Wulff und die "Bild"-Zeitung Das Band ist zerschnitten

Der Bundespräsident spricht dem "Bild"-Chef erzürnt auf die Mailbox, der Anruf wird durch andere Medien bekannt. Der sonderbare Vorgang markiert das Ende einer Symbiose, die lange bestens funktioniert hat: "Bild" bekam die schönsten Geschichten von Wulff, Wulff die schönsten Geschichten von "Bild".

Christian Wulff und "Bild"-Chef Kai Diekmann: Rosarot-menschelnde Storys
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Christian Wulff und "Bild"-Chef Kai Diekmann: Rosarot-menschelnde Storys

Von Stefan Niggemeier


Dass die Geschichte stimmt, daran gibt es keinen Zweifel: Bundespräsident Christian Wulff hat Mitte Dezember auf die Aufforderung der "Bild"-Zeitung, Fragen zur Finanzierung seines Hauses zu beantworten, mit einem aufgebrachten Drohanruf bei Chefredakteur Kai Diekmann reagiert. Weil er ihn nicht persönlich erreichte, hinterließ er eine Nachricht auf der Mailbox, weshalb der offenbar wenig präsidiale Ausbruch anscheinend bestens dokumentiert ist. Doch wie gelangte der Inhalt nun in die Öffentlichkeit?

Die ursprüngliche Quelle der Geschichte ist klar: Kai Diekmann selbst. Aber der Chefredakteur verbreitete sie nicht in seinem eigenen Blatt. Zunächst haben weder "Bild" noch Bild.de über den Fall berichtet. Erst nachdem die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ("FAS") und die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") die Mailbox-Tirade zum Thema machten, reagierte "Bild" mit einer kurzen "Erklärung in eigener Sache".

Aber Wulffs Anruf war natürlich schon lange vorher Thema in der "Bild"-Redaktion. Und von der Nachricht existiert auch eine wörtliche Abschrift. Irgendjemand - Diekmann selbst oder ein Redakteur - muss die Geschichte weitererzählt haben.

Der kürzeste Weg von Diekmanns Mailbox in die "FAZ"

Es hat nicht lange gedauert, bis sie einen Weg an die Öffentlichkeit fand, allerdings nur als nebulöse Andeutung und versteckt in einer Fernsehkritik. Nils Minkmar, seit Anfang des Jahres Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", schrieb am 20. Dezember, gut eine Woche nach dem Anruf, in einem Artikel über die ARD-Sendung "Günther Jauch", in der es um Wulff ging. Darin findet sich etwas unvermittelt der Satz: "In Journalistenkreisen erzählt man sich von umständlichen, gewundenen Mailboxansagen bei Medienchefs, in denen der Bundespräsident bald drohend, bald bittend noch vor einer Veröffentlichung interveniert."

Der kürzestmögliche Weg von Diekmanns Mailbox in die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" würde über Diekmann und den "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher laufen, die schon früher enge Kontakte pflegten; aber natürlich sind auch andere Wege denkbar.

Minkmars Andeutung blieb zunächst ohne größeren Widerhall, vielleicht weil sie zu vage war. In ihrer jüngsten Ausgabe wurde die "FAS" plötzlich sehr konkret: Der Berliner Bürochef Eckart Lohse berichtete, dass Wulff am 12. Dezember Diekmann angerufen habe, und zitierte wörtlich aus dessen Nachricht: Wulff habe mit dem "endgültigen Bruch" mit dem Springer-Verlag gedroht, vom "Kriegführen" gesprochen sowie davon, dass der "Rubikon" überschritten sei.

Wegen des Neujahrstages erschien die "FAS" bereits am Samstag. Vielleicht lag es daran, dass an Silvester kaum Redaktionen besetzt waren, vielleicht daran, dass Lohse die Nachricht von dem bemerkenswerten Anruf eher nebenbei in einem größeren Stück über Wulffs Darlehen und sein Versteckspiel mit der Wahrheit untergebracht hatte. Jedenfalls explodierte dieses Stück erst mit knapp zwei Tagen Verspätung - als die "SZ" die Vorlage der "FAS" aufgriff, bestätigt fand und am Montag einen größeren Artikel veröffentlichte: "Wie Christian Wulff vergeblich versuchte, die Berichterstattung über seinen Hauskredit in der 'Bild'-Zeitung zu verhindern".

