Gesellschaft für deutsche Sprache "Postfaktisch" ist Wort des Jahres 2016

Im politischen Geschehen 2016 war es der prägende Begriff - nun ist er auch das Wort des Jahres: "postfaktisch". Das gab die Gesellschaft für deutsche Sprache bekannt.

Trump applaudiert: "Postfaktisch" ist Wort des Jahres.
AFP

Trump applaudiert: "Postfaktisch" ist Wort des Jahres.


"Postfaktisch" ist das Wort des Jahres 2016. Die Jury wolle damit das Augenmerk auf einen "tiefgreifenden politischen Wandel" richten, begründete die Gesellschaft der Deutschen Sprache (GfdS) die Wahl auf ihrer Webseite.

Das Kunstwort "postfaktisch", eine Übertragung des englischen Begriffes post truth, verweise darauf, dass in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend Emotionen wichtiger seien als Fakten. "Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen "die da oben" bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptiere", heißt es in der Begründung der GfdS.

Auf den zweiten Platz wählte die Jury "Brexit". Auch das Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU, das im Juni stattfand, sei ein Triumph postfaktischer Politik gewesen.

Zudem unter den Top Ten: Die Zusammensetzung "Silvesternacht", die 2016 eine neue, negative Assoziation bekam. Weitere Begriffe auf der Liste sind "Schmähkritik", "Social Bots" und "Gruselclown". Mit dem Vorwurf "schlechtes Blut" diffamierte der Türkische Präsident Erdogan türkischstämmige deutsche Bundestagsabgeordnete, die für die Armenien-Resolution gestimmt hatten. Auf dem letzten Platz landete traditionell ein "Satz des Jahres": "Oh, wie schön ist Panama", der Titel eines beliebten Kinderbuchs, bezieht sich auf die Enthüllungen um mögliche Geldwäsche und Steuerhinterziehung über Briefkastenfirmen in Panama.

Die Wörter des Jahres 2016 im Überblick:

1. postfaktisch

2. Brexit

3. Silvesternacht

4. Schmähkritik

5. Trump-Effekt

6. Social Bots

7. schlechtes Blut

8. Gruselclown

9. Burkiniverbot

10. Oh, wie schön ist Panama

2015 entschied sich die GfdS für "Flüchtlinge": In der Begründung hieß es damals, dass das Wort sprachlich von Interesse sei, da es mit dem Suffix "-ling" gebildet wird, das "für sprachsensible Ohren tendenziell abschätzig" klinge.

Die Berliner "Lichtgrenze" zum Mauerfall-Jubiläum war das Top-Wort des Jahres 2014. Den sprachlichen Nerv der Zeit hatten in den Jahren zuvor - nach dem Urteil der Jury - die Abkürzung GroKo für Große Koalition (2013), die Rettungsroutine (2012) und der Stresstest (2011) getroffen.

Die Aktion der Gesellschaft läuft seit 1977 alljährlich. Eine andere Jury aus Sprachwissenschaftlern und Journalisten kürt zudem jedes Jahr ein "Unwort".

gia/dpa



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kuschl 09.12.2016
1. Postfaktisch heißt politische Unfähigkeit
Postfaktisch bedeutet nichts anderes als seine eigene politische Unfähigkeit, Dinge rechtzeitig zu planen und durchzuführen, später als gegeben hinzunehmen und dem Volk zu verkaufen. Andere Politiker in anderen Ländern haben diese Erklärungsnot anscheinend nicht.
view3000 09.12.2016
2.
Postfaktische Diskussionen und Handlungen sind leider keine Erscheinung der Neuzeit. Wer beispielsweise nach Grönland fliegt, um sich den Klimawandel persönlich anzuschauen und dann entgegen der vorliegenden Fakten für sehr lange Restlaufzeiten der Kohlekraftwerke stimmt, der handelt in gewisser Weise ebenfalls postfaktisch. Es gibt noch viele Beispiele aus der "guten alten Zeit", auf die dieses Wort zutreffen würde. Nur waren damals scheinbar die "Richtigen" in der Überzahl, so dass sich keiner traute, dieses Wort bzw. die Problemfelder die zum Postfaktismus führten, schon früher in den Mund zunehmen. In gewisser Weise diskriminiert dieser rhetorische Begriff durch seine späte Erfindung Andersdenkende und Andersfühlende und schafft wieder "einfache Wahrheiten". Eine ordentliche Aufarbeitung der eigentlichen Gründe dieser politischen Veränderungen wäre sinnvoller, als das Verdrängen und Abstempeln gewisser Realitäten durch ein stark vereinfachendes, modernes, medienwirksames Schlagwort.
BoMbY 09.12.2016
3. Nie gehört oder gelesen.
Wer hat das Wort "postfaktisch" jemals genutzt? Scheint so als wäre die "Gesellschaft für deutsche Sprache" in einer "Filterblase" gefangen?
peter.braun1@gmx.ch 09.12.2016
4. Und
Es ist sehr seltsam, dass das wohl mit Abstand häufigste Wort dieses Jahres, das gleichzeitig das herausragende "Unwort" sein dürfte, nicht unter den ersten 10 Positionen zu finden ist! Offenbar hat man sich schon so daran gewöhnt, dass es schon normal ist... Weicht jemand vom politisch gewünschten Sprech ab, ist er automatisch populistisch. Habe in diesem Jahr festgestellt, dass besonders logische und nachvollziehbare Argumente gerne mit populistisch abgetan werden. Selbst die linke Sahra Wagenknecht musst sich von ihrer eigenen Truppe vorwerfen lassen, den "Populisten" Nahrung zu geben, als sie (richtig) sagte, jene die unser Gastrecht missbrauchen, haben kein Bleiberecht. Schon diese Selbstverständlichkeit ist den Linken populistisch. Und die AfD wird ja als einzige Partei regelmässig mit diesem vorgeschalteten Begriff benannt. Also: 2x2=4 ist klar populistisch.
Schlumperli 09.12.2016
5. Gratulation
Es ist so einfach. Man bezeichne die eigene Meinung als "faktenbasiert" und die des Gegners als "faktenlos". Schwups ist der politische Konkurrent als "postfaktisch" entlarvt. Schöne, neue Diskussionskultur. Ich sehe "postfaktisch" als Un-Wort des Jahres.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.