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Fotoprojekt "Stories of Change": Die Früchte des Frühlings

Von Gunda Schwantje

Nach der Arabellion: Die Früchte des Frühlings Fotos
Zara Samiry/ Reporting Change

Was bleibt von der Arabellion? Die Stiftung World Press Photo hat junge Fotografen geschult und präsentiert nun ihre "Stories of Change" - die Geschichten ganz normaler Menschen und ihrer Sorgen.

Solche Bilder des "Arabischen Frühlings" haben sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben: blutige Straßenschlachten auf dem Tahrir Platz in Kairo, ausgefochten zwischen Demonstranten, Sicherheitskräften und Mubarak-Anhängern. Rebellen stürmen in Tripoli Muammar al-Gaddafis Palast, Wochen später gehen Aufnahmen der Leiche des libyschen Diktators um die Welt. Zuvor in einem Krankenhaus in Tunesien: Präsident Ben Ali besucht Mohamed Bouazizi, den Straßenhändler, der sich aus Protest selbst in Brand steckte. Sein Tod löst Revolutionen aus, einen "Arabischen Frühling", auch "Facebook-Revolution" genannt.

Aber wie fundiert lernen Medienkonsumenten die Region eigentlich kennen, jenseits der Schlagzeilen? Diese Frage stellte sich World Press Photo im Jahr 2011. Die Stiftung mit Sitz in Amsterdam sah einen Bedarf an hintergründiger Berichterstattung und an Fortbildung von Fotografen und Multimediaproduzenten in Nordafrika. Das Projekt "Stories of Change - Geschichten des Wandels" ging an den Start, in Kooperation mit Human Rights Watch. Die Ergebnisse dieser Arbeit, das gleichnamige Fotobuch und eine Webseite, sind vor Kurzem erschienen. Junge Fotojournalisten aus Nordafrika, aus den Ländern Algerien, Ägypten, Libyen, Marokko und Tunesien, berichten in "Stories of Change" aus der Insiderperspektive über ihre Wahrnehmung der Ereignisse, über Hintergründe, über Folgen der Aufstände.

Fotostrecke

20  Bilder
World Press Photo: Handyleuchten in der Nacht
Zwei Jahre hat das Trainingsprogramm von World Press Photo gedauert. Von 2012 bis 2014 wurden 28 ausgewählte Fotojournalisten und Herausgeber im Erzählen visueller Geschichten geschult. Die Workshops, geleitet von international erfahrenen Experten, liefen in Tunis, Kairo und Casablanca. Die jungen Einheimischen nahmen den Alltag in ihren Ländern in den Fokus. Das Resultat sind authentische Geschichten, mitten aus dem Leben vor Ort, nah dran an Nöten, mutigen Taten, spürbaren Veränderungen durch die Rebellionen.

Verwaiste Restaurants, verzweifelte Guides

So hat die freiberuflich arbeitende Fotografin und Multimediaproduzentin Zara Samiry (geboren 1982) aus Casablanca, Marokko, die Fotoserie "Mein Tabu-Kind" produziert. Samiry ist es gelungen, sensible Bilder in einer Anlaufstelle für alleinstehende Mütter zu machen. Die Zahl der alleinerziehenden Frauen in Marokko wird nach einer Untersuchung in 2011 auf 220.000 geschätzt, die der unehelichen Kinder auf 550.000, so der erklärende Text. Es sind vor allem die Frauen, die die harschen sozialen Konsequenzen zu tragen haben, die Marginalisierung, die Stigmatisierung, die Isolation. Religiöse Tradition verbietet Sex außerhalb der Ehe.

Der Ägypter Roger Anis, geboren 1986, berichtet in seiner Geschichte des Wandels über die wirtschaftlichen Folgen des Aufstandes, über den Einbruch des Tourismusgeschäfts. 14 Millionen Besucher haben die Pyramiden in Kairo, die Tempel von Luxor, die Strände des Roten Meeres in 2010 angezogen, in 2011 brach das Geschäft mit 30 Prozent ein. Anis fotografierte verwaiste Restaurants auf dem Sinai, arbeitslose Touristenführer auf der verzweifelten Suche nach Kunden, herumfliegenden Müll bei den Pyramiden von Gizeh; der Vertrag mit der Reinigungsfirma hatte mit der Revolution ein jähes Ende gefunden.

Weitere Themen, die den nordafrikanischen Fotografen bedeutsam und aussagekräftig erschienen - sie hatten die freie Wahl -, waren etwa die "Die neuen Entscheidungsträger". Nader ElGadi, 25, fotografierte Libyer, die nach einer Periode von 42 Jahren der Alleinherrschaft von Muammar al-Gaddafi nun das Sagen haben über die reichen Öl- und Gasvorkommen.

Oder der eindrucksvolle Photoessay "Kinder des Mondes" von Zied Ben Romdhane (Jahrgang 1981). Die Revolution habe Licht über Tunesien gebracht, heißt es zu den Fotos, aber Menschen mit der erblich bedingten Krankheit XP, würden sich in ihren Häusern vor der Sonne verbergen müssen. In Tunesien erkrankt einer von 10.000 an XP, in manchen Regionen des Landes sogar jeder Hunderste; das wird der Eheschließung zwischen Vettern und Cousinen zugeschrieben. Aus Ägypten kommt die Fotoreportage des 1987 geborenen Ahmed Hayman über eine blinde Studentin und ihre couragierte Mutter, die ihre Tochter so intensiv förderte, dass sie heute die Universität besucht. Sie ist dort die einzige Blinde.

Neben den Fotoreportagen enthält der Band eine Chronologie der Ereignisse, Perspektiven lokaler Autoren sowie eine üppige Sammlung an Nachrichtenbildern, von denkwürdigen Schlüsselmomenten des "Arabischen Frühlings". Im Vorwort "Mehr als eine Jahreszeit" ordnet die Arabistin Petra Stienen die politischen Umwälzungen ein und betont die ungewisse Zukunft der betroffenen Länder. Zur Bedeutung von "Stories of Change" schreibt die Niederländerin, das Buch liefere uns Ansichten und Stimmen aus Nordafrika, die wir in westlichen Medien nicht oft anträfen: Gut ins Bild gesetzte Geschichten, die uns die vielschichtige Lebensrealität in Ländern Nordafrikas näherbringen.


Stories of Change, die Online-Produktion, umfasst 29 Geschichte (19 Fotoreportagen und 10 kurze Multimediageschichten). Derzeit in englischer Sprache, später auch auf Französisch und Arabisch.

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