Hochhaus-Boom So wird London umgebaut

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IV. Zerstörung: Der Kampf um die Seele einer Stadt


I. Auferstehung: London im Höhenrausch
II. Das Kapital: Wer das Wachstum befeuert
III. Glanz und Hybris: Die Designer des Booms
IV. Zerstörung: Der Kampf um die Seele einer Stadt

IV. Zerstörung

Der Kampf um die Seele einer Stadt

Zur Begrüßung sagt Nigel Barker: "Eigentlich bin ich gar nicht gegen Hochhäuser." Dann bittet er in sein Büro, das wenig größer ist als eine Abstellkammer.

Barker arbeitet bei der Denkmalschutzbehörde English Heritage, die in einem ehemaligen Versicherungsgebäude aus dem 19. Jahrhundert untergebracht ist, im Londoner Stadtteil Holborn. Auf seinem Schreibtisch landen alle großen Bauvorhaben der Stadt. Und auch wenn er und seine Leute im Vorfeld von Großprojekten nur eine beratende Funktion haben, werden sie von Architekten, Investoren und Entwicklern gefürchtet, von den Fans des Wachstums.

Nigel Barker ist in dem großen Höhenrausch derjenige, der auf die Bremse tritt. Wenn er knurrt, zieht sich der Planungsprozess in die Länge, im schlimmsten Fall kommt es zu einer öffentlichen Anhörung. Ein "obskurer Mönchsorden" sei die Behörde, sagte ein früherer Bürgermeister, ein Stadtplaner nannte sie die "Taliban des Denkmalschutzes". Barker sagt: "Wir werden hier als die Gegner des Fortschritts gebrandmarkt."

Vergangenes Jahr beteiligte sich English Heritage in London an 1771 Planungsverfahren für Neubauten in der Stadt. Barker schreitet zum Beispiel dann ein, wenn ein Hochhaus das optische Umfeld eines historischen Gebäudes zu zerstören droht.

Kreuz und quer durch die Stadt ziehen sich mehr als ein Dutzend definierter Sichtachsen, die unverstellt bleiben müssen: der Blick vom Gipfel des Primrose Hill nach Südosten zur St.Paul's-Kathedrale beispielsweise ...

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.. oder von der Serpentine-Brücke im Hyde Park zum Palast von Westminster.

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Barker wehrt sich dennoch oft erfolglos gegen Investoren und Entwickler. Auch den Shard wollte er verhindern, weil dessen Spitze aus der Kuppel von St. Paul's zu wachsen scheint, wenn man von Nordwest-London auf die Kathedrale schaut. "Der Shard steht falsch", sagt Barker. Am Ende wurde der Turm dort gebaut, wo ihn der Entwickler haben wollte.

Hochhäuser werden in London ungefähr so hitzig diskutiert wie Atomkraftwerke. Das liegt auch daran, dass die Mieten und Kaufpreise für Wohnungen in den vergangenen Jahren in wahnwitzige Höhen kletterten und die Stadt für Menschen mit einem durchschnittlichen Einkommen fast unbezahlbar geworden ist. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Camden kostet im Monat derzeit ungefähr 2300 Euro Miete. Viele Londoner ärgern sich darüber, dass die Apartments in etlichen Neubauten nur Geldanlagen für Millionäre sind. Barker sagt, das Kapital verändere London dramatisch, seine Behörde könne aber wenig dagegen tun. Vor allem Investoren aus dem Ausland kümmere es wenig, welchen Einfluss ihre Gebäude auf die Skyline haben.


Denkmalpfleger Barker: Viele Bauherren verstehen unsere Kultur nicht

Inzwischen schalten sich auch prominente Kritiker in den Hochhaus-Streit ein. Im Frühjahr starteten Künstler, Politiker, Architekten und Autoren mit einem offenen Brief eine Kampagne, um die Stadt vor den schlimmsten Bausünden zu schützen. "Die Skyline ist außer Kontrolle", schrieben sie. Keines der geplanten Gebäude löse das Wohnungsproblem. Die Unterzeichner fordern eine öffentliche Kommission, die Neubauten in der Planungsphase auf ihre Ästhetik hin prüfen und die Silhouette der Stadt so gut es geht bewahren soll.

Auch Prinz Charles, der nie ein großer Fan moderner Architektur war, hat sich eingemischt. In einer Studie seiner Stiftung kritisiert er die kurzsichtige, auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Stadtplanung in London. Charles nennt auch Metropolen, in denen die urbane Entwicklung besser funktioniert, Paris und Berlin zum Beispiel, wo die Bauvorschriften strikter sind und härter durchgesetzt werden. Der Prinz schlägt für London daher vor: "Es müsste der niedrige Wohnblock gefeiert werden." Man solle die Bebauung im Zentrum und an den Transportkorridoren verdichten, Brachflächen mit Gebäuden füllen und Sozialsiedlungen modernisieren. Denn die Stadt braucht Platz, in nicht allzu ferner Zukunft werden hier zehn Millionen Menschen leben.


Bevölkerungsentwicklung im Großraum London seit 1801
in Millionen Einwohnern


Im Moment gibt es allerdings nur wenige Anzeichen dafür, dass sich der Höhenrausch bremsen lässt. Großbritannien erholt sich gerade von der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, und zumindest in London fließen die Milliarden wieder, aus China, Russland, vom Persischen Golf. Das Geld wird der Stadt ein neues, glänzendes Gesicht verleihen, man wird sie bald nicht wiedererkennen.

London, die alte Lady, lässt das mit sich geschehen.

Mitarbeit:

Recherche: Merja Krezdorn und Christina Hofstatter
Videos: Andrea Artz, Andrew Testa, Christina Hofstattern, Rosa Thoneick
Layout und Programmierung: Guido Grigat
Bildrecherche: Andrea Whittaker, Jens Ressing
Koordination: Jule Lutteroth, Thorsten Dörting, Rosa Thoneick


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