Hochhaus-Boom So wird London umgebaut

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II. Das Kapital: Wer das Wachstum befeuert


I. Auferstehung: London im Höhenrausch
II. Das Kapital: Wer das Wachstum befeuert
III. Glanz und Hybris: Die Designer des Booms
IV. Zerstörung: Der Kampf um die Seele einer Stadt

II. Das Kapital

Wer das Wachstum befeuert

Der Bauboom in London wird angetrieben von Leuten, die in der Sprache der Immobilienbranche Entwickler heißen. Ohne sie würde es den Höhenrausch nicht geben. Entwickler planen Großprojekte, sondieren den Markt, konsultieren Architekten und suchen Investoren, um ihre Pläne zu finanzieren - es sind Männer in navyblauen Anzügen, die wie Kreuzfahrtkapitäne aussehen und in ihren riesigen Büros von schneeweißen Fassaden und Lofts mit Themse-Blick träumen. George Iacobescu ist einer dieser Männer, wenige kennen die Londoner Immobilienwelt so gut wie er.

Iacobescu empfängt in der 30. Etage des One Canada Square, eines 244 Meter hohen Büroturms des Architekten Cesar Pelli im Osten der Stadt. Man könnte in seinem Büro Fahrrad fahren oder Frisbee spielen, wenn nicht ein riesiges Modell von Iacobescus Schwärmereien im Weg stünde.

"Cappuccino?", fragt Iacobescu.

Ursprünglich stammt er aus Ungarn, wanderte aber in den Siebzigerjahren nach Kanada aus, wo er an die Spitze eines der damals größten Immobilienkonzerne aufstieg. Seine Geschichte zeigt, wie sich London dem Druck des Kapitals auch in städtebaulicher Hinsicht beugte. Bevor er nach London zog, hatte Iacobescu Hochhäuser in der New Yorker Battery Park City entwickelt, die sich nahtlos in die Topografie Manhattans mit ihren Betonschluchten, senkrechten Glasfassaden und messerscharfen Kanten einfügten. 1987 bekam seine Firma von Margaret Thatcher die Zusage, die Halbinsel Isle of Dogs bebauen zu dürfen, eine riesige Freifläche im Osten Londons. Thatcher war dabei, die Finanzindustrie mit einer Reihe neuer Gesetze und Bestimmungen zu entfesseln, ein Befreiungsschlag des Kapitals, der als "Big Bang" des modernen Bankenwesens auf der Insel gilt.

Iacobescu half dabei, Amerika nach London zu bringen. Die Hundeinsel sollte zum Motor des neuen Kapitalismus werden. Hier fand das Vorbeben statt.

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Canary Wharf in den Achtzigerjahren – und heute


Canary Wharf heute - und in fünf Jahren mit neuen Wohntürmen in Wood Wharf


Iacobescu ließ Straßen asphaltieren, Strom-, Gas- und Wasserleitungen verlegen, und steckte 400 Millionen Pfund in die Erweiterung der U-Bahn, der Jubilee-Line. Von einer Baumschule bei Hamburg ließ er 1000 Ahornblättrige Platanen aus den Dreißigerjahren einschiffen. "Wir wollten, dass es so aussieht, als wäre alles schon seit Ewigkeiten hier gewesen", sagt er.

Tatsächlich wirkt Canary Wharf wie aus Manhattan herausgesägt. Die Banken sind in gläsernen Kästen untergebracht, die sich vor allem in der Gebäudehöhe und durch die Tönungen der Fenster unterscheiden. Der Hochhauspark wird dominiert von Pellis Turm, der noch immer wie ein gigantischer ausgestreckter Mittelfinger in Richtung des alten Bankenviertels zeigt.

Die architektonische Revolution war zunächst auf den Osten der Stadt beschränkt, aber es dauerte nicht lange, bis sie die Innenstadt ergriff. Im August 2000 erteilte die City of London einem Projekt die Baugenehmigung, das wie kein zweites die neue Ära des vermeintlich glatten, reinen Kapitalismus einläuten sollte. Der Entwurf stammte von Norman Foster und sah aus, als hätte jemand eine riesige Salatgurke in den Boden gerammt.

