Wohnraum-Initiative in Hamburg Frö-hö-licher Leerstand überall...

Es ist der wahrscheinlich größte Adventskalender der Republik: Die Besetzer des Hamburger Gängeviertels haben 24 Türen zu ungenutzten Gebäuden geschmückt - zum Auftakt ihres Protest-Projekts "Leerstandsmelder". Das Online-Tool soll eine Art Social Network gegen Immobilienspekulation werden.

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Leerstandsmelder.de

Sie kamen mit Rauschebart, rotweißer Robe und Weihnachtsschmuck. Sie brachten große rote Punkte an den Türen an, versehen mit weißen Ziffern - und verschwanden wieder. "Leerstandsmelder" nennen sich die anonymen Dekorateure. Sie haben brachliegende und verwaiste Gebäude in Hamburg in den größten Adventskalender der Republik verwandelt. 1 bis 24, verteilt über die ganze Stadt. Jeden Tag bis Heiligabend präsentieren die Aktivisten auf ihrer Website einen neuen Leerstand. Die 24 Türen, Tore und Gatter, so schreibt die Initiative, "fordern symbolisch auf, endlich wieder geöffnet zu werden", schreiben die Macher in einer Pressemitteilung. Der Hintergrund: Während preiswerte Wohn- und Arbeitsräume in Hamburg Mangelware sind, stehen rund 1,2 Millionen Quadratmeter Büro- und Gewerbefläche leer. Darunter auch Dutzende in städtischen Gebäuden, die zum Teil denkmalgeschützt sind und verkommen.

Hinter der Aktion stecken Hamburgs bekannteste Leerstands-Experten: Die Aktivistinnen und Aktivisten von "Komm in die Gänge", die im August 2009 die zwölf baufälligen Gebäude des Gängeviertels besetzten, die Stadt zum Rückkauf des historischen Hafenarbeiter-Quartiers bewegten und damit den Abriss verhinderten. Mit dem "Leerstandsmelder" haben sie nun ein einfach zu handhabendes Webtool online gestellt: Eine simple Eingabemaske, in die User Informationen über das Gebäude, seine Geschichte und seine Eigentümer stellen können - schon markiert auf der "Google Maps"-Karte ein rotes Tröpfchen die beklagenswerte Unternutzung.

Immobilien-Selbsthilfe gegen Leerstand

Eine "Stadtentwicklungs-Initiative" nennen die Gängeviertel-Aktivisten ihre Website - und sie sind nicht die ersten, die auf den Gedanken gekommen sind. Die Idee eines Social Network für Immobilien-Selbsthilfe scheint in der Luft zu liegen. Schon Anfang August ging der Freiburger "Leerstandsmelder" ans Netz, im Oktober folgte Düsseldorf: Das Netzwerk "Freiräume für Bewegung", ein Zusammenschluss von über 70 Kulturinstitutionen und stadtpolitischen Initiativen, launchte ihren "Leerstandsmelder", um "den skandalösen Leerstand bei gleichzeitig 20.000 Wohnungssuchenden und rund 4000 Obdachlosen in der reichen Metropole am Rhein" aufs Korn zu nehmen. "Unser Stadtplan war in wenigen Tagen voll mit Einträgen", sagt Anna-Lena Dießelmann von "Freiräume für Bewegung". "Die Leute sind offensichtlich begeistert darüber, dass sie hier Informationen über brachliegende und leerstehende Gebäude zusammentragen können."

