Hochhaus-Boom So wird London umgebaut

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III. Glanz und Hybris: Die Designer des Booms


I. Auferstehung: London im Höhenrausch
II. Das Kapital: Wer das Wachstum befeuert
III. Glanz und Hybris: Die Designer des Booms
IV. Zerstörung: Der Kampf um die Seele einer Stadt

III. Glanz und Hybris

Die Designer des Booms

Graham Stirk sieht weniger aus wie ein Architekt, eher wie ein Popstar aus den Achtzigern. Am linken Handgelenk trägt er eine durchsichtige Swatch aus Plastik und auf seinem Kopf einen Haarschnitt wie Robert Smith von The Cure. Sein Büro liegt an der Themse tief im Westen Londons, gegenüber dem alten Harrods-Möbellager. Stirk spricht leise, während er von seinem größten, stolzesten Projekt erzählt.

Er arbeitet bei Rogers Stirk Harbour + Partners, einem der renommiertesten Architektenbüros Großbritanniens. Die Debatte um die Hochhäuser sieht er aus der Perspektive des Profiteurs. Vor Kurzem wurde sein 224 Meter hoher, keilförmiger Turm an der Leadenhall Street fertig, den er zusammen mit Kollegen entwarf. Die Kritiker sind begeistert von dem Haus, Stirks Projekt gilt schon jetzt ein Argument dafür, dass nicht alles schlecht sein muss, was neu gebaut wird. Stirk sagt: "London war immer eine Metropole, die sich veränderte." Außerdem seien es nicht nur Hochhäuser gewesen, die der Stadt Schaden zufügten.


Architekt Stirk: Auch flache Häuser können das Stadtbild ruinieren

Wie wird sich London verändern, wenn alle Entwürfe umgesetzt werden? Peter Murrays Organisation New London Architecture hat an der Store Street kleine Modelle aus Plastik ausgestellt: Funkelnde, glänzende Türmchen in allen denkbaren Formen stehen da - Kästen, Zylinder, ein knüppelförmiger Bau bei Blackfriars, ein spiralartiges Gebäude in der City sowie ein cartoonhaft absurdes Ding, genannt Walkie Talkie. (Das Walkie Talkie kam vorigen Sommer in die Schlagzeilen, als die gebogene Glasfassade des Gebäudes die einfallenden Sonnenstrahlen bündelte, auf den Gehsteig gegenüber lenkte und Fahrradsattel, Außenspiegel sowie das Dach eines Cabrios zum Schmelzen brachte.)

Lässig stehen die Türmchen da, glänzend, schlank und schön. Aber wenn man einen Schritt zurücktritt, sieht man, wieviel Hybris in all dem Glanz steckt. Viele Entwürfe wirken selbstreferentiell, wenig weist darauf hin, dass sie sich auf ihre Umgebung beziehen. Es ist ein Ego-Zirkus, der da herangezüchtet wird, als hätte ein Dompteur den Hochhäusern befohlen: Seid anders! Jeder Entwickler, jeder Architekt will ein Wahrzeichen in den Himmel setzen, aber man fragt sich, wie viele Wahrzeichen die Stadt überhaupt verträgt.


Hochhaus-Neubauten in London seit 2008 (Auswahl)

 

Graham Stirks Turm wächst am Rand des Bankenviertels in den Himmel und trägt wegen seines keilförmigen Aussehens den Spitznamen "Cheesegrater", Käsereibe. Stirk mochte den Namen anfangs nicht, aber inzwischen hat er begriffen, dass ein Spitzname Wertschätzung ausdrücken kann. Noch bevor der erste Mieter einzog, wählten die Londoner die Käsereibe auf Platz 3 der beliebtesten Hochhäuser, hinter der Gurke und dem Shard. Es ist eines der wenigen Bauwerke, das mit seinem Umfeld in Beziehung tritt.

Das Planungsamt hatte dem Architekten zur Auflage gemacht, dass das Gebäude nicht direkt über die Kuppel von St. Paul's ragen darf, wenn man von der Innenstadt nach Osten blickt. Stirk konnte keinen hohen, senkrechten Kasten in das Bankenviertel stellen, der die Blickachse dominieren und die Kathedrale von hinten verschlucken würde. Er musste sich etwas einfallen lassen. "Ich mag Beschränkungen, weil man Ideen entwickeln muss, um sie zu überwinden", sagt er.


Stadt-Silhouette


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Waterloo Bridge North bei Tag, vor einigen und in einigen Jahren


Waterloo Bridge North bei Nacht, vor einigen und in einigen Jahren


Das Profil von Stirks Gebäude hat die Form eines rechtwinkligen Dreiecks, dessen lange Seite sich von St. Paul's wegneigt und damit die Sichtachse von der Fleet Street nach Osten freiräumt. Für Stirk war der Planungsprozess eine Übung in Geduld; von der ersten Idee bis zum Einzug der Mieter in das Gebäude dauerte es 14 Jahre. Noch vor drei Jahren glaubte er, das Projekt sei tot.

Die Entstehung seines Gebäudes zeigt auch, wie langwierig Planungsverfahren in London sein können. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Baukosten immens sind - weit über 300 Millionen Pfund kostete Stirks Turm. Außerdem muss sich ein Architekt mit den widerstreitenden Interessen von Bezirksverwaltungen, Lokalpolitikern und Anwohnern herumärgern. Und nicht selten springen Investoren ab, ändern ihre Wünsche oder reduzieren später das Budget - ganz abgesehen von den Einwänden der Denkmalschützer. Es gibt unzählige Hürden auf dem Weg zu einem vollendeten Projekt, auch das macht die Stadt einzigartig kompliziert. In London ein Hochhaus zu bauen sei "wie Tennis gegen einen unsichtbaren Gegner zu spielen", sagt der Architekt David Chipperfield.

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