Star-Fotograf Tillmans: "Kleidung kann die Welt auf den Kopf stellen"

Vom Techno-Club zur Wasserfall-Exotik: Eine Düsseldorfer Schau zeigt das Werk von Wolfgang Tillmans. Im Interview erklärt der Fotograf, warum er auch seine Jacke aus Teenietagen ausstellt und neue Autos so haifischartig aussehen. Ach ja, und er zitiert Hildegard Knef: "Von nun an geht's bergab."

SPIEGEL ONLINE: Herr Tillmans, Sie stammen aus Remscheid und stellen jetzt in Düsseldorf aus, ganz in der Nähe. Geht's damit auch zurück zu Ihren persönlichen Ursprüngen?

Tillmans: Ja, nach 26 Jahren. Ich habe in London, New York oder Warschau groß ausgestellt, aber nie in Düsseldorf. Seit ich 1990 nach England gezogen bin, hatte ich Kontakte eher nach Köln: zu Galerien, zu Verlegern. Umso stärker muss ich jetzt an meine Jugend denken: an das Düsseldorfer Nachtleben. Und an die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Dort habe ich Schlüsselmomente erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Welche denn?

Tillmans: Ich habe mich sehr für Plattencover und Zeitschriften - Popkultur also - begeistert. Gleichzeitig habe ich Arbeiten von Warhol, Rauschenberg und Richter gesehen, die auf fotografischen Bildfindungen basieren. Deshalb war die Grenze zwischen Fotografie und Malerei für mich immer fließend.

SPIEGEL ONLINE: Sie stellen noch nie gezeigte Zeichnungen aus - und sogar eine Jacke aus Jugendtagen.

Tillmans: Die Schau soll - in Auszügen - meine Entwicklung zeigen. Bei der Vorbereitung habe ich mich gefragt: Wann ist mein eigener Weg erkennbar geworden? Dabei bin ich auf die Zeichnungen gestoßen, oft Selbstporträts. Im Nachhinein gefallen sie mir so gut, dass ich spüre: Es hätte auch anders kommen können.

SPIEGEL ONLINE: Und die Jacke?

Tillmans: Kleidung ist ja ein oberflächliches Ausdrucksmittel, kann aber die Welt bedeuten - und sie auf den Kopf stellen. Mir war sie Anfang der Achtziger im Zusammenhang mit der Jugendkultur der New Romantics wichtig (als deren Vertreter z.B. Bands wie Culture Club, Spandau Ballet oder Duran Duran gelten - d. Red.). Die Jacke habe ich in meinem Jugendzimmer - in der Provinz, aber mit Blick auf London! - aus Gardinen genäht. Sie ist mit Jute besetzt, mit Plastik und mit Kopien von inszenierten Fotos von mir und meinen Freunden Lutz und Alex. Eigentlich eine Materialcollage, wie später in meinen Stillleben.

SPIEGEL ONLINE: In einem Raum hängen auch riesig große, abstrakte Arbeiten aus der "Freischwimmer"-Serie, die erhaben, fast autoritär wirken. Ein Gegensatz zu Ihrer sonst eher beiläufigen Ästhetik. Wie passt das zusammen?

Tillmans: Weil meine abstrakten Bilder sich auf Alltägliches beziehen. Auf ein Blinzeln ins Sonnenlicht, das man im Halbschlaf sieht. Oder auf den Blick, den man hat, wenn man auf der Tanzfläche in einem Club innehält und nach oben guckt. Die "Freischwimmer" sind ja Studien über Licht, entstanden mit Manipulationen in der Dunkelkammer. Außerdem haben sie nicht die Schwere von Malerei. Schon ein Luftstoß fegt sie von der Wand, so leicht sind sie. Was Ihrer These von der Autorität widerspricht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre letzten Arbeiten sind jedenfalls recht konkret. Für die Fotoserie "Neue Welt" sind Sie weit gereist. Wie haben Sie die Ziele ausgesucht?