Bewusst den indirekten Weg gewählt

Der verzögerte und verschleierte Weg der Nachricht von der Mailbox des "Bild"-Chefredakteurs in die Medien hat etwas Verdruckstes und Dubioses. Diekmann soll dem Bundespräsidenten in einem späteren Telefonat, nachdem Wulff sein Bedauern über den Anruf geäußert habe, gesagt haben, die Sache sei damit für ihn erledigt. Gut denkbar, dass er dann aber den indirekten Weg über ein anderes Medium gewählt hat, die Nachricht zu lancieren, um sie benutzen zu können, ohne sich selbst die Finger schmutzig zu machen.

"FAS"-Mann Eckart Lohse meint jedenfalls nicht, Teil eines schmutzigen Spiels zu sein: Wenn der Bundespräsident Journalisten drohe, sei das ein "politischer Vorgang", sagt er - insbesondere, da sich die Vorwürfe in der Kreditaffäre bislang allesamt bestätigt hätten, es also nicht um eine Verleumdungskampagne ging, sondern um das Veröffentlichen von für den Präsidenten unangenehmen Wahrheiten. "Wenn der Präsident so etwas tut, ist das schon sehr berichtenswert", so Lohse.

Nach seinem wüsten Ausbruch auf der Mailbox wird Wulff zweifellos Schwierigkeiten haben, die regelmäßigen, zu seinem Amt gehörenden Bekenntnisse zur Pressefreiheit künftig unbefangen und überzeugend zu formulieren - so wie zuletzt ausgerechnet in seiner persönlichen Erklärung zur Kreditaffäre: "Ich weiß und finde es richtig, dass die Presse- und Informationsfreiheit ein hohes Gut ist in unserer freiheitlichen Gesellschaft." Die Vorgänge werfen aber auch ein Licht auf die besondere Beziehung zwischen Wulff und der "Bild"-Zeitung.

Bemerkenswert plumpe Wulff-Werbung

Das Blatt war ihm noch zu seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident außerordentlich behilflich. Wulff musste der konservativen katholischen CDU-Wählerschaft vor einigen Jahren die Tatsache vermitteln, dass er seine Ehefrau Christiane, mit der er eine Tochter hat, für eine neue Frau verlassen hatte. "Bild" verzichtete auf die Möglichkeit, den Ehebruch zu skandalisieren oder auf den Widerspruch zur christlichen Moral hinzuweisen, und malte stattdessen in vielen Artikeln ein strahlendes Bild des neuen, modernen, glücklichen Wulff. Schon in der großen Aufmachergeschichte über das Ende der Ehe im Sommer 2006 geben die "Bild"-Leute die Interpretation vor: "So besonnen wie in der Politik, so besonnen trifft Christian Wulff auch privat seine Entscheidungen."

Es folgten viele rosarot-menschelnde Storys: "Bild" freute sich, dass er mit seiner neuen Gefährtin plötzlich gut tanzte. "Bild" freute sich über den "Hingucker des Abends" beim Presseball: "Sie glänzte elegant in Schwarz (mit riesigem Rückendekolleté), strahlte übers ganze Gesicht. Wunderbar!" "Bild" freute sich über Wulffs neue Frisur: "mit kurzem Pony, die Haare frech und modern mit Gel nach oben gezupft!" "Bild" freute sich über "verliebte Blicke beim BILD-Sommerfest": "die schönste Liebes-Koalition des Abends".

Mit bemerkenswerter Plumpheit machte "Bild" Reklame für Wulff und fragte: "Regierungschef, Vater, Geliebter und Noch-Ehemann - wie kriegt Christian Wulff das bloß so prima hin?" Wulff dankte es dem Blatt mit Exklusiv-Informationen und Homestorys. Im Sommer 2006 öffnete er den Reportern seine "schneeweiße Jugendstil-Villa": "Liebes-Glück unterm Dach: CDU-Wulff und seine schöne Bettina". Ende 2007 konnte "Bild" jubeln: "Baby! Und jetzt wird geheiratet. In BILD lüften Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und seine Freundin Bettina ihr schönstes Geheimnis." (Zu diesem Zeitpunkt war Wulff immer noch mit seiner ersten Ehefrau verheiratet.)

Der Aufzug rauscht in den Keller

Es war der klassische Fall einer Symbiose zwischen einem Prominenten und der "Bild"-Zeitung. "Bild" bekam die schönsten Geschichten von Wulff - und Wulff bekam die schönsten Geschichten von "Bild". Erfahrungsgemäß sind die "Bild"-Zeitung und vor allem ihr Chefredakteur in solchen Fällen eine Weile treu und halten ihren Freunden auch und gerade in schwierigen Zeiten den Rücken frei. Aber auch eine solche Beziehung hält nicht ewig; am Ende ist es eine schlichte Abwägung, wovon das Blatt mehr profitiert: dem bevorzugten Zugang zu Wulff oder dem rücksichtslosen Aufarbeiten von Skandalen.