Fosters Turm mit der Adresse 30 St. Mary Axe im alten Bankenviertel trägt diesen Spitznamen noch heute - "Gherkin". Die Gurke ist der Triumph der Form über die Funktion, lässig, glatt und schlank. Es war das erste Bürohaus, dem der begehrte Sterling-Preis des Instituts Britischer Architekten zugesprochen wurde, gleichzeitig eröffnete die Gurke den Kampf um die Herrschaft am Londoner Himmel. Jeder Architekt, jeder Entwickler, jeder Investor wollte so ein Ding in die Stadt setzen. Das Kapital war Anfang der Nullerjahre vorhanden, der Größenwahn auch. Es begann ein Wettlauf um die Skyline.

360°-Blick von "The Shard", dem höchsten Hochhaus Londons

Der Immobilienmarkt blähte sich auf, bis die Bankenkrise etliche Projekte platzen ließ. Vieles deutet darauf hin, dass der Markt in London gerade wieder heiß läuft. Der durchschnittliche Kaufpreis für ein Haus in der Stadt stieg in den zwölf Monaten bis Februar um 13,8 Prozent - so schnell wie seit 2007 nicht mehr. Im Juni warnte der Internationale Währungsfonds, in Großbritannien werde sich eine neue Immobilienblase bilden, wenn die Regierung nicht gegensteuere. Dafür werden neben den Banken, die billige Kredite vergeben, auch die Investoren verantwortlich gemacht.

Stadtplanung in London funktioniert nach dem Cowboy-Prinzip. Wer schneller schießt, gewinnt. Es gibt zwar Rahmenbedingungen für Entwickler und Architekten, die die Verwaltung festlegt, aber die Macht im Planungswesen zerfasert sich auf 32 Stadtbezirke sowie die City of London. In manchen Fällen schaltet sich der Bürgermeister ein oder der Staatssekretär der Regierung für Gemeinden und Bezirksverwaltungen. Aber grob gesagt kann derjenige, der ein Grundstück besitzt, darauf bauen, was er will, falls kein Mächtiger widerspricht.

Die Stadt ist auf die Baubranche angewiesen, der Sektor setzt in London viele Milliarden um. 260.000 Menschen sind in dem Sektor beschäftigt. Vor allem ärmere Bezirke im Osten und Süden wie Tower Hamlets, Southwark, Croydon oder Lambeth hoffen, von dem Kapital zu profitieren, das Investoren in ihre Kassen spülen.

Um den Wildwuchs an Hochhäusern zumindest ein wenig einzudämmen, legte die Londoner Stadtverwaltung elf Ballungsorte fest, so genannte Cluster, an denen sich die neuen Gebäude konzentrieren sollen. Aber natürlich genehmigen die Bezirke darüber hinaus Einzelprojekte. Sie sind auf das Geld angewiesen, das Männer wie George Iacobescu in ihre Viertel schaffen.


Immobilienentwickler Iacobescu über die Stadt der Zukunft

Iacobescu will sein kleines Manhattan im Osten ausbauen. Hochhäuser mit 5000 Wohneinheiten sollen neben den Banken wachsen, alles Luxusapartments für die Wohlhabenden, darunter ein 56-stöckiger Zylinder von Herzog & de Meuron. Die Makler, die auf Road Shows durch China und Russland die Lofts anbieten werden, reiben sich schon jetzt die Hände.

Denn auch das gehört zum Wesen dieser Stadt, das Geld. Allein im vergangenen Jahr stieg der Wert von Londoner Immobilien im Durchschnitt um 13,2 Prozent. Das Kapital, das den Hochhausboom befeuert, stammt zu einem beträchtlichen Teil aus dem Ausland. Der Shard an der London Bridge, entworfen von Renzo Piano, wurde mit Geld aus Katar finanziert, ein Konsortium aus Malaysia lässt gerade die Battersea Power Station in Wandsworth umbauen, und gleich nebenan, an der Vauxhall Bridge, will ein chinesischer Konzern zwei Wohntürme hochziehen, die 161 und 200 Meter in den Himmel ragen sollen.

Wie wird sich die Stadt ästhetisch verändern, wenn das Geld endgültig die Macht erringt?

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