Wolf Biermann über den Bombenkrieg "Wir sind durchs Feuer gelaufen"

Der SPIEGEL-Redakteur und Buchautor Volker Hage sprach mit dem Liedermacher Wolf Biermann über seine Erlebnisse im Hamburger Feuersturm am 24. Juli 1943.


Feuersturm-Überlebender Biermann: "In der Hölle ist es laut, nicht nur heiß"
Manfred Witt / DER SPIEGEL

Feuersturm-Überlebender Biermann: "In der Hölle ist es laut, nicht nur heiß"

Herr Biermann, Sie haben als Kind die schweren Luftangriffe auf Hamburg im Sommer 1943 überlebt. Ihr Vater war als Jude und Kommunist im KZ ermordet worden, Sie saßen mit der Mutter im Luftschutzkeller. Mit welchen Gefühlen mag Ihre Mutter das durchlitten haben?

Wolf Biermann:

Meine Mutter freute sich über die Bombenangriffe, weil auch sie Kommunistin war - und weil nicht allein mein Vater, sondern unsere gesamte jüdische Familie ermordet worden war. Die alliierten Bomber waren unsere Freunde, wie man es kindisch sagt: unsere Verbündeten, die uns befreien sollten, von den Nazis.

Sie haben es geschafft, aus diesem Inferno herauszukommen. Gibt es direkte Erinnerungen? Mögen Sie das noch einmal ausführlich erzählen?

Biermann: An diese eine Nacht kann ich mich grauenhaft gut erinnern! Alles vorher ist weg, alles nachher ist weg. Diese Nacht aber ist im wahrsten Sinne des Wortes eingebrannt in mein Gedächtnis. Ich war ja erst sechseinhalb, aber es ist nie gelöscht worden, in meinem kleinen Computer hier. Natürlich auch deswegen nicht, weil es immer wieder aufgefrischt wurde. Sowas erzählt man. Sowas wird in der Familie immer wieder erzählt, das wird Freunden erzählt. Und wenn man eine Geschichte so oft erzählt, kann es natürlich passieren, daß sie auch abgefälscht wird, ohne dass man es merkt, ohne dass man es will. Aber ich kann Ihnen nur das liefern, was ich im Gehirn habe. Und ich glaube, es ist - trotz der langen Zeit - noch ziemlich authentisch.

In der ersten Nacht brannte unser Haus noch nicht ab, sondern nur die Häuser rundum. Unser Haus stand da noch wie ein einzelner Zahn im Gebiß. Wir saßen dann in der nächsten Nacht wieder im Bombenkeller unter dem Haus, und nun brannte auch unser Haus. Über uns der Weltuntergang! Und im Keller saßen die Leute wie die Tiere, es war bald klar, dass wir nicht mehr rauskommen, weil die Glut schon die Kellertreppe herunterkroch. Mit einer Spitzhacke wurde also ein vorbereiteter Durchbruch aufgeschlagen, der nur einen halben Ziegelstein stark war: zum Nachbarhaus, das ja schon abgebrannt war - zum Glück! Und dann krochen die Leute - einer nach dem anderen - mit irgendwas, was sie gerade noch erwischten, durch dieses Loch in der Brandmauer zum Nachbarhaus und verschwanden.

Ich saß da allein mit meiner Mutter. Die saß wie angenagelt, ich weiß auch nicht warum; ich habe sie nie danach gefragt. Die saß da gelähmt oder aus Klugheit - denn in so einer Panik macht man sowieso immer alles falsch. Weggehen ist falsch: Man läuft in den Tod. Dableiben ist falsch: Der Tod kommt zu einem. Niemand ist rational in so einer Situation. Ich aber war es praktisch schon: Ich habe nämlich meinen kleinen Kopf in den Mantel von meiner Mutter gedrückt, in ihren Schoß und konnte so Luft holen; die Luft war kaum noch zu atmen sonst.

Dann wurde wohl auch meiner Mutter klar, dass wir da verbrennen würden. Sie nahm mein kleines Lederköfferchen, wo unsere Papiere und ein paar Fotos von meinem Vater drin waren, der ein paar Monate vorher in Auschwitz durch den Feuerofen gegangen war, als Jude, als Kommunist. Und mir drückte sie ein kleines Eimerchen in die Hand. Ein Aluminiumeimerchen mit einem Deckel, da war Mirabellenkompott drin. Das hatte meine Mutter gekocht. Und ich habe das Eimerchen genommen, und dann sind wir da raus. Wir krochen durch den Keller. Niemand war mehr da. Eine unglaubliche Geräuschkulisse! Es ist eben die Hölle, es ist das Höllenfeuer. In der Hölle ist es laut, nicht nur heiß. Der Feuersturm brüllt!

Wir kamen zwar aus dem Nachbarhaus raus, auf den Hinterhof, aber von dort aus nicht auf die Straße. Es gab aber keinen anderen Weg. Also sind wir - nicht metaphorisch gesprochen, sondern wirklich - durch das Feuer gelaufen. Wir hatten nasse Tücher dabei, die hielten wir uns nun vor das Gesicht, und wir kamen durch. Wir brannten nicht und liefen am Rande der Straße in Richtung der nächsten großen Straße. Da war die Hochbahnbrücke und der Kanal. Es gab in Hammerbrook genauso viele Kanäle wie Straßen. Die sind inzwischen alle zugeschüttet.

