Architekturbiennale in São Paulo Hochbahntrassen zu Parkanlagen

Endlose Staus, Lärm, Gewalt und Betonbauten. Zur zehnten Architekturbiennale in São Paulo planen Aktivisten eine Revolution der Nachhaltigkeit. Grüne Ideen sollen die Schau zudem aus der Krise führen.

Ole Schulz

Von Ole Schulz, São Paulo


Ein Tisch ist das Herzstück der X. Architekturbiennale in São Paulo. Aus drei Teilen zusammengesetzt ergibt er ein Y. Der Künstler Luis Berríos-Negrón hat ihn entworfen. Sein Debatten-Tisch mit den drei Enden soll als eine "dynamische Plattform übliche Gesprächsgefüge aufbrechen", sagt der Architekt Matthias Böttger.

Böttger hat den deutschen Beitrag "Nós Brasil! We Brazil!" in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut kuratiert und dafür in den vergangenen Monaten in Curitiba, Porto Alegre und Salvador de Bahia Workshops zur Stadtentwicklung organisiert. Aktivisten und Architekten haben am Y-Tisch darüber diskutiert, wer die vom Wachstum und Wandel betroffenen Städte Brasiliens von heute gestaltet - und welche Rolle die "neue" Mittelklasse im Diskurs über die Stadtentwicklung von morgen spielen kann.

In Curitiba wurde zum Beispiel über die Zukunft der Stadt debattiert. Seit den sechziger Jahren war dort ein leistungsfähiges öffentliches Transportsystem mit eigenen Busspuren auf den Hauptstraßen eingeführt worden. Doch trotz des Nahverkehrs hat Curitiba die höchste Pkw-Zahl pro Einwohner einer brasilianischen Stadt. Die Straßen sind hier ähnlich verstopft wie in vielen anderen Großstädten des Landes.

Unter dem Titel "The Future of Smart City" gingen die Workshop-Teilnehmer der Frage nach, wie Curitibas öffentlicher Nahverkehr verbessert werden könnte und wie die neuen Mittelklassen an der städtischen Entwicklung teilhaben können. "Uns ging es darum, an dem Tisch Szenarien und Lösungsansätze zu entwickeln, die immer auch Raum für einen dritten Weg offenlassen", sagt Böttger.

Reflexionen über die "Classe C"

Präsentiert werden die Workshop-Ergebnisse zur Biennale in São Paulo nun als Texte und Interviews, als Zeichnungen und Planungsentwürfe in mehreren großformatigen Zeitungen - ausgelegt auf dem Y-Tisch im "Casa do Povo" im Viertel Bom Retiro. Sie enthalten nicht zuletzt Reflexionen über die "Classe C" - die neue Mittelschicht, in die wegen des Wirtschaftswachstums immer mehr Menschen aus der Armut aufgestiegen sind.

Der Urbanist Renato Cymbalista sagt: "Ein großer Teil der neuen Mittelklasse ist konsumorientiert, aber zugleich wollen alle, dass sich die städtischen Lebensbedingungen verbessern." Das gelte gerade für die von endlosen Staus, Lärm, Gewalt und den Betonbauten der brasilianischen Moderne geprägte Megalopolis São Paulo.

Der deutsche Beitrag ist Teil des internationalen Projekts "Weltstadt - Stadtwelten" des Goethe-Instituts und des Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und passt bestens zum diesjährigen Motto der X. Architekturbiennale: "Cidades - Modos de Fazer, Modos de Usar", etwa "Städte - Wege, sie zu gestalten, Wege, sie zu nutzen".

An vielen Orten zugleich

Es ist der Versuch, das Renommee einer Veranstaltung zu retten, die neben der Biennale von Venedig lange Zeit als weltweit wichtigstes Ereignis der Architekturwelt galt. Denn die im Zweijahresrhythmus veranstaltete Architekturbiennale ist bereits seit langem konzeptionell wie organisatorisch in die Krise geraten. Neben der Kunstbiennale in São Paulo war sowohl die Bedeutung der Architekturschau wie auch das öffentliche Interesse an ihr stetig zurückgegangen.

Nun hat ein junges Team um die Architekten Guilherme Wisnik, Ligia Nobre und Ana Luiza Nobre das Konzept der Biennale umgekrempelt. Statt sie wie bisher nur an einem Ort auszurichten, findet die Biennale dieses Jahr zum ersten Mal an vielen Orten der Stadt zugleich statt. "Wir wollten aber die Stadt und ihre Bewohner zum Thema machen - und gerade auch den prekären öffentlichen Nahverkehr", sagt Kuratorin Ligia Nobre.

Zu den wichtigsten Biennale-Orten zählt neben dem zentrumsnahen Centro Cultural de São Paulo, das am Stadtrand gelegene SESC Pompeia, ein 1982 zu einem Kulturzentrum umgebautes Fabrikgelände. An beiden Orten werden Fotoserien, Videoinstallationen und stadtsoziologische Untersuchungen zu den Themen Mobilität, Verdichtung und öffentlicher Raum gezeigt.

Mit der Aneignung des öffentlichen Raumes hat die Jugend begonnen. Seit einem Jahr treffen sich Skater auf dem Platz Praça Roosevelt in São Paulo. Ein Zeichen gegen den dröhnenden Autoverkehr setzen auch Fahrradfahrer, Jogger und Fußgänger, die nachts und am Wochenende den Minhocão, eine mehrspurige Schnellstraßentrasse im Zentrum der Stadt, bevölkern. Doch dabei soll es nicht bleiben: Anwohner des Minhocão haben ihren Blick derweil nach New York auf die "High Line" gerichtet - eine stillgelegte Hochbahntrasse, die vor sieben Jahren in eine Parkanlage umgewandelt worden ist. Auch der Minhocão soll nach den Wünschen der Anwohner begrünt werden.


X. Architekturbiennale in São Paulo: Noch bis zum 1. Dezember

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