Hochhaus-Boom So wird London umgebaut

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I. Auferstehung: London im Höhenrausch
II. Das Kapital: Wer das Wachstum befeuert
III. Glanz und Hybris: Die Designer des Booms
IV. Zerstörung: Der Kampf um die Seele einer Stadt

Auferstehung

London im Höhenrausch


Was in London geschieht, hat mit normalem Immobilien-Irrsinn nichts mehr gemein: Mehr als 200 neue Hochhäuser sollen im Zentrum entstehen - etliche Entwürfe sind misslungen. Verliert die Stadt ihre Seele?

Von Christoph Scheuermann

Irgendwann gegen sieben wachen die Maschinen auf. Steinsägen, Trennschleifer, knurrende Schlagschrauber, die handtellergroße Muttern an Stahlträgern festziehen. Ihr Lärm legt sich jeden Morgen wie die Symphonie eines Wahnsinnigen über London. Später rumpeln Kieslaster, Betonmischer und Schwertransporter durch die Straßenschluchten. Nicht mehr die Rolling Stones, Oasis oder Fatboy Slim produzieren die Musik dieser Stadt. Der Londoner Sound kommt jetzt von Baumaschinen.

Es ist nicht der normale Immobilien-Irrsinn einer Metropole, der hier hörbar und sichtbar wird. In London findet gerade eine architektonische Umwälzung statt, wie sie in der Geschichte dieser Stadt seit Jahrhunderten nicht mehr vorkam. 236 neue Hochhäuser werden im Moment gebaut oder sind in Planung, davon etwa ein Fünftel 160 Meter oder höher. London steckt im Höhenrausch. Wenn auch nur ein Teil dieser Pläne verwirklicht wird, wird sich die Skyline so radikal verändern wie seit 1719 nicht mehr, als die St.Paul's-Kathedrale ihre Kuppel aufgesetzt bekam.

Die Londoner Skyline: Der Blick auf Vauxhall
Ziehen Sie den Schieber oder tippen Sie die Ansichten, um sie zu vergleichen.

Vauxhall Island Towers (1), New Bondway (2), Sainsbury's Nine Elms (3), Market Towers (4), New Covent Garden Market Northern Site (5), Vauxhall Square (6), New Covent Garden Apex Site (7), Embassy Gardens (8), US Embassy (9)

Das an sich wäre nicht schlimm, aber viele Entwürfe für die neuen Gebäude sind einfallslos, hässlich oder fallen aus ihrer Umgebung. Außerdem wird ein beträchtlicher Teil der neuen Baumasse aus Luxuswohnungen bestehen, in die reiche Russen, Chinesen oder Ölmillionäre vom Persischen Golf investieren. Allmählich mutiert die Stadt zu einer Immobilien-Bank, in der das obere eine Prozent der globalen Geldelite sein Vermögen in Häusern und Apartments parkt. In eine Heimat für die Superreichen.

Soll sich London derart verändern? Dürfen Investoren so viel Macht über das Antlitz der Stadt bekommen? Was geschieht mit einer Metropole, wenn 236 Türme aus Stahl und Glas in ihr landen?

Kann eine Stadt ihre Seele verlieren?

Im Zentrum der Hochhaus-Debatte steht ein eher niedriger Mann, 70 Jahre alt, Brite, mit einer Vorliebe für Strickkrawatten. Er heißt Peter Murray und ist Vorsitzender der Organisation New London Architecture, die Ausstellungen und Podiumsdiskussionen zum Thema Städtebau veranstaltet. Murray war der Erste in der Stadt, der im Frühjahr auf die vielen Türme hinwies. Kein Politiker, kein Bauherr kam vor ihm auf die Idee, dass 236 Wolkenkratzer ein Problem sein könnten, und dass die Einwohner darüber diskutieren sollten.

Peter Murray ist nicht gegen Hochhäuser, er ist gegen hässliche Hochhäuser. Für ihn ist die Debatte um die Zukunft der Stadt vor allem eine Frage der Ästhetik.


Architekturkritiker Murray über den Wandel seiner Stadt


Murray sagt, die Bürger hätten ein Recht darauf, über die Entwicklung ihrer Umgebung mitzubestimmen. Es geht ihm um Demokratie, nicht um Blockade. London sei deshalb über Jahrhunderte so lebendig geblieben, weil die Stadt für Veränderungen offen sei, auch wenn nicht allen Bürgern jede Neuerung gleichermaßen gut gefiel.

