Zum Tod von Wolf Gerlach: Der Mainzelmann

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Er schuf das bekannteste Junggesellen-Kollektiv der Republik. Dessen Daseinszweck: Werbung und Programm im ZDF zu trennen. Und das machte es so gut, dass die sechs biederen Blödelbuben Kult wurden. Jetzt ist Wulf Gerlach, Vater der Mainzelmännchen, mit 84 Jahren gestorben.

Wolf Gerlach: Der Papa von Anton, Berti, Conni, Det, Edi und Fritzchen Fotos
dapd

Sein Name sagt den meisten Zeitgenossen wahrscheinlich nichts. Dabei hat Wolf Gerlach etwas geschaffen, das man durchaus eine Konstante der populären Zeitgeschichte nennen kann. Oder auch das bekannteste Junggesellen-Kollektiv der Republik, schier unverwüstlich und umweht von einem Hauch Erinnerungen an eine Zeit, als vieles noch sehr viel anders war in Deutschland. Das Fernsehen erlebte 1963 seine erste Revolution, indem es dank Gründung des ZDF plötzlich zwei Programme gab. Und im Zweiten treten sie seit nunmehr 49 Jahren auf - Anton, Berti, Conni, Det, Edi und Fritzchen, bekannt unter der Sammelbezeichnung Mainzelmännchen.

Ursprünglich war es nur ihre Funktion, die staatsvertragliche Trennung von Werbung und Programm sicherzustellen. Doch die lustigen, stets zu Streichen aufgelegten Kleinwüchsigen mit ihren Zipfelmützen etablierten sich im Laufe der Jahrzehnte derart fest im Bewusstsein des TV-Publikums, dass der Kultstatus zur Selbstverständlichkeit wurde.

Der Name, naheliegend kombiniert aus dem Sendersitz und den Heinzelmännchen, sei "ein Standortvorteil" gewesen, meinte Gerlach später. Er hatte als junger Grafiker und Werbefilmer den Auftrag erhalten, eine figürlichere, lebendigere Alternative zu den als Pausenfüller geplanten Zeitrafferblumen zu entwickeln. Die ersten Entwürfe musste er überarbeiten, weil sie Karl Holzamer, dem künftigen Intendanten, zu teutonisch und nach deutschem Michel aussahen.

Wohl wurden die Mainzelmännchen immer wieder modifiziert, seit sie am 2. April 1963 erstmals in Aktion traten, erhielten als Anton der Faule, Berti, der Fleißige, Conni, der Musische, Det, der Schlaue und Fritzchen, der Sportliche ausgefeiltere Charaktertypisierungen und wurden später sogar mit Handys und Notebooks ausgestattet.

Jedoch in einer Hinsicht blieb sich die sonderbare Kleingruppe in ihrer retardierten Maskulinität bis auf den heutigen Tag treu: Mit Frauen lief und läuft da nichts. Beziehungstechnisch genügt der sechsfache Mainzelmann gewissermaßen sich selbst. Das ist nicht als Ausdruck von Misogynie oder fehlendes Empfinden für die Zeichen der längst postfeministisch geworden Zeiten zu missdeuten, sondern gehört, wie man beim ZDF betont, einfach zum Markenkern des letztlich asexuellen Sextetts.

Pausenclowns im Zeitgeist der 60-er Jahre

Gerlach hatte zwar auch Entwürfe für weibliche Pendants gefertigt, aber die wurden nur einmal anlässlich einer Berliner Funkausstellung hervorgeholt, um anschließend wieder in der Schublade zu verschwinden. Eine habe beispielsweise einen Pferdeschwanz gehabt, weibliche Konturen und Kleider hätten aber allen gefehlt, denn das habe "irgendwie nicht gepasst".

Vor allem aber fürchtete er, "dass ich sehr schnell mit den Ideen am Ende gewesen bin, was lustige Geschichten für die Mainzelfrauchen anging." Wenn sich ein Mainzelmännchen in den Kochtopf setzte oder auf einem Staubsauger durch die Gegend düste, sei das witzig gewesen. Aber eine Frau habe jeden Tag mit solchen Haushaltsgegenständen zu tun. "Darüber hätte dann doch niemand gelacht".

So waren sie, die 60-er Jahre. Und etwas von diesem heute reichlich anachronistisch anmutenden Zeitgeist hat sich in Gestalt der kleinen Pausen-Clowns konserviert. Dem Zuschauerzuspruch tut das keinen Abbruch. Durchschnittlich 3,3 Millionen verfolgen nach Senderangaben unverdrossen zwischen 17 und 20 Uhr die meist nur drei Sekunden dauernden Mainzelmännchen-Spots. Bisher wurden mehr als 50 000 Folgen produziert. Pro Monat kommen rund 800 neue dazu. Erstellt werden sie übrigens von einer Firma, die gar nicht in Mainz, sondern in Wiesbaden sitzt.

Lediglich in der Zeichentrickserie "Die Mainzels", die das ZDF in seinem Kinderprogramm "tivi" sendete, tauchten irgendwann zwei Mädchen auf, Lea und Zara. Ins Vorabendprogramm schafften sie es aber nicht. So blieben die sechs letztlich biederen Blödel-Buben weiterhin unter sich. Das passt im Grunde auch wirklich besser zu ihnen. Geschlechterkampf wäre in ihren Kreisen kaum vorstellbar - wie überhaupt alles Negative keinen Platz in ihrer Sphäre grundgütiger Harmlosigkeit hat. Missgunst, Neid, Schadenfreude, Eifersucht und ähnliche unschöne Regungen sind einem Mainzelmännchen prinzipiell fremd.

Ihrem Schöpfer Wolf Gerlach trug das gelegentlich den Vorwurf ein, er zeichne das Comic-Bild einer allzu heilen Welt. Das focht den Zeichner, der von der Insel Langeoog stammte und in Bad Zwischenahn lebte, nicht an. Er starb jetzt, 84-jährig, und hinterließ außer vier eigenen Kindern eine sechsköpfige virtuelle Nachkommenschaft, deren Fortleben noch lange gesichert sein dürfte.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Teil meiner Kindheit (kein toller Nachruf)
orosee 13.11.2012
Ich bin mit den Mainzelmaennchen gross geworden (wer nicht!). Erinnerungen an schwarz-weiss Fernseher und 2+1 Kanaele... so lange ist das noch gar nicht her ^^ Danke Wolf Gerlach!
2. Mmmmh
doubleq 13.11.2012
Schade!
3. r.i.p.
captain 13.11.2012
Er ist gegangen, sein Lebenswerk bleibt. ZDF ohne seine Männchen wäre undenkbar. Ruhe in Frieden
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