Wolfgang Clement bei Plasberg: Ich, ich, ich

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Allein gegen die SPD - in dieser Rolle fühlt sich Ex-Minister Wolfgang Clement am wohlsten. "Ich würde Ypsilanti nicht wählen", wiederholte er bei Plasberg - und ging gegen seine Parteikollegen Struck und Gabriel in die Offensive. Die SPD schoss zurück: "Lohnschreiber bei Springer".

Berlin - Das süffisante Lächeln, der amüsierte Blick - dieser Mann hat nichts zurückzunehmen. "Ich ein Verräter?", scheinen seine hochgezogenen Augenbrauen zu fragen. Wenn jemand illoyal gegenüber der SPD war, dann doch bitte schön Andrea Ypsilanti damals 2003, als sie das Mitgliederbegehren gegen die Agenda 2010, also gegen die eigene Regierung, startete. Nach dieser Pointe lächelt Wolfgang Clement zufrieden.

Clement: "Ich bin nicht für 20.000 Euro käuflich"
DDP

Clement: "Ich bin nicht für 20.000 Euro käuflich"

Rache kann so süß sein.

Der frühere Wirtschaftsminister ist Top-Gast der ARD-Talkshow "hart aber fair". Anwesend ist er zwar nicht, es gibt nur ein kurzes aufgezeichnetes Interview, aber die wenigen Minuten sind der Höhepunkt der Sendung. Voller Vorfreude kündigt Moderator Frank Plasberg alle zehn Minuten das Skandalvideo an: "Gleich kommt Clement. Warten Sie ab."

Dass die SPD Amok lief, nachdem ihr früherer Parteivize am Sonntag zur Wahl des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) aufrief, kommt Clement wie gerufen. Endlich mal wieder "News of the town". Am Montag hatte er zwar einer Zeitung gesagt, er wolle die Debatte nicht weiter befeuern. Doch er hat es sich anders überlegt. So schön war das Gefühl, dass er im Fernsehen noch mal nachlegt - vier Tage vor der Landtagswahl in Hessen. "Ich würde sie nicht wählen", sagt er über Ypsilanti. Scheinbar unschuldig fügt er hinzu, das sei "kein Dolchstoß", sondern schlicht Ausdruck eines "unüberbrückbaren Gegensatzes" in der Energiepolitik.

Andere, allen voran Fraktionschef Peter Struck, sehen allerdings nun einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Clement und der SPD und haben deswegen seinen Rausschmiss gefordert. Kein Problem für Clement. Das scheint ihn erst recht zum Bleiben zu animieren - schon aus Prinzip. Niemand entscheide über seinen Parteiaustritt: "Das entscheide ich."

Clement: "Ich bin nicht für 20.000 Euro käuflich"

Der Ex-Minister, der zuletzt bei öffentlichen Auftritten recht alt wirkte, blüht regelrecht auf. Noch einmal kann er die Rolle spielen, die er zeit seiner Karriere am liebsten gespielt hat: allein gegen die SPD.

Zu Strucks Rausschmissforderung sagt er gönnerhaft, der äußere sich ja immer sehr schnell, aber das sei auch schnell wieder vergessen. Zu Umweltminister Sigmar Gabriel, der ihm psychologische Betreuung nahegelegt hatte, sagt er: "Sigmar Gabriel fällt zu jedem Stein, der über die Straße rollt, und zu jedem Holz, was vorbeischwimmt, etwas ein. Der ist da äußerst phantasiebegabt".

Eine schlüssige Erklärung, warum er sich ausgerechnet eine Woche vor der Wahl mit einer Attacke auf Ypsilanti zu Wort meldet, liefert Clement nicht. Es gehe nicht um Rache, behauptet er. "Ich kenne Rachegefühle, aber nicht in der Politik. Ich habe sie nie ausgeübt." Auch den Vorwurf, er sei ein bezahlter Lobbyist und vertrete nur die Interessen des Atomkraftwerksbetreibers RWE, weist er zurück. Als Aufsichtsratsmitglied bei RWE verdiene er 20.000 Euro im Jahr, und "wenn Sie unterstellen, ich sei für 20.000 Euro im Jahr käuflich, dann unterschätzen Sie mein Selbstwertgefühl". Nein, er vertrete nur den Kurs, für den er seit Jahrzehnten stehe, gegen den Kurs von Ypsilanti, "den niemand vertreten kann".