Auch der Hamburger Leerstandsmelder kann sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen: Über 90 Einträge verzeichnete die Website schon am ersten Tag. Ein ehemaliges Hertie-Kaufhaus, eine stillgelegte Schnapsfabrik, ein einstiges Polizeirevier, und südlich der Elbe stehen gar rund 50 Häuser leer, die die Stadt einst in der Einflugschneise des Airbus-Werks aufgekauft hat. User "miel" fühlt sich an "die Kulisse einer verlassenen Westernstadt" erinnert und konstatiert: "Schönster Wohnraum verrottet." Sogar eine Villa mit Alsterblick findet sich auf der Website. "Vermute, die Erbengemeinschaft streitet sich bis heute um die Millionen", kommentiert Userin "Tina". Vermutungen, ungesicherte Informationen und Gerüchte sind ausdrücklich erlaubt: Jeder soll sich trauen können, Leerstand zu melden - für detailliertere Informationen setzt man auf die Schwarmintelligenz der Stadtbewohner, ähnlich wie bei Wikipedia.

Eigentümer am Pranger?

"Vom Vermieter nicht gemeldeter Leerstand? Nicht mehr lange!" heißt es kernig auf der Website. Torsten Flomm, Geschäftsführer des Grundeigentümer-Verbandes Hamburg, findet die Website eigentlich "ganz lustig" - mit einer Einschränkung: "Sollte hier das Internet missbraucht werden, um einzelne Eigentümer an den Pranger zu stellen, sind wir selbstverständlich dagegen." Und dass die mit den Leerständen verbundenen Vorhaben durch die Website zur öffentlichen Angelegenheit werden? "Wenn ich für mein Objekt eine bestimmte Planung habe, dann kann das natürlich nicht durch irgendeine Bürgerinitiative zur Disposition gestellt werden", kommentiert Flomm.

Genau das aber ist natürlich die Absicht des Web-Projekts: Man wolle dabei "helfen, konstruktive Ideen zum Umgang mit der Leerstandssituation zu entwickeln und auszutauschen", heißt es höflich. Deutlicher drückte es ein Aktivist zum Auftakt des Leerstand-Adventskalenders aus: "Es geht darum, der Macht der großen Immobilientrusts einen Riegel vorzuschieben." Dem Gängeviertel-Team geht es dabei um billigere Wohnungen, aber auch um günstige Räumlichkeiten für kreative Unternehmen. Unter dem Motto "Günstiger Gewerberaum selbstgemacht" verhüllten die Protestler am Mittwoch einen leerstehenden Gewerbehof in Altona, der demnächst zugunsten hochpreisiger Mietwohnungen abgerissen werden soll. Statt "wieder bloß die Raumnot der Besserverdienenden zu lindern" forderten sie eine "günstige Produktions- und Arbeitsstätte mit Werkstätten, Büros, sozialen Trägern, Handwerkern und Kleingewerbe."

Bezahlbare innerstädtische Arbeitsräume? In Deutschlands großen Metropolen zunehmend ein rares Gut - nicht zuletzt deshalb werden brachliegende Gebäude ja zum Aufreger. Die Stadt Hamburg hat mittlerweile eine städtische " Kreativgesellschaft mbH" gegründet, die sich unter anderem darum kümmern soll, die Zwischennutzung von leerstehenden städtischen und privaten Immobilien zu ermöglichen. Allerdings nur für "Akteure der Kreativwirtschaft", wie es auf der Website heißt. Sprich: Werber, Architekten, bildende Künstler oder Theatergruppen sollen bedient werden, Autoschrauber oder Handwerker gehören "nicht zu unserem Beritt", wie Mitarbeiterin Kirsten Bätzing erklärt. Mit dem derzeitigen Angebot an nutzbaren Leerständen könne man die eingehenden Anfragen bei weitem nicht decken, so Bätzing. Dennoch will die städtische Kreativgesellschaft noch vor Weihnachten ebenfalls mit einer Datenbank online gehen: In der können Grundeigentümer den "Kreativen" Mietangebote zur Zwischennutzung anbieten. Für die "Leerstandsmelder"-Initiatoren keine Alternative: "Die besten Leerstandsobjekte werden bei uns stehen", erklärt eine Gängeviertel-Aktivistin. "Nämlich die, die die Eigentümer nicht rausrücken wollen!"

