World Press Photo Auch die Sexszene war gestellt

Ein Fotograf inszenierte das Bild eines Paares beim Geschlechtsverkehr im Auto, bei einem anderen Bild machte er einen Fehler bei der Ortsangabe. Nun erkennt die World-Press-Jury ihm seinen Preis ab.

Fotografiert in Molenbeek, nicht in Charleroi: "Klarer Fall von Irreführung"
Giovanni Troilo / Fotogloria / LUZ

Fotografiert in Molenbeek, nicht in Charleroi: "Klarer Fall von Irreführung"


Amsterdam/Hamburg - Im Wettbewerb um das beste Pressefoto des Jahres wird nachträglich ein Preis aberkannt. Dem italienischen Fotografen Giovanni Troilo wurde die Auszeichnung in der Kategorie "Contemporary Issues" entzogen.

Die World-Press-Photo-Organisation wirft dem Fotografen vor, falsche Angaben bezüglich seiner sozialkritischen Serie über die belgische Stadt Charleroi gemacht zu haben. So sei ein Bild nicht in Charleroi, sondern in Molenbeek gemacht worden. Der Fotograf habe das nicht angegeben und damit gegen die Regeln verstoßen. Das Bild zeigt den Künstler Vadim Vosters, wie er nackt auf einem Tisch in seinem Atelier ein Gemälde nachstellt.

Zum Thema war die Fotoserie schon zuvor wegen anderer Aufnahmen geworden. Wie die "New York Times" berichtet, kam der Verdacht auf, Troilo habe mehrere Fotos inszeniert. Es geht insbesondere um ein Foto, das ein Paar beim Sex im Auto abbildet. Die Aufnahme zeigt die zwei Liebenden hell erleuchtet hinter der Heckscheibe des Fahrzeugs - Lichtverhältnisse, die der Fotograf wohl nur mit technischem Equipment innerhalb des Autos so in Szene setzen konnte.

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Die Eingriffe in die Darstellung macht die Organisation Troilo nun zum Vorwurf. "Es geht um einen klaren Fall von Irreführung, dies verändert die Art und Weise, wie die Szene wahrgenommen wird", sagte Lars Boering, der Chef des World Press Photo Awards. Dem Ausschluss vorausgegangen war die Entscheidung eines französischen Foto-Festivals, überhaupt keine World-Press-Potos zu zeigen - aus Protest gegen inszenierte Bilder.

Der Fall spielt vor dem Hintergrund einer grundsätzlichen Debatte über die Glaubwürdigkeit fotografischer Arbeiten. Unmittelbar nach der Verleihung der World Press Photo Awards hatte es eine Diskussion um die Grenzen digitaler Fotobearbeitung gegeben. 20 Prozent der eingereichten Arbeiten waren von der Jury aussortiert worden, weil die Bilder in der Nachbearbeitung manipuliert worden waren.

Am konkreten Beispiel der intimen Aufnahme des Liebespaars im Auto entzündete sich ein Streit um die Unterscheidung von künstlerischer und journalistischer Fotografie. Letztere ist dokumentarisch und engt die Gestaltungsfreiheit des Fotografen naturgemäß deutlich ein.

Giovanni Troilo ist auch der Kritik vonseiten der Stadt Charleroi ausgesetzt. Er habe die Stadt in einem schlechten Licht gezeigt, teilte der Bürgermeister von Charleroi World Press Photo in einem Brief mit; abgesehen von der Liebespaar-Aufnahme seien auch andere Szenen gestellt.

Der Fotograf selbst sieht sich als Sündenbock einer grundsätzlichen Debatte über die Standards des Wettbewerbs. Laut "New York Times" habe er mit dem Foto "Voyeurismus durch Voyeurismus zeigen wollen" - mit der Kamera als aktivem Bestandteil. Er habe nie etwas vor der Jury verstecken wollen.

tha

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