Menschenverwahrung Anders wohnen

Wie wirkt es sich auf die Laune der Menschen aus, wenn Wohnraum immer knapper, teurer - und hässlicher wird?

Moderne Architektur in Oslo (Symbolbild)
imago/ Westend61

Moderne Architektur in Oslo (Symbolbild)

Eine Kolumne von


Eine kleine Pause in der erregten Berichterstattung. Lassen Sie uns nicht darüber reden, dass Menschen unverständliche Dinge tun, sondern woran es liegen kann, das sie mitunter so unangenehm sind. Der Mensch formt seine Umgebung, die Umgebung formt den Menschen. Meist ein Perpetuum des Grauens. Oft demonstrieren Gebäude klischeeverstärkende Realität: die Eleganz vieler italienischer Menschen, die solide quadratische Durchschnittlichkeit in Deutschland und der Schweiz. In der Schweiz noch ein wenig besänftigt durch grandiose Natur. Manchmal. Doch meist sieht man die Mehrzahl der Gebäude, die heute entstehen, der Effektivität und den größtmöglichen Gewinnaussichten für die Bauherren folgen.

Natürlich irgendwie ökologisch, aber nicht zu sehr, nicht so sehr, dass man hängende Gärten errichten wollte. Man polstert einfach viereckige Kästen gut ab. Setzt luftdichte Fenster in die Boxen ein, nicht zu groß, wegen des Energieverlusts. Und natürlich - nach innen gezogene Balkone, raunend Loggien genannt, auf denen der Mensch seine Neigung zum Hass auf alle Lebensformen außerhalb seiner selbst ausleben kann. Innen, die Standardausführung geschmacklicher Inkompetenz - offene Küche, Ausdruck technokratischer Wegrationalisierung von Raum.

Wer will denn Zwiebelgeruch und Krautdämpfe im Salon, in dem Raum, der früher einmal dem Lesen von Büchern, Kaminfeuer und sanfter Musik vorbehalten war? Überall zu heller Holzboden, die sogenannte Wohnküche, zwei kleine Kammern zum Sterben, Duschen mit Glaswänden, damit man den Partner nackig betrachten kann durch die Kalkflecken am Glas.

Da kommen dann Möbel rein, die aussehen, als ob Kinder Einrichten spielen. Irgendwelches Zeug, mit dem keinem wohl ist. Ein Sofa muss da rein, die Wohnungen sind um Küchen und das normierte Sitzgeschwür entworfen, um diese möbelgewordene, komplette Ratlosigkeit. In diesen Kästen sitzen dann Bewohner, die das Wohnen nachstellen, deren Füße nie auf den Boden reichen, wenn sie um ihren Esstisch sitzen.

Effiziente Menschenverwahrungsboxen

Jetzt riecht doch alles so schön neu, warum stellt sich da kein Glück ein? Jetzt haben wir Fußbodenheizung und Zwangsbelüftung und denken nur an Leute in armen Ländern, wie sie diesen Betonpalast bejubeln würden, und wir sitzen hier und es zieht und wir sehen Nachbarn im Fahrstuhl und hassen sie, weil die nach innen gezogenen Loggien, die uns Privatsphäre versprochen haben, das Gefühl verstärken, allein auf der Welt zu sein, und was wollen dann die Fremden in unserem Fahrstuhl, in unserem Land?

Die Gebäude, die meisten, die heute entstehen, sind zweckdienliche Zweckbauten, dem Zweck der Unterbringung von Konsumenten geschuldet, und formen den Menschen der Jetztzeit, der kontaktgestört durch ein Leben eiert, in dem Überleben das höchste Gut ist, Mittelmaß der Status quo, denn alles, was aus dieser Mitte ragt, wird vom Schnitter erwischt. Die neuen, in jeder Hinsicht effizienten Menschenverwahrungsboxen sind Ausdruck einer an Verachtung grenzenden Lieblosigkeit.

Was gibt es für ein Land praktischeres als saubere, gut verstaute, mittelmäßige Menschen, die Angst vor dem Verlust ihrer Fußbodenheizung haben, und keine Vision davon, was Schönheit sein könnte, wie ein Leben sein könnte, in einem wohlhabenden Land, immer noch wohlhabend, in unserer westlichen Welt.

Heute, da es die meisten Menschen nicht mehr benötigt, die scheinbar müde darauf warten, endlich von Maschinen abgelöst zu werden. Als Provisorium vor unserem Verschwinden stehen sie nun da. Die gebauten Notlösungen, die mit sich die Lieblosigkeit, die Unwichtigkeiten des Lebens symbolisieren, das nur verwahrt und beschäftigt werden muss, bis etwas Neues kommt. Das keine Häuser mehr benötigt.

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insgesamt 69 Beiträge
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wizzbyte 01.09.2018
1. Erst kommt das Wohnen ...
dann die Wohnmoral, denn für drei Groschen gibt es nur 1/600hundertstel eines WG Zimmers
spreepirat 01.09.2018
2. Frau Berg, wo leben Sie denn? Gehen Sie doch einfach woanders hin..
Im Durchschnitt verfügt jeder Bewohner Deutschlands im Jahr 2016 nach dem Umweltbundesamt über fast 47qm Wohnfläche. Die durchschnittliche Wohnung in Deutschland ist gut 92 qm groß. In den Städten etwas weniger, auf dem Land mehr. In den Städten kostet das Wohnen trotzdem mehr, dafür ist mehr los und es gibt mehr attraktive und besser bezahlte Arbeitsplätze. Auf dem Land stehen dagegen massig Wohnungen leer, die Preise sind im Durchschnitt sehr niedrig. Aber es gibt weniger Arbeitsplätze. Wenn es Sie aufregt, irgendwo zu leben, wo alle hinwollen und deshalb die Nachfrage dafür sorgt, dass auf wenig Raum viele kleine Wohnungen errichtet werden, gehen Sie doch einfach weg. Es gibt genug Plätze in Deutschland, wo Sie in grossen Wohnungen und Häusern spottbillig wohnen können. Das würde auch in den attraktiven Städten den Druck mildern, alles mit Schrott (da haben Sie recht) zubauen zu müssen.
Lykanthrop_ 01.09.2018
3.
Was heute entsteht sind Plattenbauten in der de Luxe Version. Kantig-Klotzig-Gut. Dabei hab ich nichts gegen Wohneffizienz, doch diese Wohneffizienz hilft nur die Rendite zu erhöhen und nicht den Wohnraumbedürftigen. Besser Verwahrungs-Box, als Straße.
MisterD 01.09.2018
4. Mit Durchschnitten zu arbeiten ist unseriös...
wenn 9 Personen auf 50qm leben und 1 Personen auf 1.550qm, dann liegt der Durchschnitt bei 200qm. Problem erkannt?
jula75 01.09.2018
5. Genau!
Häuser aus Fertigbetonteilen mit Fenstern, die schmal und bis zum Boden reichend aussehen wie Schießscharte. Eingeklemmt zwischen Bahntrasse und vierspurigem Autobahnzubringer für 1500 Euro kalt, wenn man 4 Zimmer braucht. Realsatire in meiner Heimatstadt.
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