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Wortmysterium "Jahresendflügelfigur": Wer sagt denn so was!

Von Bodo Mrozek

Hat man so was schon gehört? Und wenn ja, wo? Die "Jahresendflügelfigur" bleibt eines der großen Mysterien deutsch-deutschen Sprachgebrauchs. Zeit für eine Aufklärung.

Ost- und Westpakete gehörten einst zur Weihnachtszeit wie Dresdner Christstollen und Nürnberger Lebkuchen. Das alles ist Jahre her, doch noch heute spaltet ein Wort die Nation. Alle Jahre wieder, wenn die sprichwörtlichen Lichter und Kinderaugen um die Wette strahlen, kramt irgendein Familienmitglied zur allgemeinen Erheiterung ein altes Wort hervor: die Jahresendfigur mit Flügeln, kurz: Jahresendflügelfigur. Angeblich, so die Anekdote zum Wort, geht dieser Begriff auf eine offizielle Sprachregelung der DDR zurück, die damit den christlich besetzten Begriff Engel abschaffen wollte.

Viele Ostdeutsche laufen noch heute Sturm gegen das Wort. "Damit wollen uns die Wessis nachträglich verdummen", empört sich ein anonymer Rostocker im Internet. Tatsächlich sei das Wort zur Zeit der DDR gänzlich unbekannt gewesen und "eine typische Erfindung von Besserwessis": sprachliche Siegerjustiz.

Sollte diese These stimmen: Wie kam das Wort mit den Flügeln dann in die Sprache? Sollten es tatsächlich westdeutsche Witzbolde nach der Wende erfunden haben? Die Suche nach dem Wort führt an dahin, wo das mit ihm bezeichnete Ding selbst herkommt: der Weihnachtsengel.

Hölzerne Engel stammen meist aus dem Erzgebirge. Kunsthandwerk hat hier eine lange Tradition: Als die Eisenerzvorkommen im 16. Jahrhundert zurückging, mussten viele Erzgebirgler auf andere Berufe ausweichen. Das Schnitzen war zeitweise so beliebt, dass Kurfürst August 1560 eine Holzordnung erließ, wonach die Schnitzer ihren Rohstoff im benachbarten Böhmen kaufen mussten. Glashütten und Bergbau benötigten das wertvolle Holz für sich allein. Und wie fast alles hier, so hat auch der hölzerne Engel seinen Ursprung im Bergbau. Der Bergmann, der unter Tage im schwarzen Kohlestaub arbeitet, hat ein emotionales Verhältnis zum Licht.

Zudem war Licht ein Luxus und das Rüböl für die Lampen teuer. Erst mit der Stearinkerze wurde nach 1830 das Kerzenlicht zum Allgemeingut. Geschnitzte Leuchterfiguren wurden populär, meist als Paar: der Bergmann und sein Schutzengel. Zum Zentrum hölzerner Bermanns- und Engelsfiguren wurde das malerische Dorf Seiffen. Vom Bergbau ist hier nur noch ein historischer Lehrpfad geblieben, das Kunstgewerbe ist jedoch noch heute quicklebendig.

Das Kerngeschäft im reichhaltigen Sortiment ist noch immer die weihnachtliche Saisonware: Hirten, Krippen, Engel, Räuchermänner. Die Figuren, mittlerweile nicht mehr geschnitzt, sondern gedrechselt und handbemalt, sichern hier viele Existenzen. Im Berufsverband der Kunsthandwerker sind 88 Betriebe vom Familienbetrieb bis zum mittelständischen Unternehmen mit 150 Beschäftigten organisiert. Nach altem Brauch stellt man in der Region für jeden Mann im Haus einen Bergmann, für jedes weibliche Familienmitglied einen Engel ins Fenster. Damals, im Arbeiter- und Bauernstaat, galt der Bergmann selbstverständlich als Proletarier. Doch bereitete der Engel wirklich derartige Sprachprobleme, dass man ihn gegen ein Kunstwerk auszutauschen suchte?

Engel und Prolet: kein schriftlicher Beleg

Rolf Steinert vom Drechselzentrum Olbernhau war früher Geschäftsführer des "Warenzeichenverbandes der Kunsthandwerker und Kunstgewerbetreibenden der DDR", der schon in der DDR gegen Engelsplagiate aus Billiglohnländern kämpfte. An das Wort Jahresendflügelfigur erinnert er sich: "Diesen Begriff gab es in der DDR, der kam von oben." Die Bevölkerung habe solche Kunstworte freilich nicht angenommen: "Gegen solchen Unfug haben wir uns gewehrt." Wer ihn erfunden hat, weiß auch Steinert nicht.

Doch wenn es das Wort in der DDR tatsächlich gab, müsste es dann nicht irgendwo niedergeschrieben sein? Am Ost-Berliner Gendarmenmarkt befindet sich an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die Arbeitsstelle Deutsches Wörterbuch. Begonnen wurde das monumentale Werk 1838 von den Brüdern Grimm, bis heute wird es von Sprachwissenschaftlern aktualisiert und fortgeführt. In den Karteikästen, die sich meterhoch bis unter die Decke stapeln, finden sich viele Wörter aus der DDR und unter dem Buchstaben J auch das Wort Jahresendprämie, katalogisiert in den 1980er Jahren. Die geflügelten Jahresfigur, ist den Wörtersammlern offenbar durch die Lappen gegangen – vorausgesetzt es hat sie jemals gegeben.

