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Klamme Kommunen: Wuppertaler Schauspielhaus endgültig geschlossen

Letzte Vorstellung: Der scheidende Intendant Treskow Zur Großansicht
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Letzte Vorstellung: Der scheidende Intendant Treskow

Schmerzhafter Abschied: Das Ensemble des Wuppertaler Schauspielhauses hat seine letzte Vorstellung gegeben. Das Gebäude ist sanierungsbedürftig, die Stadt hat dafür aber kein Geld. Ein Abriss ist nicht ausgeschlossen.

Wuppertal - Das Ende kam schleichend. Die große Bühne ist schon seit vier Jahren geschlossen, nur noch mit einer Sondergenehmigung durfte auf einer provisorischen Bühne im Foyer vor etwa 130 Zuschauern gespielt werden. Am Sonntag dann das endgültige Aus: Das Ensemble des Wuppertaler Schauspielhauses gab seine letzte Vorstellung.

"Eine Billion Dollar" hieß das Stück - ein passender, wenn auch perfider Titel, ist es doch der Sparkurs der hoch verschuldeten Stadt, der zu der Schließung geführt hat. Das Gebäude ist sanierungsbedürftig, die Umbauvarianten würden bis zu 40 Millionen Euro kosten - das kann sich Wuppertal nicht leisten. Inzwischen wird laut über einen Abriss nachgedacht.

Seit Jahren rottet das elegante Theatergebäude mit seinen Granitwänden, viel Marmor und schwarzen Ledersesseln. Dabei zeugt es von fast 50 Jahren Theatergeschichte. Zur Eröffnung 1966 hatte Heinrich Böll seine berühmte Rede "Die Freiheit der Kunst" gehalten. Intendant Christian von Treskow erinnerte daran, dass die legendäre Wuppertaler Choreografin Pina Bausch jahrelang "ihre schützende Hand über dieses Gebäude" gehalten habe. Kein halbes Jahr nach ihrem Tod am 30. Juni 2009 habe die Stadtspitze das Aus für die Spielstätte verkündet.

Die gesellschaftliche Bedeutung des Theaters hat sich seit Bölls Rede geändert. Während das Opernhaus für 25 Millionen Euro saniert wurde und weiterhin als Bühne für das weltbekannte Pina Bausch-Tanztheater dient, muss das Schauspielhaus dichtmachen. Für zwei Spielstätten hat die Stadt kein Geld mehr - eine Nachfrage nach insgesamt rund 1600 Zuschauerplätzen gibt es nicht mehr. Intendant Treskow sieht bei aller Bitterkeit das Ende relativ pragmatisch: "Eine kleine Großstadt mit zwei riesigen Theatern, das gibt es sonst nirgendwo."

Um Geld zu sparen, werden Oper und Sinfonieorchester in Wuppertal fusioniert und das Ensemble von 14 auf sieben bis acht feste Schauspieler reduziert, für die ab Sommer 2014 eine neue Spielstätte fertig sein soll: eine ehemalige Lagerhalle. Orchester-Chefdirigent Toshiyuki Kamioka wird Generalmusikdirektor und Opernintendant zugleich. Schauspielintendant Treskow wird zur Spielzeit 2014/15 von der Österreicherin Susanne Abbrederis abgelöst.