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Fabian G, 02.12.2010
1. sehr gut!
Zitat von sysopEs ist der wahrscheinlich größte Adventskalender der Republik: Die Besetzer des Hamburger Gängeviertels haben 24 Türen zu*ungenutzten*Gebäuden geschmückt - zum Auftakt ihres Protest-Projekts "Leerstandsmelder". Das Online-Tool soll eine Art Social Network gegen Immobilienspekulation werden. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,731691,00.html
sehr gut! wird zwar keine konsequenzen haben, aber immerhin wirds sichtbar!
MikeNaeheHamburg 02.12.2010
2. Sehr nett
Man kann immer wieder staunen, was in Hamburg alles so leer steht oder auch an Wohnraum zweckentfremdet wird. Ich befürchte nur, dass das Melden von freien Gewerbeflächen nicht viel bringen wird. Die Abschreibungsmöglichkeiten sind scheinbar dermaßen unterschiedlich, dass ein Besitzer einer Gewerbeimmobilie, der plant diese in eine Wohnimmobilie umzuwandeln, kräftige Probleme mit dem Finanzamt bekommen wird. Und deftig nachzahlen müsste. Dagegen helfen weder guter Wille noch „bessere Rahmenbedingungen“.
Traumflug 02.12.2010
3. .
1.200.000 qm / 20.000 Wohnungssuchende macht 60 qm / Wohnungssuchende(r). Reicht dicke. Zu besseren Rahmenbedingungen würde natürlich auch gehören, dass das Finanzamt nicht plötzlich mit unbezahlbaren Forderungen um die Ecke kommt. Beispiel: Eine Halle im Wert von 100.000 Euro wird für 10.000 Euro zu Wohnraum umgebaut und wird danach mit einem Verkehrswert von 200.000 Euro bewertet. Schon im gleichen Jahr wird der Eigentümer Einkünfte in Höhe von 90.000 Euro versteuern müssen, ohne dass ein einziger Euro auf seinem Konto gelandet wäre. Von den Umbaukosten mal ganz abgesehen. Eine Steuerschuld von 20.000 - 50.000 Euro schüttelt nicht jede(r) aus dem Ärmel.
sermon orakel 02.12.2010
4. ...wenn kein Ertrag, dann voll in die Kosten ( natürlich konsolidiert ), oder ?
Zitat von sysopEs ist der wahrscheinlich größte Adventskalender der Republik: Die Besetzer des Hamburger Gängeviertels haben 24 Türen zu*ungenutzten*Gebäuden geschmückt - zum Auftakt ihres Protest-Projekts "Leerstandsmelder". Das Online-Tool soll eine Art Social Network gegen Immobilienspekulation werden. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,731691,00.html
[QUOTE=sysop;6722648]Es ist der wahrscheinlich größte Adventskalender der Republik: Die Besetzer des Hamburger Gängeviertels haben 24 Türen zu*ungenutzten*Gebäuden geschmückt - zum Auftakt ihres Protest-Projekts "Leerstandsmelder". Das Online-Tool soll eine Art Social Network gegen Immobilienspekulation werden. ...na also, wozu sind denn umbaute Räume da ? Zur Nutzung, oder ? Da natürlich die Rendite von der Finanzierung ( Banken ) und solventen Mietern ( prosperierenden Firmen ) abhängt in den letzten Jahren ( gewerblich...) , kann man es eigentlich mit Tomaten vergleichen, die vernichtet werden in der EU um den Preis für ein Gut nicht zu verringern und somit den Nutzen ( praktisch ) gen Null zu treiben um Abschreibungen oder Kosten letztendlich geltend zu machen. Ist eigentlich Zweckentfremdung oder ?
felice4077 02.12.2010
5. ...
Schön und gut - aber eigentlich müsste doch mal hinterfragt werden, mit welcher Legitimation dieses Leerstandsweihnachtsmänner meinen, Eigentümer zu einer bestimmten Nutzung ihrer Gebäude drängen zu dürfen/können/müssen.
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