Damit hat er zwar Recht - schon 2003 sabotierte sein Ministerium nach Kräften das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Aber Clement hat zu offensichtlich seinen Spaß daran, sich wie in alten Tagen mit seinen Genossen zu balgen und wieder im Mittelpunkt zu stehen, als dass man ihm die Selbstinszenierung als Überzeugungstäter abkaufen könnte. Dass die Partei im Moment andere Sorgen hat, ist ihm schlicht - egal. Deshalb sind die Parteifreunde auch mit der Geduld am Ende. "Ich, ich, ich", platzte es dieser Tage genervt aus einem SPD-Minister heraus, als er auf einem Empfang nach den Motiven Clements gefragt wurde.

Nokia-Bashing: "Kauft Eure Scheißhandys selber"

Neben Clement gibt es bei Plasberg auch tatsächlich noch anwesende Gäste - doch deren Beiträge hinterlassen keinen bleibenden Eindruck. Eine geschlagene Dreiviertelstunde liefern sich SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler, FDP-Generalsekretär Dirk Niebel, der ehemalige CDU-Generalsekretär Peter Hintze und der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff eine Diskussion darüber, ob man nun besser sein Nokia-Handy wegschmeißen sollte oder nicht oder was man sonst gegen die Misere in Bochum tun könnte. Niebel sagt in schönster FDP-Diktion, die Werksschließung sei "menschlich 'ne Sauerei", aber wirtschaftlich vollkommen richtig. Stiegler und Wallraff hingegen bilden die Boykott-Fraktion, die es "diesen Typen, die nur vor Excel-Sheets sitzen" (Stiegler), mal so richtig zeigen will.

Dumm nur, dass ein Einspielfilm zeigt, dass die Boykottlust der Deutschen begrenzt ist. Zum Beweis wird ein VW Golf in eine Fußgängerzone gefahren. Auf dem großen Preisschild ist der Listenpreis ausgezeichnet - etwas über 16.000 Euro. Dazu kommt ein "Deutschland-Zuschlag" von 4400 Euro: So viel teurer würde das Auto, wenn alle Teile hierzulande hergestellt würden. Drei von 15 Befragten zeigen sich patriotisch genug, den Aufschlag zu zahlen. Der Rest entscheidet sich doch lieber für den Globalisierungsrabatt. So ungefähr verhält es sich wohl auch mit den Nokia-Handys. Rumänische Arbeiter sind eben billiger als deutsche. Wallraff muss denn auch einräumen, dass unser aller Kaufverhalten doch "erschreckend vordergründig" sei. Das stelle er auch bei sich selbst fest.

Selbst bei gutem Willen jedoch stößt ein Nokia-Boykott schnell an praktische Grenzen, wie die Leserbriefe an die Plasberg-Redaktion offenbaren. So würden einige ja gern die Handymarke wechseln. Der Autohändler hat aber gesagt: Die Freisprecheinrichtung funktioniert nur mit Nokia. Manchmal ist es eben wie verhext.

Dass Nokia-Bashing auch Kult sein kann und die Firma nach der Bochumer Episode vielleicht doch ein nicht zu knappes Imageproblem hat, zeigt ein Einspiel-Film aus dem Karneval: Der christdemokratische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers klatscht begeistert die Hände über dem Kopf zusammen, zum Refrain des "Anti-Nokia-Songs", der die Manager auffordert: "Kauft Eure Scheißhandys selber".

Stiegler: Clement ist "Lohnschreiber bei Springer"

Das hat einigen Unterhaltungswert, zwingender aber ist das Duell zwischen Clement und der SPD. Als Vertreter der Parteispitze darf Stiegler das Interview mit Clement kommentieren, und er tut dies mit der Gelassenheit, die Parteichef Kurt Beck am Montag verordnet hat. Clement sei in der Energiepolitik immer schon auf der anderen Seite gewesen, sagt der wortgewandte Bayer: "Da ist er Endmoräne des Montanzeitalters. So isser."

Vorgeworfen werde Clement nicht seine energiepolitische Position, stellt Stiegler klar, sondern "dass er die eigene Kandidatin niedermacht". Der Vergleich mit Oskar Lafontaine, dem anderen Abtrünnigen der SPD, sei im Übrigen durchaus gerechtfertigt: Beide seien "Lohnschreiber für Springer", sie würden bezahlt, um die SPD zu bekämpfen. Clement schreibt eine Kolumne in der Springer-Zeitung "Welt am Sonntag", Lafontaine war Kolumnist bei der "Bild".

Stiegler fügt abschließend hinzu, er finde es "traurig", dass Clement so handele. Als mahnendes Beispiel erinnert er an Karl Schiller. Der sei auch "so eine Diva der SPD" gewesen und habe Wahlkampf für die CDU gemacht. Dessen Schicksal sei ja bekannt: "Am Ende hat er gebettelt, dass noch jemand mit ihm redet."

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