön mit den Körperausscheidungen geschehen - die sollten wohl nicht in den Fluß landen?
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