Wer mit der "Bild"-Zeitung "im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten", hat Springer-Chef Mathias Döpfner vor fünf Jahren gesagt. Das bedeutet: So sehr die "Bild"-Zeitung ihren Teil dazu beigetragen hat, dass Wulff ganz oben angekommen ist, so sehr trägt sie nun ihren Teil dazu bei, dass er wieder unten ankommt. Dem Blatt zu drohen, wie es Wulff getan hat, ist dabei mit Sicherheit die schlechteste Strategie.

Aber vielleicht lässt sich die Schärfe und Ungeschicklichkeit seiner Mailbox-Nachricht auch dadurch erklären, dass er erkannt hat, wie nachhaltig sich die Fahrtrichtung des Aufzugs geändert hat. Vermutlich hatte "Bild" mit der Recherche und der Drohung der Veröffentlichung die Beziehung aufgekündigt. So erklärte es sich auch, warum der Präsident von einem "endgültigen Bruch" mit dem Springer-Verlag gesprochen haben soll.

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insgesamt 224 Beiträge
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recommentor 02.01.2012
1. Wann kommt die Stunde der Judikative?
Ein *Dringlichkeitsappell* aus der Volksmasse, dem *"Souverän"(!)*, an Bundestag und/oder Bundesrat: *1. zur Erinnerung:* _Art. 56 GG - Eidesformel des Bundespräsidenten -:_ "Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. ... .` *2. zur Prüfung:* _Art. 61 Abs. 1 Satz GG - Präsidentenanklage -:_ (1) Der Bundestag oder der Bundesrat können den Bundespräsidenten wegen vorsätzlicher Verletzung des Grundgesetzes oder eines anderen Bundesgesetzes vor dem Bundesverfassungsgericht anklagen. Der Antrag auf Erhebung der Anklage muß von mindestens einem Viertel der Mitglieder des Bundestages oder einem Viertel der Stimmen des Bundesrates gestellt werden. *3. Wer hilft dem "Souverän" aus staatlich organisierter, politischer Unmündigkeit?*
regierungs4tel 02.01.2012
2. Liebe politische und journalistische Kommentatoren,
Zitat von sysopDer Bundespräsident spricht dem "Bild"-Chef erzürnt auf die Mailbox, der Anruf wird durch andere Medien bekannt: Der sonderbare Vorgang markiert das Ende einer Symbiose, die lange bestens funktioniert hat. "Bild" bekam die schönsten Geschichten von Wulff, Wulff die schönsten Geschichten von "Bild". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,806751,00.html
Bundespräsident Wulff hat bereits bei seiner Antrittsrede für jedermann nachvollziehbar geflunkert - und niemand außer einem Blogger hat es aufgegriffen: berlin2011.wordpress.com/2010/07/01/wulff-ist-sprachlos/ Seid bitte nicht so selbstgerecht - ihr alle hattet geschwiegen.
Schleswig 02.01.2012
3. xxx
Zitat von sysopDer Bundespräsident spricht dem "Bild"-Chef erzürnt auf die Mailbox, der Anruf wird durch andere Medien bekannt: Der sonderbare Vorgang markiert das Ende einer Symbiose, die lange bestens funktioniert hat. "Bild" bekam die schönsten Geschichten von Wulff, Wulff die schönsten Geschichten von "Bild". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,806751,00.html
Jetzt haben sogar die Linken die Bild Zeitung richtig lieb.Was man doch nicht alles fürs zahlende Publikum macht, oder da wir gerade von Zahlen sprechen .... sind die des Springer Verlages, respektive der Bild so mies.
kk1027 02.01.2012
4. Sind die Wulffel gefallen?
Nach der besinnlichen Feierzeit konnte der eine mit der anderen sicher über dies und das reden.... Leider gibt es darüber keine Comboxen. Doch wer den Rubicone kennt - sollte auch wissen, wann die Würfel geworfen wurden... Mir fällt dazu ein: hasta la vista, BP
kellitom 02.01.2012
5. Wulffs Glaubwürdigkeit ist am Ende!
Wie kann der BP noch glaubwürdig für die Pressefreiheit sprechen, wenn er sie mit Füßen tritt und wie ein Feudalherrscher bestimmen will, welche Artikel erscheinen dürfen und welche nicht. Dieser Angriff auf die Pressefreiheit bringt das Faß zum Überlaufen. Wulff ist nicht mehr zu halten, er muss seinen Hut nehmen.
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