www.LostArt.de: Deutsche Beutekunst-Liste im Internet

Die Bundesregierung hat ihr Bemühen um die Rückführung von Beutekunst an die meist jüdischen Eigentümer jetzt auch auf das Internet ausgedehnt. Unter der Adresse www.LostArt.de befindet sich die so genannte Linzer-Liste. Sie umfasst 2200 Kunstgegenständen, die ihren bis heute unbekannten Besitzern von den Nazis abgepresst worden waren.

Berlin/Moskau - Seit Montag können auf den Internet-Seiten Privatleute und Museen nach verlorenen Kunstwerken suchen und zugleich Kunstgegenstände, deren Besitzverhältnisse unklar sind, veröffentlichen. "Das Bemühen um Gerechtigkeit für die Opfer darf niemals nachlassen", betonte Kulturstaatsminister Michael Naumann (SPD) am Montag in Berlin.

Ein Ausstellungsstück des geraubten Priamos-Schatzes
REUTERS

Ein Ausstellungsstück des geraubten Priamos-Schatzes

Die 2200 Gegenstände der Internet-Liste sind Restbestände aus dem "Central Collecting Point" der amerikanischen Besatzungsmacht in München. Die so genannte Linzer Liste heißt nach jener österreichischen Stadt, in der Adolf Hitler zur Schule ging und wo später ein monumentales "Führermuseum" entstehen sollte. Naumann kritisierte, viele große deutsche Museen würden in ihren Archiven nicht intensiv genug nach Kunstwerken suchen, "die von den Nationalsozialisten mit vorgehaltener Pistole abgepresst wurden". Andererseits habe die Bundesrepublik nach dem Krieg sehr viel getan, um "Beutekunst" zurückzugeben.

Auf den Internet-Seiten sollen zudem bis Ende 2001 alle Bundesländer die Kunstwerke auflisten, die im und nach dem Krieg verloren gegangen sind. "Das wird den illegalen Handel mit Kunstwerken erschweren", zeigte sich Naumann sicher. Bislang haben die Museen Berlins und Sachsen-Anhalts ihre Verluste bekannt gegeben.

Die Suche wird von der Koordinierungsstelle der Länder für die Rückführung von Kulturgütern in Magdeburg betreut. Nach Angaben von Sachsen-Anhalts Kultusminister Gerd Harms hat die Stelle bislang 3,5 Millionen Objekte erfasst, von denen 36.000 in einer Datenbank genauer beschrieben sind.

Naumann betonte, das Bemühen um Rückgabe geraubter Kunstgüter verbessere die deutsche Verhandlungsposition bei Gesprächen mit Polen und den sowjetischen Nachfolgestaaten über die Rückgabe von Beutekunst. "Wir müssen dahin kommen, dass wir sagen können, wir haben wirklich alles getan, um Kunst zurückzugeben", begründete er die Initiative der Bundesregierung und der Bundesländer. In den vergangenen Jahrzehnten hatten deutsche Museen stets verneint, dass bei ihnen möglicherweise Raubkunst hängen könnte.

Gleichzeitig wies Naumann das vage Angebot des russischen Kultusministeriums als ungenügend zurück, den Priamos-Schatz an Deutschland lediglich für eine Ausstellung auszuleihen. "Es ist einfach nicht gestattet, Kulturgut zu stehlen", sagte Naumann zu dem von Heinrich Schliemann in Troja gefundenen Goldschatz, der 1945 in Berlin von der sowjetischen Besatzungsmacht geraubt worden war.

Die russische Seite dämpfte am Montag umgehend Erwartungen nach einem Ausleihen des Kunstschatzes. Als erster Schritt müsse das jahrelang umstrittene "Beutekunst"-Gesetz endgültig verabschiedet werden, sagte der Abteilungsleiter Anatoli Wilkow vom russischen Kulturministerium am Montag in Moskau. In Russland lagern etwa 200.000 Kunstwerke und zwei Millionen Bücher und Archivalien, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion verschleppt worden waren.

"Erst wurde geleugnet, dass der Priamos-Schatz in Russland ist, dann wurde der Schatz ausgestellt, und jetzt wird das Angebot des Ausleihens gemacht. Das ist ohne Zweifel eine aufsteigende Linie", sagte Naumann. "Die Rückgabe von Kunstgegenständen setzt voraus, dass russische Museen und Archive eine Liste aller aus Deutschland verbrachten Gegenstände aufstellen. Eine solche Liste fehlt bislang."

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