Kunst von Wolfgang Herrndorf Bilder, die niemand sehen sollte

Für den Roman "Tschick" wurde er geliebt, dabei war Wolfgang Herrndorf zuvor Maler und Karikaturist - was kaum jemand wusste. Nun sind Bilder zu sehen, die der Künstler selbst fast zerstört hätte.

VG Bild-Kunst Bonn

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Er sprach fast nie mehr über seine Bilder, nachdem er Schriftsteller geworden war. Die eine Kunst hatte für ihn die andere abgelöst, und Wolfgang Herrndorf fand die Zeit, die er mit dem Malen verbracht hatte, im Nachhinein "sinnlos". Dabei hatte der 2013 gestorbene Autor von "Tschick" jahrzehntelang für seine Zeichnungen und Gemälde gelebt.

Nun ist erstmals umfassend zu sehen, was Herrndorf hinterlassen hat: Ölgemälde, Zeichnungen, Buchcover, Karikaturen, sein Nachlass besteht aus etwa 600 Werken, nachdem er einiges noch zu Lebzeiten zerstört hatte. Die Ausstellung "Das unbekannte Kapitel" im Kunsthaus Stade zeigt: Herrndorf war ein begabter Maler und präziser Arbeiter, der sowohl das Schöne als auch das Widersprüchliche darstellen konnte - mit Hingabe, aber auch mit Spott. Seinen eigenen Ausdruck aber fand er erst als Schriftsteller.

Etwa in dem berührenden Blog "Arbeit und Struktur", in dem Herrndorf in den Jahren 2010 bis 2013 über sein Leben mit seinem Hirntumor schrieb, das posthum auch als Buch erschien. Doch Bildende Kunst findet kaum eine Erwähnung. Neben seiner Krebserkrankung geht es in dem Tagebuch viel ums Schreiben und Herrndorfs eigene Lektüre. Er arbeitete unermüdlich an seinen Texten, die Malerei hatte er abgehakt.

Nur am 12. Juni 2012 - Herrndorf ist schon mehr als zwei Jahre krank - erwähnt er kurz: "Mit den letzten Umzugskartons Zeichnungen und Bilder eingetroffen, die Ölbilder fast alle beschädigt von vielen anderen Umzügen und jahrelanger unsachgemäßer Lagerung, Dellen, dicke mit dem Firnis unauflösbar verbundene Dreck- und Staubschichten. Würde ich am liebsten alles wegschmeißen."

Dabei war es lange sein Lebenstraum gewesen, Maler zu werden. Schon als 13-Jähriger malte Herrndorf Aquarelle des Wittmoors bei Hamburg. Sein Jugendzimmer glich einem Atelier, er malte Großeltern und Selbstporträts, verbrachte viel Zeit in der Kunsthalle.

Meister Wolfgang und Modell Helmut

Allerdings interessierte sich Herrndorf wenig für die Neuen Wilden, die zu dieser Zeit mit großformatiger, expressiver Kunst an die deutsche Öffentlichkeit traten. Stattdessen liebte er Dürer, van Eyck und Vermeer. In fast jedem Bild adaptierte er alte Meister. Als 18-Jähriger zog er deshalb zum Studieren von Hamburg nach Nürnberg, weil "mir jemand gesagt hatte, die Kunstakademie dort sei konservativ". Doch auch dort war er als Realist mit seinen perfektionistischen Selbstporträts und genau beobachteten Landschaftsszenen nicht gefragt.

Künstlerisch blieb er ein Einzelgänger, aus der Zeit gefallen. Statt mit grobem Pinselstrich spontan-expressiv grelle Farben zu verteilen, konstruierte Herrndorf präzise seinen Bildaufbau mithilfe der Mathematik, wie es sein Vorbild Albrecht Dürer getan hatte - etwa im Porträt seiner Großmutter als stolze, behütete Dame, oder in dem sitzenden Selbstporträt, das Raffael- und Donatello-Zitate enthält. Die Jahre seines Studiums blieben Herrndorf wohl deshalb in schlechter Erinnerung. Zynisch formulierte er in einer Biografie über seine Studienzeit: "...… absolvierte erfolgreich die VHS-Kurse 'Schraffuren - ein weites Feld' und 'Reden wie ein Künstler I bis IV' bei Prof. Christine Sack-Colditz in Nürnberg und wurde als Meisterschüler ausgezeichnet."