vks/dpa

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insgesamt 6 Beiträge
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1. ein fürwahr häßliches Schauspiel
albert schulz 01.07.2013
Zitat von sysopDPASchmerzhafter Abschied: Das Ensemble des Wuppertaler Schauspielhauses hat seine letzte Vorstellung gegeben. Das Gebäude ist sanierungsbedürftig, die Stadt hat dafür aber kein Geld. Ein Abriss ist nicht ausgeschlossen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wuppertaler-schauspielhaus-schliesst-endgueltig-a-908694.html
Die Sachlage ist eigentlich banal. Um die Jahrtausendwende wurde messerscharf erkannt, daß Oper und Schauspielhaus renovierungsbedürftig waren, was aber nur für die Oper zutraf. Man hatte 25 Millionen, und hat erstmal die Oper saniert, die das dringend nötig hatte, was zwar relativ glimpflich ablief, weil das Brandsschutzgutachten keinerlei untragbaren Zustände erkannte, aber natürlich wurde sehr viel mehr Geld benötigt als vorgesehen. Es war schlicht nichts mehr da für das moderne Schauspielhaus, das in einem Brandschutzgutachten verdammt worden war. Die weise Stadtverwaltung hatte das natürlich weit vorher gesehen. Nachdem sie Holk Freytag (2001) fristlos entlassen hatte, waren auch reihenweise Schauspieler betroffen von diesen hellsichtigen Eingebungen der Verwaltung. Zudem wurde ein Abwickler bestallt, ein gewisser Kuck, der von Regie nur bedingt eine Ahnung hatte, aber bereit war, das Haus aus der Diskussion rauszuhalten, was ihm in jeder Beziehung erfolgreich gelungen ist. Er konnte und durfte nur noch Ramsch abliefern und hat sich geflissentlich an diese Direktive gehalten, obwohl die Schauspieler nach wie vor meisterhafte Leistungen abgeliefert haben. Natürlich kann man einwenden, daß „Wuppertal“ nie begeistert vom Theater als moralische Anstalt war. Das Käsblatt der Stadt hat Freytag jedenfalls stets gekonnt und verläßlich verrissen. Ulkig war nur, daß man bei Premieren Feuilletonredakteure aus dem ganzen deutschsprachigen Raum antreffen konnte, die diese abartige Meinung nicht geteilt haben. Man wollte kein Schauspiel mehr. Und heute geistert durch die ortsansässige Presse, daß man 40 Millionen bräuchte, um das Schauspielhaus zu sanieren. Jeder Brandschutzsachverständige würde sich deswegen die Haare raufen, aber Brandschutz war nun mal über Jahre ein probates Argument gegen Bauten, die „man“ nicht haben will. Umweltschutz oder Naturschutz hätten hier wohl kaum den Absichten der Verwaltung genügt, so gern sie sich ihrer bedienen. Oder um es knapp und kurz zu sagen: sollte ein Abriß aus objektiven Gründen vonnöten sein, dann darf man das ähnliche Schauspielhaus in Stuttgart ebenfalls dem Boden gleichmachen. Fakt ist schlicht, daß Wuppertal Musikstadt ist. Es gibt ein Konservatorium (Musikhochschule), eine Oper, ein Sinfonieorchester von internationalem Rang, zumindest in Person des Dirigenten und zukünftigen Generalintendanten. Und natürlich eine akustisch berauschende Stadthalle, die ebenfalls erhalten werden muß. Das Orchester kann auch nur erhalten werden, wenn es bei Opern fiedelt. Und so hat die „Stadt“ in den sauren Apfel beißen müssen, sich von dem vergleichsweise recht preiswerten Schauspiel verabschieden zu müssen. Es war hart, im 19. Jahrhundert reichste und mächtigste Stadt im Reich, heute die Gemeinde mit den meisten Schuldnern, bei Armen und Hartzern nur noch knapp abgeschlagen vor Berlin, Gelsenkirchen und Magdeburg am Ende der Tabelle, beim Durchschnittseinkommen aber gleichauf (Nummer elf) mit München, Frankfurt oder Stuttgart. Ein wahrhaft häßliches Schicksal, das man nur mit schwallender Musik überleben kann.