Aber es war nicht leicht, durch die Straßen zu laufen: Der Feuersturm war so stark, daß er die Straßen in Düsen verwandelte. Die Schwabenstraße, in der wir wohnten, lag günstig, quer zum Sog des Feuers. Sowie man aber in eine Straße kam, die mitten im Sog war, dann brannten die Leute weg wie Zunder und hatten überhaupt keine Chance. Wir rannten also an der Wand lang, um nicht in den Orkan reinzukommen. Ich sah, wie Dächer durch die Luft flogen; es war wie im Film, wie Science-Fiction, aber echt. Wo Asphalt war, da brannte und kochte der. Ich sah zwei Frauen, eine jüngere und eine ältere, die rannten quer über den Asphalt und blieben mit ihren Schuhen stecken, im kochenden Asphalt, sie zogen ihre Füße aus den Schuhen raus - was aber irgendwie unpraktisch war, weil sie dann mit den Füßen in den kochenden Asphalt treten mussten. Und die sanken um und blieben liegen. Wie Fliegen im heißen Wachs einer Kerze.

Wir mussten ja weiter. In so einer Situation denkt man nicht über das Leben und über die Leiden anderer Menschen nach. Und dann kamen wir zu einer Fabrik, die kannte ich gut. Ich war da oft rumgestreunt, hatte Eisenstücke geklaut und mir in die Tasche gesteckt: für meinen Vater, wenn er wieder aus dem Gefängnis kommen würde. Er war Schlosser und Maschinenbauer und er hatte Werkzeuge. Ich kam immer mit vollen Taschen nach Hause, die Hosen hingen mir in den Knien. Aber nun war alles anders, mitten in der Nacht, hell erleuchtet von den Flammen, und auf dem Hof dieser Fabrik rannten die Leute wie die Wahnsinnigen hin und her. Keiner wusste wohin. Alle schrien durcheinander - bis auf die Kinder. Das viel mir auf, schon damals und das wundert mich noch heute, dass sowas einem Kind auffällt, nämlich: Kein Kind hat geschrien. Kein einziges Kind hat geweint. Kein einziges Kind hat gejammert. Ich glaube, es kommt daher, dass man ganz automatisch, wenn das Unglück zu groß ist, die Gefahr zu groß ist, wie ein kleines Tier spürt, dass Schreien keinen Sinn mehr hat. Also vergeudet man keine Kräfte. Ob du schreist oder nicht schreist, es ist egal.

Ich habe auch nicht geschrien. Ich lief mit meiner Mutter, mit meinem Eimerchen durch diesen Hof, und man konnte so schlecht atmen. Die Tücher waren längst trocken. Man brauchte dringend Wasser. Also suchten die Leute Wasser für ihre Tücher. Die hatten alle irgendwas vor der Nase, sonst ging es gar nicht. Es gab eine Stahltür, und wir kamen in einen Raum, das war der Himmel. Da war die wunderbarste saubere Luft, die man atmen konnte! Also sind wir schnell da rein und haben die Tür hinter uns zugemacht. Wir freuten uns, aber über uns brannte die Fabrik, und plötzlich gab es eine Explosion. Der Raum war im selben Moment vollgeschlagen mit Qualm. Meine Mutter packte mich, und wir erreichten mit riesigem Glück diese Stahltür. Raus aus diesem Grab! Überall Feuer, und wir mussten wieder quer durch das Feuer rennen.

Zerstörte Straßenzüge in Hamburg (im Juli 1943): "Ob du schreist oder nicht schreist, es ist egal"
AP

Zerstörte Straßenzüge in Hamburg (im Juli 1943): "Ob du schreist oder nicht schreist, es ist egal"

Was dann passierte, kann ich mir bis heute nicht erklären. Meine Mutter war weg. Die war einfach nicht mehr da. Ich wusste nicht, ob sie vor mir, hinter mir oder neben mir ist, oder vielleicht schon über mir im Himmel? Ich stand am Rand und hatte Glück, dass man mich nicht totgetrampelt hat; in ihrer Todesangst sind die Leute ziemlich wild und rücksichtslos. Ich stand so am Rand, neben dem Feuer, mit meinem Eimerchen und wartete wie an einer Haltestelle. Die Mama wird schon wiederkommen! Nicht Gott-, sondern Muttervertrauen. Ich wartete und wartete. Und es war klar: Ich war verloren. Ich würde da nie rausgekommen, nie, nie! Und plötzlich entdeckt mich meine Tante Lotte, die Schwester meiner Mutter, die mit uns im selbem Haus wohnte, und die schrie: "Emmiiiiii!" Sie schrie nach Emma, nach meiner Mutter Emmi. Und die muss noch in der Nähe gewesen sein und hat mich gepackt. Später sagte sie mir immer denselben Satz: "Wenn ich dich da nicht wiedergefunden hätte, wäre ich aus dem Feuer nicht rausgegangen." Das war keine Phrase, meine Mutter hatte schon meinen Vater verloren, im Feuer von Auschwitz - und jetzt noch mich in diesem Feuer?

  • 1. Teil: "Wir sind durchs Feuer gelaufen"
  • 2. Teil


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