Standhafte Atheisten: Nieder mit dem Weihnachtsmann!

Denn manche Sekptiker halten das Wort für die Erfindung eines Kabaretts aus Karl-Marx-Stadt. Und in der Internetenzyklopädie Wikipedia findet sich eine andere Erklärung: Die Jahresendfigur mit Flügeln sei eine Erfindung des "Eulenspiegels" gewesen. Das Satiremagazin der DDR habe sich damit über die die Sprache der Bürokraten lustig machen wollen. Tatsächlich war Sprachkritik oftmals die einzig mögliche Kritik an den Herrschenden. Jürgen Nowak, heute Chefredakteur des "Eulenspiegels", weist diese Variante jedoch zurück: "Zuviel der Ehre."

Immerhin gab es eine Karikatur, die eine Jahresendfigur zeigt. Mitarbeiter des "Eulenspiegels" war zu dieser Zeit der Humorist und Sprachkritiker Ernst Röhl. In seinem Buch "Wörtliche Betäubung" finden sich allerlei neudeutsche "Hieb-, Stich- und Schlagwörter", darunter so schöne Exemplare wie der Schlitzkopfgewindebolzen (Schraube), der Weichraumcontainer (Sack) oder das Fruchtstilbonbon (Lutscher). In dem 1986 in Ost-Berlin erschienenen Büchlein findet sich auch das Stichwort Jahresendflügelfigur. Dazu schrieb Röhl: "Nieder mit dem Weihnachtsmann! Wer glaubt schon noch an ihn. Es lebe der Jahresendmann!" Dem folgt eine Auflistung von Wörtern "für den standhaften Atheisten" von Jahresendabend bis -stern. Ist das Rätsel damit gelöst - und die Jahresendfigur nur die Erfindung eines Witzboldes?

Ernst Röhl, Jahrgang 1937, lebt heute als Rentner am Stadtrand von Berlin. Er habe so manches vergessen, sagt er, aber an die Jahresendfigur erinnere er sich noch. Es war Anfang der achtziger Jahre, da besuchte er einem Kunstgewerbegeschäft, vielleicht auf dem Berliner Alexanderplatz, genau weiß er es nicht mehr. Über dem Tisch mit den Weihnachtsengeln habe ein er ein Pappschild gesehen, das "Jahresendflügelfiguren" angeboten habe. Für Röhl steht fest: "Das Wort ist keine Erfindung, ich habe es vorgefunden und mich erst hinterher in meinem Buch darüber lustig gemacht." Einen hieb- und stichfesten Beweis hat auch Röhl nicht, doch er nennt eine Zeugin.

Helga Elschner ist heute beim Bund der Steuerzahler in Sachsen-Anhalt, damals war sie in Leipzig bei der Abteilung örtliche Versorgungswirtschaft. Als Anfang der Siebzigerjahre halbstaatliche Betriebe zu volkseigenen verstaatlicht wurden, begegneten der damaligen Referentin für Finanzen allerlei seltsame Wörter. Da sei aus einem Familienbetrieb, einer Sargtischlerei, die VEB Erdmöbel geworden, erinnert sie sich. "Daran war damals nichts ungewöhnlich, wir hatten uns an merkwürdige Wörter gewöhnt." Ebenso an die Jahresendflügelfigur. Die sei schon in der DDR Gegenstand des Humors gewesen. Einmal, so erinnert sich Elschner, hatten die Kakao-Lieferanten Importschwierigkeiten. Darum gerieten die Schokoladenweihnachtsmänner in jenem Winter ungewöhnlich blass, fast weiß. Die DDR-Bürger trösteten sich über die kakaoarme Schokolade mit einem Witz: "Das ist die sozialistische Jahresendfigur, der es gelungen ist, ihre braune Vergangenheit abzulegen."

Der Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser hat die Alltagssprache der DDR erforscht und allerlei umstrittene Wörter vorgefunden, darunter auch das Erdmöbel und die Jahresendflügelfigur, doch fehlt auch ihm der Erstbeleg. Ein Beweis für die reale Existenz des sozialistischen Phantomwortes ist noch immer nicht erbracht. Möglich, dass er irgendwo in einem Archiv oder einer privaten Sammlung schlummert.

Skurrile Blüten trieb aber nicht nur die Sprache der DDR. So gab es die "Rauhfutter verzehrende Großvieheinheit" auch in der westdeutschen Agrarsprache. Gemeint war eine Kuh. "Die Neigung zu Bürokratismen ist ein gesamtdeutsches Phänomen", resümiert Sprachforscher Schlosser. Und vielleicht ist diese Wahrheit geeignet, nach den langen Jahren der Sprachteilung wieder Frieden zu stiften unter den gesamtdeutschen Jahresendbäumen.


Sachdienliche Hinweise, die zur Beweissicherung beitragen oder gar zur Ergreifung des flüchtigen Wortes "Jahresendflügelfigur" führen, nimmt Bodo Mrozek unter folgender Mail-Adresse entgegen: rettet AT bedrohte-woerter.de

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