Herrndorf rettete sich aus seinem Frust mit Sarkasmus und fand zur Satire. Er war Fan des "Titanic"-Magazins, bewarb sich als Illustrator und zeichnete zehn Jahre für das Satiremagazin und als Illustrator für den "Tagesspiegel" und den "Eulenspiegel". Einer der Höhepunkte seines satirischen Schaffens und gleichzeitig auch seiner Hommage an die alten Meister ist der im Haffmans Verlag 1997 erschienene Kalender "Klassiker Kohl".

Auf zwölf Kalenderblättern setzte er den damaligen Kanzler in Klassikern der Kunstgeschichte in Szene: Helmut Kohl als Vermeers "Briefleserin in Blau", ein "Porträt des Reichskanzlers Kohl" nach Art von Lucas Cranach dem Älteren. Bilder mit Kohl von Edward Hopper, Georg Baselitz und Caspar David Friedrich. Es heißt, das Bundeskanzleramt soll damals einen beträchtlichen Teil der Kalender aufgekauft und Gästen geschenkt haben.

Doch schon zu dieser Zeit ließ die Lust am Malen deutlich nach. "Ich konnte nicht das, was ich wollte", beschrieb Herrndorf in einem Interview in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" das Ende seiner Malerkarriere. "Ich habe am Ende nur noch Comics gemacht. Bei denen wurden dann irgendwann die Bilder immer kleiner und der Text immer größer, und irgendwann gab es überhaupt keine Bilder mehr."

Der Rest ist Geschichte: Im Februar 2010 wurde ein unheilbarer Hirntumor diagnostiziert, dann schrieb er den Sensationserfolg "Tschick", die Geschichte zweier Jugendlicher auf der Fahrt durch Ostdeutschland, die ihn zum Bestsellerautor machte, in 24 Sprachen übersetzt und von Fatih Akin verfilmt wurde. Für seinen nachfolgenden ironischen Agententhriller "Sand" erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse. Am 26. August 2013 starb Herrndorf.


Ausstellung: Das unbekannte Kapitel. Wolfgang Herrndorfs Bilder. Kunsthaus Stade, bis 3. Oktober 2017



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BrunoGlas 26.06.2017
1. Diese Biografie steht für viele Künstlerbiografien
So wie bei Wolfgang Herrndorf läuft es in vielen Künstlerbiografien. Begabung ist eigentlich genug vorhanden, letztlich ist es die Orientierung im Hier und Jetzt und so etwas wie Instinkt und Kontinuität ausschlaggebend, ob sich eine Karriere entwickelt. Was aber diskussionswürdig ist, bei Herrndorf zeigt sich schon früh ein gewisser Unsicherheitsfaktor, der ihn am Ausleben künstlerischer Begabungen hindert, auch das Hineinströmen in die Sinnlichkeit von Farben und Licht nicht gerade fördert. Dies ist die Neigung zur überaus realistischen Penibilität und zum Konservatismus und zum strukturellen Unterbrechen des Schöpfungsvorgangs. Vielleicht ist dies aber auch schon der zur späteren Krankheit vorauseilende psychische Mechanismus, man weiß es nicht. Trotz alledem, diese einfühlsame Ehrung für das Lebenswerk eines solchen Künstlers ist genauso wichtig wie die oft falsche Mythologisierung und hinterherhechelnde Lobpreisung sogenannter Stars der Kunstszene.
Mogel 26.06.2017
2. Tut mir leid
aber besonderes malerisches Talent hatte Herrndorf nicht. Der blieb in der Abschlussklasse seiner Kunstschule sitzen.
blueberryhh 26.06.2017
3. ach ...
ich finde die garnicht schlecht... aber ich bin wohl auch nicht so ein Kenner wie User Mogel hier ...
Abel Frühstück 26.06.2017
4.
Mir würde das von einem User angezweifelte Talent genügen. Sicher ein Unvollendeter. Aber wer ist das nicht.
f36md2 26.06.2017
5. Gute Bilder!
Gegenständliche Bilder mit Aussage?! Bitte nicht, damit soll ein Maler Berühmtheit erlangen? In der Kunstszene ist das doch nicht mehr gefragt, auf den "Event-Vernissagen" gehören "Installationen" dazu oder wirre Skizzen, wo der Betrachter überlegen kann, ob eine Kuh über die Leinwand gelaufen ist oder ein Zweijähriger zum ersten Mal herumklecksen durfte. Dazu bitte extremes Wichtigtuer-Galaber über Beuys und Lüprtz, arrangiert mit Sekt plus Orangensaft. Und nach der Vorstellung klatschen alle artig Beifall, eine Stunde später, nach dem vierten Bier lallen mich dann die Besucher an und sagen: Selten so einen Müll gesehen! Die Kunstszene in Deutschland - immer wieder peinlich. Schade um den Herrn Herrndorf, er hätte mehr schaffen können
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