2. eine
ollux 01.07.2013
kluge Entscheidung der Stadtverwaltung, diesen endlosen Investitionstopf nicht weiter zu befeuern. Da gibt es deutlich bessere Möglichkeiten, sinnhaft das Geld anzulegen.
3. Mit der Bahn nach Wuppertal
tomatosoup 01.07.2013
Ich habe in keiner anderen deutschen Großstadt jemals einen so hässlichen Bahnhof gesehen wie den Wuppertaler. Ich hoffe und wünsche, dass das vergammelte Theater und der vergammelte Bahnhof, beide, in Kürze auf der Müllhalde der Geschichte landen. Ob Heinrich Böll im Theater oder der große Bahn-Scheffe auf dem Bahnsteig einen F. gelassen haben, spielt keine Rolle. Rumms! Jetzt muss die Abrissbirne ran!
4. diese weihevolle Harmonie ist wahrhaft rührend
albert schulz 02.07.2013
Zitat von tomatosoupIch habe in keiner anderen deutschen Großstadt jemals einen so hässlichen Bahnhof gesehen wie den Wuppertaler. Ich hoffe und wünsche, dass das vergammelte Theater und der vergammelte Bahnhof, beide, in Kürze auf der Müllhalde der Geschichte landen. Ob Heinrich Böll im Theater oder der große Bahn-Scheffe auf dem Bahnsteig einen F. gelassen haben, spielt keine Rolle. Rumms! Jetzt muss die Abrissbirne ran!
So kenne ich meine Wuppertaler. Immer aufgeschlossen, tolerant, bildungsbeflissen, kulturerprobt in harten Zeiten. Was mußte diese arme Stadt nicht schon alles erdulden an aberklugen Einfällen. Der Oberbürgermeister wollte den Platz vor dem Schauspiel übrigens mal nach Horst Tappert benennen. Es handelte sich um eine massive konzertierte Aktion gemeinsam mit der Bildungszeitung, die leider jämmerlich in die Hose ging, weil das ganze Abendland zu lästern und zu johlen begann über den tiefsitzenden Kunstverstand der Eingeborenen.
5. die deutsche Sprache ist so reich
albert schulz 07.07.2013
Die WZ (Westdeutsche Zeitung) scheint ihren Obrigkeitsgehorsam ein wenig überwunden zu haben und hat tatsächlich einen Artikel gebracht, todesmutig. Nach der Kündigung der beiden Intendanten (Schauspiel, und Oper) nach nur vier Jahren (!) werden jetzt auch allen Darstellern „Nichtverlängerungsgespräche“ angeboten. Es scheint sich um das überaus ge-neröses Angebot einer Stadtverwaltung zu handeln, die mit Kultur ersichtlich nichts am Hut hat. Ensemble auf dem Abstellgleis - mit Video Wuppertal. Tauschen die Wuppertaler Bühnen einen Großteil ihres künstlerischen Personals aus? Die Gerüchteküche kochte am Wochenende fast über: Nicht nur Ensemblemitglieder hätten Post erhalten, die die Nichtverlängerung ihrer im Sommer 2014 auslaufenden Verträ-ge anzudrohen scheint. Fakt ist: Ab... mehr Ensemble auf dem Abstellgleis - mit Video - Kultur - Wuppertal - Lokales - Westdeutsche Zeitung (http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/kultur/ensemble-auf-dem-abstellgleis-mit-video-1.1358543) Erstaunlich sind die wenigen Wuppertaler Blogbeiträge in der WZ, was wenig erstaunlich ist, weil dort Klarnamen verwendet werden sollen, und weil man auf dem dunkelgrauen Untergrund sowieso nicht erkennen kann. Die Rundschau läßt übrigens verläßlich Kritik anklingen, allerdings zurückhaltend, und es gibt nur diesen Link, der den passenden Kommentar nicht enthält: Ensemble auf dem Abstellgleis - mit Video - Kultur - Wuppertal - Lokales - Westdeutsche Zeitung (http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/kultur/ensemble-auf-dem-abstellgleis-mit-video-1.1358543) Und jetzt fragt man sich natürlich, ob SPON auf Geheiß der gnadenvollen Obrigkeit oder Rat der einfühlsamen Anwälte hier ein Exempel statuiert.
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