Vor Kurzem hat das University College in Zusammenarbeit mit der Universität Cambridge, dem Archäologie-Museum und English Heritage in einer aufwendigen Animation das Wachstum der Stadt von den Römern bis heute simuliert - das Einzige, was es in London nie gab, war Stillstand.

London ist die komplizierte alte Lady unter den Metropolen. Sie hat die Pest überstanden, Feuersbrünste, deutsche Bomben und Raketen, den Terror der IRA. Vermutlich wird sie sogar die große Landnahme der Makler und Spekulanten überleben. Trotzdem übte sie sich, im Gegensatz zu New York oder Hongkong, in Bescheidenheit. Wenige Gebäude in der Innenstadt sind höher als sechs oder sieben Stockwerke, am Stadtrand wachsen viele Häuser nur zwei oder drei Etagen in die Höhe. Die Protzerei mit Wolkenkratzern überließ man den anderen.

Das alte London in Bildern

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Eine sehr frühe Stadtaufnahme von London: Dieses Bild gilt als das erste jemals aufgenommene Foto eines Flusses, von 1841. Zu sehen ist die Themse, einige Schiffe und im Hintergrund Westminster Abbey. Der Palast von Westminster fehlt auf dem Bild, er wurde 1834 durch ein Feuer weitgehend zerstört. Der Turm von Big Ben entstand erst 1858.

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Eine Zeichnung von London, 1850: Zu sehen sind im Vordergrund Westminster Abbey mit ihren Doppeltürmen, das Parlamentsgebäude auf der rechten Seite und links der St. James' Park. Damals war London eine zweidimensionale, fast bescheidene Stadt. Die Vertikale war der Huldigung Gottes vorbehalten - nur die Spitzen der Kirchtürme ragen in die Höhe.

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Die Aufnahme von der Londoner Fleet Street stammt aus einer Sammlung des Fotografen George Washington Wilson. Wann dieses Bild entstand, ist nicht genau bekannt. Wilson lebte zwischen 1823 und 1893, im Jahr 1873 wurde er als Fotograf für Königin Victoria verpflichtet. Auf der rechten Seite ist ein großes Pferdefuhrwerk zum Transport von Passagieren zu erkennen - ein früher Omnibus. Im Hintergrund thront die Kuppel von St. Paul's.

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Blick vom Victoria Embankment nach Osten. Im Hintergrund ist die St. Paul's Kathedrale zu erkennen, erbaut von dem Kirchen-Architekten Christopher Wren. Das Bild stammt von 1887.

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Die Cannon Street Railway Bridge und dahinter die Southwark Bridge in London, 1892. Der Zeichner hat eine Perspektive vom Südufer der Themse gewählt, mit Blick nach Nordwesten.

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Dies Foto entstand 1894 während der Feierlichkeiten zu Eröffnung der Tower Bridge in London. Die weltberühmte Brücke ist auf dem Bild allerdings nicht zu sehen, stattdessen aber die Schiffsparade, die vor dem Tower passierte.

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Eine Schiffsparade auf der Themse, circa um 1900, im Hintergrund die Tower Bridge

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Schiffe auf der Themse, im Hintergrund ist die Tower Bridge zu sehen. Das Foto wurde im Jahr 1920 aufgenommen.

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Segel und Dampfschiffe auf der Themse, und im Hintergrund die Tower Bridge. In welchem Jahr dies Bild entstand, ist nicht bekannt.


Inzwischen ist ein Krieg zwischen Befürwortern und Gegnern um die Frage ausgebrochen, ob es gut und sinnvoll ist, dass sich die Stadt derart radikal nach oben ausdehnt. Auf der einen Seite stehen Architekten, Immobilienentwickler und Politiker. Sie sagen, dass London die Investitionen und den Wohnraum braucht, um zu blühen. Auf der anderen Seite stehen Denkmalschützer, Anwohner und Prinz Charles. Sie sagen, dass London auf Hochhäuser gut verzichten kann, auch wenn die Zahl der Einwohner bald die Zehn-Millionen-Marke überschreiten wird.

Während die Londoner noch diskutieren, wachsen die Türme auf den unzähligen Baustellen. Fundamente werden gegraben, bestehende Hochhäuser werden aufgestockt. Und die Maschinen-Symphonie geht weiter.

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