Tillmans: Ich wollte an Orte, die mich schon als Kind fasziniert haben: Papua Neuguinea oder Feuerland. Aber auch an Klischee-Reiseziele wie die Iguaçu-Wasserfälle. Dort ist mir - zu meinem Erstaunen! - ein Lieblingsbild gelungen. Es zeigt nur Natur, ist aber hochtechnologisch. Der Wasserfall hat eine unglaubliche Detailtiefe, er wirkt wie eingefroren, wie aus Stein. Wenn so ein Bild im Raum hängt, ist die Präzision der Wiedergabe verblüffend, fast unheimlich. Das hat mir das Medium Fotografie neu erschlossen. Aber vorher musste ich erst einmal die Peinlichkeit überwinden, als knipsender Tourist zu gelten.

SPIEGEL ONLINE: Andere Künstler hätten vermutlich die knipsenden Touristen fotografiert.

Tillmans: Genau. Ich wollte aber nicht ironisch sein, sondern war neugierig: Wie hat sich Technologie in unsere Welt eingeschrieben? Ein Beispiel: Autoscheinwerfer haben den Ausdruck von Autos in den letzten Jahren immer aggressiver gemacht. Aus freundlich runden Augen sind haifischartige geworden. Das drückt eine Alle-gegen-Alle-Mentalität aus. Vor zwanzig Jahren wollte ich wissen, was die Visualität der Love Parade gesellschaftspolitisch bedeutet. Heute dagegen interessieren mich solche Machtphantasien.

SPIEGEL ONLINE: Ein Thema zieht sich dennoch durch Ihr Werk: die menschliche Verletzbarkeit. Richtig?

Tillmans: Ein zentraler Aspekt, ja. Mit 14, inspiriert von Culture Club, habe ich mir eine Band ausgedacht. Noch bevor ich mir die Musik ausgemalt hatte, wusste ich den Namen: "Fragile". Die Rückkehr an den Ort meiner Jugend hat mich jetzt daran erinnert, wie sehr mich Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit immer schon beschäftigt haben. Kurzzeitig habe ich sogar daran gedacht, die Ausstellung "Fragile" zu nennen.

SPIEGEL ONLINE: Als fragil empfinden Sie ja auch Ihr Arbeitsmaterial.

Tillmans: Wenn ein Foto aus der Entwicklungsmaschine kommt, ist es im perfekten Zustand, der später von Licht, mechanischen oder chemischen Einflüssen bedroht wird. Um es mit Hildegard Knef zu sagen: "Von nun an geht's bergab". Man muss das Pure, das Schöne, das Perfekte hoch halten - aber man muss eben auch ertragen, dass es nicht bleibt. Vielleicht ist das meine Lebensaufgabe: Verwundbarkeit bewusst zu machen. Sie betrifft uns ja alle, und es wäre der Idealzustand, würden wir sie vor uns selber und vor anderen anerkennen. Sollte meine Kunst dazu beitragen, bin ich glücklich.


Wolfgang Tillmans. bis 7.7. im K21 Ständehaus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Jeder Besucher bekommt mit der Eintrittskarte ein Künstlerbuch. Katalog mit einem Essay von Tom Holert abrufbar ab Ausstellungsbeginn unter: www.kunstsammlung.de.

Das Interview führte Karin Schulze

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Zur Person
Wolfang Tillmans, Jahrgang 1968, wurde auf einen Schlag berühmt, als er 2000 als erster Fotograf den begehrten Turner Prize gewann. Bemerkenswert an seiner ausgezeichneten Ausstellung war auch die scheinbar wahllose Hängung seiner Arbeiten - ein Markenzeichen, das Tillmans pflegt. Der gebürtige Remscheider hat am Bournemouth and Poole College of Arts and Design in England studiert. Seit 2003 ist er Professor an der Städelschule in Frankfurt am Main. Nachdem er rund 15 Jahre in London gelebt hat, hat Tillmans nun seinen zweiten Lebensmittelpunkt in Berlin.